VW-Betriebsrat als Sieger bei 23.000-Stellen-Abbauplan VWs "Zukunftspakt" reicht nicht

Der "Zukunftspakt" zwischen VW-Führung und Betriebsrat ist unterschrieben. 30.000 Stellen fallen weltweit weg, 23.000 davon in Deutschland. Dafür soll das Wolfsburger Stammwerk zur Zentrale für Digitalisierung und Elektromobilität werden. Richtig weh tut der Plan niemanden - deshalb ist fraglich, ob er ausreichen wird.
VW-Markenchef Herbert Diess: "VW muss schnell wieder Geld verdienen"

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Eine simple Geste stand am Anfang jener Konferenz, bei der die Volkswagen-Führungsriege das nach eigenen Worten "größte Umbauprogramm in der Geschichte des Unternehmens" verkündete. Mit ernsten, etwas abgekämpften Gesichtern betraten Konzernchef Matthias Müller, VW-Markenchef Herbert Diess und Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh die Bühne im Werksforum des Wolfsburger Stammwerks. Ihre erste Handlung war: Gegenseitiges Händeschütteln im Blitzlichtgewitter. Da lächelte auch Osterloh kurz, der sich laut Personalvorstand Karlheinz Blessing als harter Verhandlungsführer "mit gelegentlichen vulkanischen Ausbrüchen" erwiesen hatte.

Bis in die späten Abendstunden haben Betriebsrat und die Unternehmensführung um die Einigung auf den "Zukunftspakt" gerungen, der nun unterschrieben ist. Für Diess ist er die wichtigste Grundlage, um die Marke Volkswagen umzubauen und sie "fit für die Herausforderungen der Zukunft" zu machen, wie er es ausdrückte.

Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen

Doch ob der Plan ausreicht, muss sich noch zeigen. Denn trotz aller Beschwörungsformeln über einschneidende Veränderungen und neue Zeiten: Der Plan ist weit davon entfernt, radikal zu sein. Der" Zukunftspakt", wie ihn Volkswagen nennt, könnte sich für die Konzernführung als faustischer Pakt erweisen.

In den Details tut er keiner Seite allzu weh: Nicht dem Betriebsrat, nicht dem Land Niedersachsen, nicht der Konzernführung. Das Problem dabei: Sollte seine Kostensenkungseffekte nicht ausreichen, hat die Konzernführung kaum mehr Spielraum. Denn sie hat ihrer deutschen Belegschaft eine gefährlich lange Zusage gemacht.

VW soll ab 2020 jährlich 3,7 Milliarden Euro einsparen

Zunächst klingen die Einschnitte durchaus hart: So wird der Konzern weltweit 30.000 Stellen abbauen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es dabei aber nicht geben. Der Stellenabbau soll "sozialverträglich" erfolgen, wie Manager und Betriebsrat mehrfach betonten.

Ein Großteil der Arbeitsplätze fällt dabei in Deutschland weg: 23.000 Stellen sollen in den kommenden Jahren im Heimatland des Volkswagen-Konzerns wegfallen - und zwar nur bei der Marke Volkswagen. 9000 neue Stellen sollen entstehen, netto beträgt der Arbeitsplatzverlust also 14.000 Stellen Das sind knapp 12 Prozent der aktuell 120.000 Arbeitsplätze der Marke VW in Deutschland.

Sparen durch Altersteilzeit - und auf Kosten der Leiharbeiter

Eingespart werden diese Arbeitsplätze über die natürliche Fluktuation, durch Altersteilzeit-Regelungen - aber auch durch eine Reduktion der Leiharbeit. "Das tut mir für die Betroffenen sehr leid, aber die Situation der Marke [Volkswagen] lässt uns wenig Handlungsspielraum", erklärte Diess zu letzterem. Weltweit arbeiten 624.000 Menschen für den Konzern. Die restlichen 7000 Stellen, die im Rahmen des Zukunftspakts bei der Marke VW wegfallen, werden überwiegend in Brasilien und Argentinien gestrichen.

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Die Begründung von Diess war nicht originell, aber zutreffend: Der Branche stehe ein heftiger Wandel bevor durch die Digitalisierung und Elektroautos. Zudem seien bei der Marke VW in den vergangenen Jahren die Fixkosten gestiegen, die Rendite liege aber weit hinter den Konkurrenten. "VW muss schnell wieder Geld verdienen, um sich für den kommenden Sturm fit zu machen", erklärte Diess.

Ohne den Konzern mit seinen übrigen 11 Marken hätte VW allein bei weitem nicht genügend Kapital, um diesen Wandel zu schaffen. Die jetzt erzielte Vereinbarung, versprach Diess, werde VW wieder profitabel machen. Ab 2020 soll die Kernmarke so ihre Kosten dauerhaft um 3,7 Milliarden Euro drücken. Ganze 3 Milliarden tragen dazu die deutschen Standorte bei.

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Eine enorme Steigerung der Rentabilität ergibt sich daraus aber noch immer nicht. Denn das Ziel der VW-Führungsriege ist es, die Ebit-Marge ihrer Kernmarke von zuletzt 1,7 Prozent im ersten Halbjahr in den kommenden vier Jahren auf moderate 4 Prozent hochzufahren. Zum Vergleich: Ford of Europe kam von Januar bis Juni auf eine Gewinnmarge von 6 Prozent, Peugeot und Citroënzusammen auf 6,8 Prozent, Hyundai lag bei 6,7 Prozent, Renault bei 4,7 Prozent.

