Daniel Stelter

Reichster Mann der Welt Was Elon Musk jetzt tun muss

Daniel Stelter
Eine Meinungsmache von Daniel Stelter
Elon Musk ist der neue reichste Mann der Welt. Allerdings nur auf dem Papier: Das sollte ihn nervös machen.
Liebling der Anleger: Tesla-Chef Elon Musk.

Liebling der Anleger: Tesla-Chef Elon Musk.

Foto: Peter Foley/ picture alliance / dpa

 

Gute Nachrichten zum Jahresanfang: Wir haben einen neuen reichsten Menschen der Welt. Nicht mehr Amazon-Gründer Jeff Bezos ist die Nummer 1, sondern Elon Musk, Multigründer, Multimilliardär und vor allem als Chef von Tesla bekannt.

Der Kurs von Teslas Börsenbewertung versiebenfachte sich im letzten Jahr und liegt aktuell bei rund 700 Milliarden US-Dollar (570 Milliarden Euro). Die deutschen Autokonzerne VW (79 Milliarden Euro), Daimler (61 Milliarden Euro) und BMW (46 Milliarden Euro) kommen zusammen auf rund 186 Milliarden Euro.

Schon lange vor der Explosion des Kurses von Tesla gab es erhebliche Skepsis. Nicht umsonst gehörte die Aktie zu den "most-shorted-stocks", also jenen Aktien, auf deren Kursverfall gewettet wird. Ein wahres Blutbad für die Baisse-Spekulanten kann man nur konstatieren.

Andererseits wissen wir, dass die vergangene Entwicklung nur bedingt als Indikator für zukünftige Performance taugt. Im Gegenteil, es ist nicht selten der Fall, dass Aktien, die immer schneller immer höher steigen, umso abrupter einbrechen. Ob dies bei Tesla der Fall sein wird, vermag ich nicht zu sagen. Skepsis ist auf jeden Fall angebracht. 

Zukunft der Automobilbranche relevant

Nun ist zu lesen, dass Autobauer wie VW ihren eigenen Aktienkurs nach oben treiben wollen, um nicht einen immer größeren Finanzierungsnachteil gegenüber Tesla zu haben. Das klingt in der Theorie gut, dürfte sich aber schwer realisieren lassen. Denn es kommt nicht nur darauf an, wie die Unternehmen relativ zueinander bewertet sind, sondern darauf, was der Sektor gesamthaft wert sein kann. 

Denn im Gegensatz zu einer zunehmend verbreiteten Meinung spielt es auch in einem Umfeld von Zinsen nahe null eine Rolle, wie viel Cashflow die Unternehmen erwirtschaften. Dies gilt ebenso für den Sektor als Ganzes. Man muss also nicht nur recht optimistische Annahmen über künftige Stückzahlen und Profitabilität von Tesla haben, sondern für die ganze Industrie. So mag es gut sein, dass Tesla die Branche demnächst dominiert, doch wie attraktiv ist der Markt in Zukunft noch? 

Es ist ja nicht nur der technologische Wandel, der die Industrie vor Herausforderungen stellt. Mindestens ebenso schwer wiegt das veränderte Konsumentenverhalten. Die junge Generation sieht das eigene Auto immer weniger als Statussymbol: Nutzen wird wichtiger als besitzen.

Hinzu kommen die unstrittige Notwendigkeit für Ballungsräume, andere Mobilitätskonzepte zu finden und der globale Trend zur Reduktion von Treibhausgasen. Der Markt wird im doppelten Sinne kleiner: weniger Autos und dann im Schnitt auch noch kleinere Fahrzeuge. Die Gewinnmargen bringt das weiter unter Druck.

2017 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Industrie mit 80 Millionen produzierten Fahrzeugen den absoluten Höhepunkt erreicht hat – Peak Auto. Schrumpfende Branchen mit Überkapazitäten machen schon unter normalen Umständen wenig Spaß. Packen wir den technologischen Wandel und den (umwelt-)politischen Druck dazu, kann man eigentlich nur davon abraten, sich Automobilwerte in das Depot zu legen. Anbieter wie Tesla mögen relativ besser abschneiden, was aber nicht bedeuten muss, dass sie absolut noch Freude machen. 

Papiergewinne sind nichts

Bisher steht der Reichtum von Elon Musk nur auf dem Papier. Sein Anteil von 20 Prozent an Tesla allein ist 140 Milliarden wert. Viele weitere Milliarden winken, wenn das Unternehmen seine Ziele erreicht. Das Problem dabei: Egal wie berechtigt die Bewertung von Tesla sein mag oder nicht, die Gewinne stehen nur auf dem Papier. Sollte Musk nüchtern auf sein Portfolio blicken, müsste er überlegen, wie er den Gewinn zum Teil sichern kann.

