Bosnische Gruppe zettelt Machtkampf bei Grammer an Krawall-Zulieferer Prevent mischt Autobranche erneut auf

Sesseltest, auch im Aufsichtsrat: Beim Autozulieferer Grammer will ein bosnischer Investor fünf Kontrolleure absetzen

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Im Reich von Francisco Javier Garcia Sanz, dem Einkaufschef des Volkswagen-Konzerns, haben wohl längst die roten Lichter aufgeleuchtet. Bei seinen Kollegen von Daimler  und BMW  wohl ebenso. Auch die IG Metall ist in Aufruhr.

Der Grund dafür ist auf den ersten Blick eher klein: Bei dem Autozulieferer Grammer, einem Spezialisten für Fahrzeugsitze und Innenausstattung, bahnt sich ein Machtkampf an. Zwei Investorengruppen wollen fünf der sechs Aufsichtsräte der Aktionärsseite durch ihre eigenen Vertrauensleute ersetzen. Zudem wollen sie Grammer-Chef Hartmut Müller ablösen.

Solche Streitigkeiten, so unschön sie auch sein mögen, sind im deutschen Mittelstand nichts Außergewöhnliches. Für branchenweite Alarmstimmung sorgen jedoch die Hintermänner jener beiden Investorengruppen, die nun den Grammer-Vorstand attackieren: Denn hinter der Cascade International Investment GmbH und der Halog GmbH, die je 10 Prozent der Grammer-Stimmrechte halten, stecken die Brüder die Brüder Kenan und Damir Hastor, die Söhne des bosnischen Geschäftsmanns Ninjaz Hastor.

Prevent greift nach der Macht bei dreimal größerem Gegner

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Und die Hastors, denen die Unternehmensgruppe Prevent gehört, haben erst im vergangenen Sommer gezeigt, dass sie nicht mit sich spaßen lassen. Im Streit um Geld für ein abgeblasenes Projekt stoppten zwei deutsche Prevent-Töchter im August 2016 die Lieferung von Getriebeteilen und Sitzbezügen an Volkswagen. Da Volkswagen sich bei diesen beiden Bestandteilen nur auf je einen Zulieferer verlassen hatte, waren die Folgen dramatisch: In Wolfsburg konnte der Golf, in Emden der Passat nicht mehr gebaut werden, 28 000 Mitarbeiter mussten pausieren. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hatte von "Erpressung" gesprochen.

Nach tagelanger Blockade einigte sich Prevent schließlich mit dem Volkswagen-Konzern. Doch Ausfall kostete VW nicht nur viele Millionen, er kratzte auch den Ruf der deutschen Autoindustrie an. Im Ausland war man erstaunt über den Auto-Riesen Volkswagen, der sich vom Zulieferer-Zwerg Prevent in Geiselhaft nehmen ließ.

Volkswagen kündigte damals Konsequenzen beim Einkauf an. Nun greift die Prevent-Eigentümerfamilie Hastor nach der Macht bei einem weiteren deutschen Zulieferer, der jedoch in einer anderen Liga spielt als die bisherigen deutschen Prevent-Autozulieferertöchter.

Grammer baut Armaturenbretter und Sitze für Autos, Lastwagen, Traktoren, Busse und Züge. Die größten Auto-Kunden: Der Volkswagen-Konzern, BMW und Daimler . Mit seinen 12.000 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden Euro Umsatz ist Grammer fast dreimal so groß wie die Prevent-Gruppe, die jährlich rund 500 Millionen Euro umsetzt.

"Das ist eine ganz kritische Situation"

Grammer will den Angriff seiner Minderheitsaktionäre nicht so einfach auf sich sitzen lassen. Die fünf von Cascade vorgeschlagenen neuen Aufsichtsräte der Aktionärsseite seien "fast ausschließlich" aktuelle oder ehemalige Angestellte der Prevent-Gruppe, ließ die Grammer AG in einer Mitteilung wissen. Vorstand und Aufsichtsrat des Sitze-Spezialisten "lehnen die Forderungen der Cascade ab", hieß es dort weiter. Nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren unter Mühen endlich auf Erfolgskurs gebracht worden sei, zögen da alle an einem Strang, heißt es im Grammer-Umfeld.

