US-Elektroauto-Hersteller Warum Tesla in Deutschland keine Chance hätte

Als deutsches Unternehmen wäre Elektroauto-Hersteller Tesla bereits im Dax vertreten. Doch Elon Musk baute die Firma in Kalifornien auf. Ausgerechnet in der Autonation Deutschland wäre er wohl gescheitert.
Teslas Model S auf der IAA: Während die deutschen Hersteller es in Frankfurt krachen lassen, begnügen sich die Kalifornier mit einem Mini-Stand an der Rolltreppe

Teslas Model S auf der IAA: Während die deutschen Hersteller es in Frankfurt krachen lassen, begnügen sich die Kalifornier mit einem Mini-Stand an der Rolltreppe

Foto: Jürgen Pander

Hamburg - Wenn Autoexperte Tom Turrentine an seine Studentenzeit in Los Angeles denkt, hat er vor allem Staub und Dreck vor Augen. "Als ich Fußball spielte, waberte schmutzige Luft zwischen den Toren", erinnert sich Turrentine, Forscher an der University of California, an die 70er-Jahre. Schuld waren Autoabgase, die in den dichten Tälern kaum abzogen. "Deshalb gab es später Gesetze, die Herstellern von Elektroautos helfen sollten."

Jetzt tragen die Gesetze Früchte. Tesla Motors , ein zehn Jahre altes Start-up aus Palo Alto im Silicon Valley, wirbelt in den USA den Automarkt mit seinen Premium-Elektroautos durcheinander. Etwa 2000 Limousinen des Typs Model S rollen Monat für Monat vom Band.

Die Jahresproduktion für 2013 ist längst ausverkauft. Firmenchef Elon Musk versucht krampfhaft, die Kapazität zu erweitern, um weltweit zu expandieren. Schon schnappt Tesla etablierten Herstellern wie BMW , Mercedes, Audi , Cadillac und Lexus in Amerika erhebliche Marktanteile im Luxussegment weg. Tesla wird als neue nationale Industrie-Ikone gefeiert, an der Börse ist das Unternehmen etwa 20 Milliarden Dollar wert - kaum zu glauben angesichts eines Mini-Standes an der Rolltreppe auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt.

In Deutschland hätte ein derart kometenhafter Aufstieg Tesla bereits einen Platz im Dax  beschert. Das Unternehmen ist mehr wert als RWE , Henkel  oder die Lufthansa .

Wagniskapital, hungrige Mitarbeiter, politische Unterstützung

Doch warum ist Tesla eigentlich ein amerikanisches und kein deutsches Unternehmen? Dann hätte Deutschland einen neuen Wachstumsstar in der Branche, mit guten Aussichten für weltweite Expansion. Immerhin ist doch die Bundesrepublik die Autonation schlechthin - zumal, wenn es um Premiumautos geht.

Doch ein Unternehmen wie Tesla hätte hierzulande wohl niemals Erfolg gehabt. Das hat mit den Erinnerungen von Tom Turrentine an die schlechte Luft und die Gesetze dagegen zu tun. Es hat auch damit zu tun, wie Unternehmer in Kalifornien Neues angehen und angehen können - mit Wagniskapital, hungrigen Mitarbeitern aus aller Welt und politischer Unterstützung.

Das alles gibt es in Deutschland auch, allerdings bei weitem nicht in ausreichender Menge. Nicht zuletzt gibt es in Deutschland eine bestehende, mächtige Autoindustrie. An deren Bedürfnissen orientiert sich die Politik - und macht keinen Hehl daraus.

Deutsche Manager lachten Elon Musk aus

Die Idee, dass ein neues Unternehmen die Branche aufwirbelt, empfinden auch Gewerkschaften eher als Bedrohung denn als Chance. In unheiliger Allianz mit den Arbeitgebern traten sie für Abwrackprämie, Kurzarbeit und laxe Umweltbestimmungen ein. Gemeinsames Ziel ist es, die Geschäftsmodelle der etablierten Unternehmen zu konservieren. Neue Ideen und neue Firmen bleiben auf der Strecke.

"Echte Umbrüche kommen oft mit neuen Unternehmen", sagt der Gründer des deutschen Elektroauto-Herstellers StreetScooter , Achim Kampker, gegenüber manager magazin online. "Wo jedoch eine erfolgreiche Industriestruktur in einer Branche besteht, haben es neue Unternehmen schwer."

Gut in Erinnerung ist manchem noch die mysteriöse Testfahrt eines zum Elektromobil umgebauten Audi A2 der Firma DBM von Mirko Hannemann . Satte 600 Kilometer weit soll das Auto mit einer Akkuladung gekommen sein. Umgehend, und ohne Details zu kennen, wiegelte die deutsche Autobranche ab - dies sei nun schon mal gar kein Durchbruch. Später verschwand die Firma in der Versenkung. Dass der Wunderwagen zudem in Flammen aufging, ließ manche Verschwörungstheorie gedeihen.