Doch der Betriebsrat hätte dem sozialverträglichen Stellenabbau wohl kaum zugestimmt, wenn die VW-Führung nicht kräftige Zugeständnisse gemacht hätte.

Betriebsrat setzt Beschäftigungsgarantie bis 2025 durch

Zum einen hat Osterloh bei der Unternehmensführung eine Beschäftigungssicherung bis 2025 durchgesetzt. Betriebsbedingte Kündigungen sind damit in Deutschland für die nächsten neun Jahre ausgeschlossen. Mit dem Zukunftspakt sei damit ein "unkontrollierter Stellenabbau vom Tisch", erklärte der Chef des VW-Gesamtbetriebsrats.

Zum anderen wird Volkswagen gleichzeitig 9000 neue Stellen schaffen, etwa in der Software-Entwicklung. Und möglichst viele dieser Stellen sollen intern besetzt werden. Dazu investiert der Konzern laut eigenen Angaben auch zusätzlich 100 Millionen Euro in diverse Schulungsmaßnahmen.

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Festgeschrieben im Zukunftspakt ist auch, dass die deutschen Standorte eine wichtige Rolle bei den Zukunftsthemen Digitalisierung und Elektromobilität spielen sollen. Das Stammwerk in Wolfsburg soll zur Digitalisierungs-Zentrale werden: Ein Großteil der Softwareentwicklungs-Jobs entsteht im Stammwerk.

Und auch bei Elektroautos übernehmen die deutschen Werke - zumindest vorerst - die Führungsrolle: In Zwickau soll ein erstes der geplanten 30 Elektromodelle gefertigt werden, in Wolfsburg das zweite. Zudem will Volkswagen künftig nicht mehr nur Batteriepacks in Deutschland zusammensetzen, sondern sich auch in der Fertigung der Zellen versuchen: In Braunschweig, so erklärte Osterloh, will der Konzern eine Pilotanlage für die Fertigung von Lithium-Ionen-Zellen errichten. Das Ziel sei eine künftige Serienfertigung. Doch dafür brauche man auch die Unterstützung der Politik. Denn eine rentable Zellproduktion hänge auch von den Energiekosten ab.

"Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt"

Sicherheit für die Belegschaft, deutliche Kostensenkungen und damit mehr Rentabilität für die Marke - das waren die zentralen Botschaften der VW-Manager. Konzernchef Müller drückte es so aus: "Das Ergebnis garantiert, dass die Marke und die Beschäftigten eine gute Perspektive haben." Die eigentliche Arbeit, erklärte Müller, beginne jetzt, das sei allen bewusst.

Und tatsächlich scheinen beim großen Tanker Volkswagen jetzt Dinge möglich, die bis vor kurzem noch schwer vorstellbar waren. So dürften Mitarbeiter zumindest zeitweise zwischen den Werken Salzgitter, Braunschweig und Wolfsburg wechseln. "Die liegen so nahe beieinander, dass dies zumutbar ist", meinte Personalchef Blessing. Zudem sollen Mitarbeiter nicht nur zwischen Standorten, sondern auch zwischen den Konzernmarken hin- und hergeschoben werden können.

Für manche altgediente VWler dürften das neue, ungewohnt flexible Zeiten sein. Ob all diese wochenlang verhandelten Maßnahmen für eine nachhaltige Neuausrichtung reichen, muss sich noch weisen. Deutschland ist von dem Stellenabbau zwar am härtesten betroffen. Doch auch nach Abzug der 30.000 Stellen bleibt Volkswagen weiterhin der Autohersteller mit der mit Abstand höchsten Mitarbeiterzahl.

Die Konkurrenten Toyota und General Motors produzieren ähnlich viele Fahrzeuge wie der Autoriese Volkswagen. Doch für ihre je 10 Millionen jährlich hergestellten Fahrzeuge brauchen sie nur halb so viele Mitarbeiter. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass beide Konzerne eine deutlich geringere Fertigungstiefe als VW haben. Sie lagern also die Produktion von wichtigen Komponenten viel stärker an Lieferanten aus. Das reduziert die Mitarbeiterzahl beträchtlich.

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VW will in den kommenden Jahren auch seine Komponentenwerke in die Eigenständigkeit führen. Damit dürfte die Beschäftigungszahl im Konzern um bis zu einem Neuntel sinken. Doch eine Schließung von Standorten oder gar eine Veränderung bei den Tarifstrukturen - solche einschneidenden Veränderungen sind bei dem nun vorgestellten Zukunftspakt erst gar nicht vorgesehen.

Genau solche Maßnahmen halfen aber etwa den US-Autoherstellern Ford und auch General Motors, ihre Profitabilität deutlich zu steigern. Und letztlich zählt für Investoren - und die Topmanager - eben jene Rendite, die sich aus der Bilanz ergibt. Und das legt nahe, dass der "Zukunftspakt" nur ein Baustein unter mehreren sein kann, um bei der Ebit-Marge zur Konkurrenz aufzuschließen.

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