"Das ist eine ganz kritische Situation. Alle Automobilhersteller beobachten das mit großer Sorge", sagt Stefan Bratzel vom Autoinstitut CAM in Bergisch Gladbach. "Alle schauen genau, ob ein Investor wie Prevent sich weitere wichtige Zulieferer einverleibt und so sein Druck- und Blockadepotenzial erheblich erhöht." Aus der Autoindustrie heißt es: "Wir stehen Gewehr bei Fuß." Risikomanager und inzwischen auch Task Forces kümmern sich darum, dass die Produktion nicht still stehe und notfalls Alternativen gefunden würden.

Harte Bandagen für übernommene Möbelhersteller

Die Prevent-Gruppe hat nicht nur bei Volkswagen gezeigt, dass sie sich den rauen Umgangston der Einkaufsabteilungen nicht so ohne weiteres gefallen lässt. Auch mit Daimler stritt sich Prevent bereits vor Gericht.

Bei einigen Zukäufen haben die Hastors zudem gezeigt, dass sie nicht unbedingt zimperlich sind. Zur Prevent-Gruppe gehört auch eine Sparte für Holzverarbeitung und Möbelbau. Die war in den vergangenen Monaten in Deutschland durchaus einkaufsfreudig. Vor kurzem hat eine Investmentgesellschaft der Hastors den hoch verschuldeten Küchenhersteller Alno aus Pfullendorf übernommen.

Im Jahr 2016 schluckte die Prevent-Gruppe den Möbelhersteller Wössner, im Jahr davor den Polstermöbelspezialisten Gepade. Letzteren schickte Prevent bald endgültig in die Insolvenz. Bei Wössner wanderte die Möbelproduktion kurz nach der Übernahme nach Bosnien-Herzegowina, was in Deutschland 120 der 170 Wössner-Arbeitsplätze kostete.

Welches Geschäft Prevent-Gründer Hastor richtig verärgert hat

Dabei gilt das Geschäftsimperium der Hastors durchaus als durchaus gut geführt. Anders als viele osteuropäische Unternehmer hat Nijaz Hastor Berichten zufolge nie mit lokalen Politikern gekungelt. Im Dunstkreis von Gaunereien oder Bereicherungen durch gute politische Kontakte, wie sie in Balkan-Ländern oft vorkommen, fanden sich die Hastors nie. Ihre Unternehmensgruppe, die alleine in Bosnien 5000 Mitarbeiter beschäftigt, stückelten die Hastors in jahrzehntelanger Arbeit zusammen.

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Neben dem Autozulieferergeschäft und dem Möbelbau sind sie auch in der Immobilienbranche, im Yachtbau und im Bankengeschäft aktiv. Lange waren die Hastors auch die bosnischen Hauptimporteure von VW, Audi, Seat, Skoda und Porsche. Dieses Geschäft traten die Hastors im Jahr 2015 an die Volkswagen-Tochter Porsche Holding Salzburg ab. Offenbar nicht ganz freiwillig, sondern auf Druck des Volkswagen-Konzerns. Darüber, so heißt es in Berichten, soll Unternehmensgründer Nijaz Hastor entsprechend verärgert gewesen sein.

Hastors greifen Grammer-Führung öffentlich an

Ärger über Hastor gibt es nun aber nicht nur bei den Autoherstellern - sondern auch bei Arbeitnehmervertretern. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler hat schon mal Widerstand gegen die Machtübernahme der Hastors bei Grammer angekündigt. In der Belegschaft "herrscht ein Stück Angst, wie geht's weiter, und auch Wut", sagt ein Gewerkschafter. Die Grammer-Mitarbeiter hätten bei der Restrukturierung erhebliche Opfer gebracht, sie wollten jetzt nicht um die Früchte gebracht werden.

Die Kampfbereitschaft sei hoch - das sei die klare Botschaft an alle Aktionäre. "Einem möglichen feindlichen Übernahmeversuch durch die Hastor-Familie werden wir uns als Arbeitnehmer daher vehement widersetzen", betont Wechsler.

Die Hastors keilen da schon mal zurück. In einem ersten öffentlichen Statement zu den Vorgängen bei Grammer bestreitet die zum Hastor-Reich gehörende Investmentgesellschaft Cascade, eine "feindliche Übernahme" von Grammer zu planen. Zum anderen griff sie die Führung von Grammer massiv an. Sie sei bei steigenden Umsätzen "nicht mit dem nötigen Engagement" gegen sinkende Gewinnmargen angegangen. Cascade forderte erneut "die schnellstmögliche Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung".

Wenn die Investmentgesellschaft damit durchkommt, dürfte das eine turbulente - und sehr gut besuchte - Veranstaltung werden.

mit Material von dpa
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