Der Tunnelblick des Martin Winterkorn

Es passt ins Bild, dass Manager deutscher Autokonzerne über Elon Musk und Tesla noch vor kurzem lauthals gespottet haben, wie sich sich der Chef des Bundesverbandes Elektromobilität, Kurt Sigl, erinnert. Den Roadster hätten manche als "Spielzeug" bezeichnet, das in die Luft fliegen werde.

Noch im vergangenen Jahr - Teslas Model S mit 500 Kilometern Reichweite war schon auf dem Markt - behauptete VW-Chef Martin Winterkorn, ein Elektroauto könne nicht weiter als 150 Kilometer fahren. Deshalb seien die Fahrzeuge wenig attraktiv. "Die Wirkung auf Gründer ist extrem negativ", sagt Sigl. Beispielsweise seien Investoren unter solchen Umständen kaum bereit, Geld zu geben.

In Kalifornien ist das Klima für neue Firmen traditionell besser. Der Westküstenstaat ist nicht umsonst das Land von Facebook , Google , und Apple . Es ist das Land der sprunghaften Innovationen, der "game changer", wie die Amerikaner gern sagen. Das Potenzial zur Zerstörung ("disruption") alter Strukturen und Unternehmen gilt für Start-ups dort als Ausweis edelster Qualität.

In den Bereichen Soziale Netzwerke, Internet, Hard- und Software ist die Region deshalb führend in der westlichen Welt. Immer wieder sind neue Milliardenunternehmen in wenigen Jahren entstanden und haben andere hinweggefegt - weil der Weg von der Idee zum Weltkonzern kurz ist.

Marktführer erschüttern - ein kalifornisches Prinzip

Ein perfektes Umfeld für Elon Musk. "Menschen wie er machen Kalifornien zu dem, was es ist", sagte Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger im Frühjahr gegenüber manager magazin online. "Das ist Silicon Valley: Menschen denken sich etwas Neues aus und gehen das Risiko ein zu scheitern."

Auch Investoren denken eher an die Chancen als an die Risiken - besonders, wenn ein Firmengründer überzeugt. Als Wagniskapital-Geber Steve Jurvetson vor Jahren beschloss, das Start-up zu unterstützen, hatte das vor allem mit Elon Musk zu tun. "Ein amerikanischer Held" sei der Tesla-Gründer, sagte Jurvetson später einmal, "mehr als jeder Mensch, den ich zuvor getroffen habe".

Eine pathetische Begründung zwar, doch Jurvetson sucht eben ständig Leute, die Großes vollbringen: Seine Firma fördert junge Unternehmen, "die etablierte Marktführer erschüttern".

Tesla ist auf dem Weg, genau dies zu tun. In Kalifornien profitierte das Unternehmen aber auch davon, dass sich die Autoindustrie bereits in den 60er-Jahren zurückgezogen hatte - die Löhne waren in den Südstaaten niedriger. "Keine Trägheit, keine Opposition durch Hersteller von Autos mit Verbrennungsmotoren" - dies sei eine wesentliche Voraussetzung für Teslas Erfolg gewesen, sagt Autoexperte Turrentine.

Üppige Kredite aus Washington

Kalifornische Politiker konnten sich auf die Ansiedlung von Elektroauto-Firmen konzentrieren, ohne andere zu vergrätzen. Üppige Kredite gab es zudem vom Department of Energy aus Washington. Manche Start-ups wie Fisker oder Coda sind vorerst gescheitert, Tesla hat den Rückenwind von höchster Stelle genutzt.

"Als Gouverneur habe ich eng mit Elon Musk zusammengearbeitet und seinen Einsatz für das Elektroauto zu 100 Prozent unterstützt", sagte Schwarzenegger. Auch Schwarzeneggers Nachfolger Jerry Brown gilt als Verfechter des Elektroautos - bis 2025 sollen 1,5 Millionen emissionsfreie Wagen auf den Straßen des Staates fahren.

Zum Dorado für alternative Antriebe ist der Sonnenstaat auch durch zahlreiche Anreize geworden: Politiker gaben besondere Autobahnspuren für Hybrid- und Elektroautos frei, der Staat gewährt Zuschüsse für den Kauf solcher Fahrzeuge und schreibt Herstellern vor, ihren Anteil an emissionsfreien Autos stetig zu erhöhen.

Keine Kaufprämie für E-Autos ohne grünes Licht von Winterkorn

Immer wieder protestierten die Detroit Three - General Motors , Ford  und Chrysler sowie Importeure, darunter die deutschen Hersteller. Teils erreichten sie Änderungen, doch im Großen und Ganzen blieben die Politiker im größten Automarkt der USA standhaft - oft parteiübergreifend.

