Sonntag, 17. November 2019

Toyotas Pläne mit der Brennstoffzelle Wasserstoffautos zum Preis eines Benziners

Toyota Mirai: Angetrieben mit Wasserstoff

Alle reden von Batterien. Brennstoffzellen? Wir nicht. Deutschlands Autobauer arbeiteten vor Jahrzehnten an der Idee, Autos statt mit flüssigen Kohlenstoffverbindungen mit Wasserstoff zu betanken. Wie einst im Raumschiff Apollo sollte Wasserstoff in Strom verwandelt werden, und voilà: abgasfreies Autofahren ohne "range anxiety" (nein, den Begriff gab's damals noch nicht). Es ist still geworden um das Wasserstoffauto. "Gute Idee, machen wir auch nicht", schien bis dato der Konsens der Kraftfahrzeugindustrie zu sein, denn schließlich gilt inzwischen als ausgemacht, dass die Zukunft der Mobilität batteriebetrieben ist.

Wirklich?

Im fernen Japan gibt es einen eigensinnigen Wasserstoff-Asterix namens Toyota, der einfach nicht von der Brennstoffzellen-Idee ablassen will. Die Japaner haben sich sogar auf die Fahne geschrieben, Wasserstoffautos eines Tages für weniger Geld als ihr Brot-und-Butter-Modell, den Corolla, zu verkaufen.

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Zwischen zwei Shinkansen-Zügen treffe ich im Tokyoter Shinagawa-Bahnhof Professor Katsuhiko Hirose, einst Nuklearphysiker und danach General Manager von Toyotas Brennstoffzellen-Entwicklung. Um den 63-Jährigen zu hören, muss man auf's Imperial College in London gehen, zum World Economic Forum in Davos pilgern - oder sich in ein lautes Café gegenüber von Gleis 24 setzen. Hirose arbeitet seit 16 Jahren an Toyotas Wasserstoffprojekt, der Konzern erforscht die Thematik noch viel länger, beide sind unbeirrt.

Der verrückte Professor

Vergessen wir das Klischee der schmallippigen, zugeknöpften Führungskraft von Japan Inc. Hirose ein quirliger Mann, Typ leicht verrückter Professor, der gerne lacht und selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Er stellt es unter Beweis, noch bevor die erste Tasse Kaffee getrunken ist:

Bertel Schmitt
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    Bertel Schmitt
    Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen. 40 Jahre lang war er der Kopf hinter dem "Merkheft" von Zweitausendeins. Der gebürtige Bayer lebt in Tokio, arbeitet für das Onlineportal TheDrive und betreibt zusammen mit seinem Partner Ed Niedermeyer den Industrie-Blog Dailykanban.com.

"Ich würde nicht sagen, dass Wasserstoff von der Autoindustrie aufgegeben wurde", korrigiert er mich. "Viele Autobauer arbeiten daran - im Stillen. Die Industrie ist damit beschäftigt, keine Kunden an Tesla zu verlieren. Autobauern hilft es bei ihrem Kampf gegen Tesla nicht weiter, wenn sie jetzt auch noch über Brennstoffzellen reden. Es ist wie beim Fußball: Auch hier gibt's Fanatiker."

Normalerweise ist es bei Toyota tabu, den Namen eines Wettbewerbers auch nur zu erwähnen, wenn ein Automanager gar davon spricht, "Kunden an Tesla zu verlieren" müsste hiesigen Erwartungen zufolge eigentlich der Himmel einstürzen. Doch der Himmel bleibt, wo er ist.

Musk und andere Fanatiker

Nur der grenzenlos Naive glaubt, dass abgasfreie Technologien jedweder Couleur überall in der Welt der Nachhaltigkeit mit offenen Armen begrüßt werden. Unter Batteriebesessenen sind die Fans von Brennstoffzellen ähnlich erwünscht wie Stormy Daniels auf einer Trump-Wahlkampfveranstaltung. Das geistliche Oberhaupt dieser EVangelikalen, Tesla-Chef Elon Musk, beschimpft Brennstoffzellen abwechselnd als "unfassbar blöde", "unglaublich dumm", oder als "fool cell." Wenn er das sagt, tobt der Saal.

Zum Katechismus der Evangelikalen gehört ein Papier von Dr. Ulf Bossel, gebürtig aus Oberhessen, seit 1995 Schweizer. Bossel ist wie Hirose gelernter Nuklearphysiker. 2006 veröffentlichte er in den "Proceedings of the IEEE" eine Brandschrift gegen den Wasserstoffantrieb, in der die Brennstoffzelle als Energieverschwender gegeißelt wird.

Testfahrt im Toyota Mirai: Der weite Weg zum Wasserstoff

Hirose nippt an seiner Tasse und zerlegt anschließend genüsslich die Thesen seines Professorenkollegen. Flüssiger Wasserstoff verflüchtigt sich binnen zwei Wochen aus dem Tank? "Wir haben keinen flüssigen Wasserstoff im Tank." Brennstoffzellen vergeuden etwa 30 Prozent der gespeicherten Energie? "Bei der Batterie gehen 60 bis 70 Prozent der Energie schon vorher verloren - im Kraftwerk." Inzwischen scheint sogar Bossel selbst nicht mehr hinter seiner Brandschrift zu stehen: Er lebt in Oberrohrdorf bei Zürich und ist Inhaber der Almus AG, laut Web-Präsenz ein Hersteller von Brennstoffzellen.

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