Leicht wäre das nicht. Denn sobald er anfängt, in größerem Umfang zu verkaufen, drückt er den Kurs. Auch andere Investoren könnten zweifeln und schneller als gedacht würde der Kurs auf ein deutlich tieferes Niveau zusteuern.

Was also tun? Nun, ein Blick in die Börsengeschichte hilft. Steve Case, Mitgründer und Vorstandschef von America Online (AOL), damals der weltweit größte Internetanbieter, hatte im Jahr 2000 ein ähnliches Problem. Getragen von der New-Economy-Euphorie war AOL weit überbewertet – was ähnlich wie heute eine nicht unumstrittene Einschätzung war.

Im Januar 2000 übernahm AOL das sehr viel größere klassische Medienunternehmen Time Warner für 165 Milliarden Dollar und bezahlte dafür mit den eigenen hoch bewerteten Aktien. Gemeinsam waren die Unternehmen an der Börse rund 350 Milliarden wert und die Anteilseigner von AOL – obwohl deutlich kleiner –, hielten einen Anteil von 55 Prozent. Die Märkte waren begeistert, der Kurs von AOL legte ob der Ankündigung weiter zu.

Der Rest ist Geschichte: Die Internet-Blase platzte, die Integration der Unternehmen kam mehr schlecht als recht voran und neun Jahre später verkaufte der Konzern, dessen Marktkapitalisierung auf jämmerliche 38 Milliarden Dollar geschrumpft war, AOL wieder.

AOL/Time Warner wird immer gern als ein Beispiel für eine misslungene Übernahme angeführt, die immerhin rund 300 Milliarden Dollar an Wert vernichtet hat. Doch das stimmt nicht ganz. Wie immer gibt es Gewinner und Verlierer.

Gewinner sind jene, die die Übernahmen zum Aussteigen genutzt haben – als Aktionäre von Time Warner aber noch mehr als Aktionäre von AOL. Selbst jene Aktionäre von AOL, die nicht ausgestiegen sind, weil sie nicht wollten oder konnten – wie die Großaktionäre – erlitten weniger Verlust, als sie ohne diese Fusion hätten hinnehmen müssen. Indikator dafür ist der Wert von AOL im Jahr 2009 von rund drei Milliarden Euro.

Verlierer waren jene, die ihre Time-Warner-Aktien in die Aktien des neuen Unternehmens getauscht und nicht verkauft haben. Es kam also zu einer Vermögensverschiebung, die vor allem für jene nützlich war, die auf hohen Papiergewinnen saßen und ahnten, dass sie nicht zu halten sein würden.

 

Tesla kann alles kaufen

Noch mal: Ich bin kein Hellseher und behaupte auch nicht, dass Tesla heute in irgendeiner Weise mit AOL damals zu vergleichen ist. Die Lage, dass große Aktionäre von Tesla nach einem intelligenten Weg suchen, Papiergewinne in größerem Stil zu realisieren, dürfte allerdings ähnlich sein.

Die Argumentation für den Kauf eines traditionellen Herstellers liegt auf der Hand: Tesla hat die Technologiekompetenz für Batterie, Elektronik und autonomes Fahren et cetera. Der Partner der alten Industrie bringt Kompetenz in Produktion, möglichst einen oder mehrere gute Markennamen und ein Vertriebsnetz mit. Es wäre doch gelacht, wenn sich kein Berater fände, der da erhebliche Synergien identifiziert. 

Bleibt ein Problem: Welches Unternehmen sollte Tesla denn kaufen? Im Vergleich zur eigenen Marktkapitalisierung sind alle anderen Automobilhersteller Zwerge. Mit Blick auf Image und Potenzial sollte es schon ein deutscher Anbieter sein. VW böte vieles, dürfte aber wegen der Eigentümerstruktur (Land Niedersachsen) und der starken Gewerkschaften ausscheiden. Bleiben BMW und Daimler – oder am besten beide? Zwar gibt es auch hier starke Großaktionäre, bei BMW mehr als bei Daimler, doch könnten diese bei dem richtigen Preis und mit Blick auf die Zukunftsaussichten der Branche durchaus geneigt sein, die Gelegenheit zum Ausstieg zu nutzen.

Bei gut 100 Milliarden Euro für BMW und Daimler zusammen und einer großzügigen Prämie hätten die Alt-Aktionäre von Tesla immer noch gut 75 Prozent an dem gemeinsamen Unternehmen. Ähnlich wie im Jahr 2000 dürften die Aktionäre von Tesla begeistert sein und der Kurs würde zulegen. Denn wer, wenn nicht Elon Musk, sollte die "Dinosaurier" der Automobilindustrie in die Zukunft katapultieren?

Wäre ich Elon Musk, würde ich ernsthaft darüber nachdenken. Wäre ich Aktionär von BMW und Daimler, würde ich darauf hoffen – und wenn es wirklich passierte, das Geld vom Tisch nehmen.

Nur ein Gedankenspiel – keine Prognose.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

 

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