In diesem Umfeld avancierte zunächst der hybridbetriebe Prius von Toyota  zum meistgekauften Auto in dem Bundesstaat. Der Hybridanteil macht inzwischen 7 Prozent am Automarkt aus  (Deutschland: knapp 1 Prozent). Hinzu kommen knapp 2 Prozent Elektroautos mit Steckdose (Deutschland: 0,2 Prozent). "Die Reichen und Prominenten fahren Hybrid- und Elektroautos", sagt Turrentine. Das macht die Fahrzeuge begehrenswert, das hilft neuen Herstellern wie Tesla.

Zwar fördert auch die deutsche Regierung die Idee von Elektroautos. Der Ansatz ist jedoch ein völlig anderer. Sowohl in Brüssel als auch in Berlin ist die Politik total auf die existierenden Hersteller fixiert.

Traum vom Leitmarkt schon ausgeträumt?

So orientieren sich die so genannten Schaufenster der "Nationalen Plattform Elektromobilität" zielsicher an den Heimatregionen der Autokonzerne: Niedersachsen (Volkswagen ), Bayern-Sachsen (Audi, BMW, Porsche ) und Baden-Württemberg (Daimler, Porsche). Berlin-Brandenburg bildet als Hauptstadtregion die Ausnahme.

Für die Auswahl der Schaufenster zeichnet maßgeblich der Verband der deutschen Automobilhersteller (VDA) verantwortlich. Die Schaufenster sollen Deutschland zum Leitmarkt für Elektroautos machen - doch diesbezüglich scheint Kalifornien kaum noch einzuholen.

Zudem gibt es in Deutschland bis heute keine Kaufprämie für Elektroautos. Anders ist es in den USA oder Frankreich, wo mit Bolloré Bluecar ebenfalls ein neuer Hersteller von gewisser Bedeutung entstanden ist. Der inoffizielle Grund für die deutsche Tatenlosigkeit: Bis zu diesem Jahr hatten die heimischen Hersteller einfach keine Modelle im Angebot.

"Wenn VW-Chef Martin Winterkorn bei Angela Merkel anruft und die Prämie fordert, bekommt er sie auch", lautet ein geflügeltes Wort in der Branche. Es sagt viel darüber, wie sehr sich die Politik nach den Wünschen bereits existierender Unternehmen richtet. Dass mit einer anderen Politik neue, wachstumsstarke Firmen wie Tesla entstehen könnten, scheint in Berlin kaum einen Gedanken wert - was einem wirtschaftspolitischen Offenbarungseid gleichkommt.

Deutsche Autoindustrie argumentiert in Brüssel mit der eigenen Inkompetenz

In Brüssel läuft es ähnlich, und zwar auf noch viel bedeutsamere Weise. Auf EU-Ebene streiten die Mitgliedsstaaten momentan darüber, wie stark Autokonzerne ihre Elektroautos auf die Gesamt-CO2-Emissionen ihrer Flotten anrechnen lassen dürfen. Für 2020 soll der Ausstoß im Schnitt 95 Gramm pro Kilometer betragen. Elektroautos zählen mit null Gramm und werden möglicherweise mehrfach gezählt.

Verhandlungsgegenstand sind aber nur die Flotten der etablierten Hersteller. Wer wie Tesla schon jetzt ausschließlich Autos ohne Emissionen herstellt, hat im geplanten System überhaupt keinen Vorteil. Damit entfällt ein weiterer wesentlicher Anreiz, eine solche Firma in Deutschland überhaupt zu gründen.

In Kalifornien dagegen profitiert Tesla davon, dass ein Hersteller Zertifikate für seine Elektroautos bekommt und diese an andere Hersteller verkaufen kann, die zu wenig Elektroautos bauen.

Keine deutsche Tesla-Fabrik in Sicht

"Es war nie im Gespräch, dass reine Elektroauto-Hersteller Zertifikate an die anderen verkaufen können", sagt Matthias Groote (SPD), Vorsitzender des Umweltausschusses im Europäischen Parlament, gegenüber manager magazin online. Es sei aber ein interessanter Gedanke.

Kein Wunder, dass er in Brüssel noch nicht diskutiert wurde: Die Firmen, die von einer solchen Regelung profitieren könnten, sitzen gar nicht am Verhandlungstisch - weil sie noch zu klein sind oder schlicht gar nicht erst gegründet worden sind.

Derweil flöten Vertreter der Autoindustrie weiter das Lied von der Unmöglichkeit, emissionsarme Luxusautos zu bauen. "Die Ingenieure mit ihrem technischen Know-how müssen Gehör finden bei Juristen und Bürokraten", bat VDA-Chef Matthias Wissmann zur IAA-Eröffnung.

Diese Ingenieure sollten allerdings besser nicht von Tesla kommen, sofern sie Wissmann dienen sollen. Denn diese würden den Beamten womöglich vortragen, dass sogar schwere SUVs völlig ohne Emissionen auskommen können - wie das für 2014 geplante Model X. Vom Band rollen werden diese Autos folgerichtig auch nicht in Deutschland, sondern in Kalifornien - in einer ehemaligen Fabrik von General Motors.

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