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Sportwagen in Kleinserie: Das harte Los deutscher Auto-Manufakturen

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Comeback der Sportwagenmarke fast fix Wie die Berry-Brüder Wiesmann wiederbeleben wollen

Der Kaufpreis ist moderat, die Hoffnungen und Zeitpläne sind dafür ambitioniert: Nach monatelangem Schlingerkurs hat die insolvente Sportwagen-Marke Wiesmann de fakto neue Eigentümer. Die britischen Brüder Roheen und Sahir Berry sollen die Namensrechte, Produktionsanlagen und die Immobilien der Dülmener Sportwagenschmiede übernehmen. Das haben die Gläubiger des Unternehmens gestern in einer Versammlung beschlossen - mit großer Mehrheit. Bereits im November hatten die Briten dafür entsprechendeKaufverträge unterzeichnet.

Rund 5,7 Millionen Euro sollen die britischen Geldgeber dafür auf den Tisch legen. Eine zweistellige Millionensumme wollen die Berry-Brüder in die Wiederaufnahme der Produktion und die Erneuerung der Fahrzeuge stecken. Mittelfristig soll Wiesmann 250 bis 300 Fahrzeuge pro Jahr bauen - ein Zahl, die die Dülmener bisher nur in Spitzenjahren erreichten. Expandieren soll Wiesmann zunächst nach Großbritannien und Indien. Auch im mittleren Osten will Wiesmann bald seine Sportwagen anbieten.

Die Pläne der neuen Investoren sind ehrgeizig: Wenn alles läuft wie geplant, sollen bereits Ende 2016 die Fertigung der Sportwagen wieder anlaufen - von Anfang an sollen die Dülmener auch Rechtslenker-Versionen bauen. Bis Ende nächsten Jahres soll es auch Wiesmann-Händler in London und in der indischen Millionenstadt Neu Delhi geben, heißt es bei dem Unternehmen. Diese sollen zunächst Wiesmann-Sportwagen zeigen, die noch in der Insolvenzmasse übrig sind - bevor die neuen Rechtslenker in den Auslagen stehen können.

Die vollständige Übernahme durch die Briten und damit der geplante Neustart hängen zwar noch an einer Formalie. Doch in spätestens zwei Monaten sollte der Sportwagenmanufaktur dann endgültig den neuen Investoren gehören, meint André Schmidt, der deutsche Sprecher der Berry-Brüder.

Unternehmensgründer sind als Berater an Bord

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Wiesmann: Etappen einer kurzen Unternehmensgeschichte

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Wiesmann stellte bis zur Insolvenz 2013 Roadster und Sportcoupés in Kleinserien her. Die Wagen mit dem Gecko-Logo auf der Motorhaube kosteten jenseits von 100.000 Euro, die starken Motoren stammten von BMW. Seit Gründung des Unternehmens 1988 hat Wiesmann knapp über 1600 Luxus-Wagen mit den nostalgischen Karosserien ausgeliefert.

Die neuen Besitzer wollen zunächst dafür sorgen, dass die Produktion wieder anläuft. Vorerst soll Wiesmann in Dülmen seine vor der Insolvenz angebotenen Modelle neu auflegen- mit den bisherigen Karosserien, aber neuen Aggregaten. Denn die bisher von Wiesmann eingebauten BMW M-Motoren erfüllen die neuen gesetzlichen Abgasnormen nicht mehr.

Als ersten Schritt stellen die Briten den neuen Führungskreis des Autoherstellers zusammen. Als neue Geschäftsführerin bei Wiesmann fungiert dabei Anita Tatalovic, eine Bankerin, die den Kaufvertrag der Berry-Brüder mit eingefädelt hat. Die Unternehmensgründer Martin und Friedhelm Wiesmann, die sich 2012 auf Druck des damaligen Eigentümers zurückgezogen hatten, wollen die Berry-Brüder als Berater wieder an Bord holen. Teil der Geschäftsführung werden sie zwar nicht, ihre Verbindungen zu ehemaligen Lieferanten und Arbeitnehmern wollen die neuen Investoren jedoch nutzen.

Wiesmann soll zum Lifestyle-Wagen werden - für junge, reiche Sportwagenfans

Das dürfte auch bei notwendigen Verhandlungen mit dem bisher wohl wichtigsten Wiesmann-Lieferanten helfen - dem Autohersteller BMW. Laut Schmidt gab es bereits erste Gespräche mit BMW über die Lieferung neuer, sauberer Motoren. Fixe Liefervereinbarungen gibt es jedoch noch nicht. Immerhin: Mit der positiven Entscheidung der Gläubiger können die britischen Investoren nun leichter Verhandlungen führen - nicht nur mit BMW, sondern auch mit weiteren Lieferanten und auch potenziellen Mitarbeitern.

Die Zahl der Wiesmann-Mitarbeiter soll allerdings im zweistelligen Bereich bleiben. Was der Sportwagenhersteller nun anders machen soll als vor der Pleite: Die neuen Investoren wollen Wiesmann internationaler machen. Bisher war die Marke vor allem Sportwagen-Enthusiasten in Deutschland und den angrenzenden Ländern ein Begriff, das soll sich bald ändern. Für die Kombination von deutscher Ingenieurskunst mit dem eher undeutschem-Retrodesign sehen die Berry-Brüder international Marktlücken - zunächst in England, Indien und im nahen Osten. Als Zielgruppe haben die neuen Wiesmann-Besitzer dabei jüngere, wohlhabende Sportwagenfans im Visier.

Neue Besitzer sind selbst wohlhabende Sportwagenfans

Zu dieser Szene dürften die Berrys gute Kontakte haben, denn sie offenbar ein Teil davon: Die beiden Brüder arbeiten für die von ihrem Vater gegründete Contec Group. Das in London beheimatete Software-Unternehmen ist auf Sicherheitslösungen spezialisiert - mit Niederlassungen in den USA, Indien, Dubai und Nigeria. Roheen Berry hat in Harvard studiert und lebt in London. Dem Vernehmen nach soll er selbst mehr als ein Dutzend Sportwagen in seiner Garage stehen haben. Sein Bruder Sahir besitzt in Indien nebenher eine kleine Tuningschmiede namens Sportwagen-Performance.

Selbst die Wiesmann-Geschäfte führen wollen die beiden Brüder nicht, heißt es. Aktive Investoren wollen sie allerdings schon sein. Die Sportwagenmarke sei eine "Herzensangelegenheit" für sie. Gewinne peilen die neuen Geldgeber dem Vernehmen bereits für das Jahr 2018 an - also innerhalb von zwei Jahren.

Wie weit das klappt, werden die nächsten Jahre zeigen. Das Konzept der chinesischen Gegenbieter traf etwas andere Annahmen als die Briten: Laut den Chinesen könne der Standort die Manufaktur in Dülmen erst ab einer Stückzahl von 400 Fahrzeugen pro Jahr profitabel arbeiten. Zudem hielten sie Investitionen von 30 Millionen Euro für notwendig, um die Fahrzeuge technisch auf Stand zu bringen.

Die Berry-Brüder wollen da kleinere Brötchen backen. Größere Investitionen in die Technik haben sie bisher nicht angekündigt. Der Glaube an die Strahlkraft der Marke und das außergewöhnliche Design ist offenbar sehr stark.

wed/dpa