Mittwoch, 13. November 2019

Produktionsstart VW ID.3 Elektro oder nichts - was der Golf-Nachfolger für VW bedeutet

Heute beginnt die Produktion des Elektroautos ID 3 von Volkswagen in Zwickau
Sebastian Willnow/ DPA
Heute beginnt die Produktion des Elektroautos ID 3 von Volkswagen in Zwickau

Volkswagen startet die Produktion des neuen VW ID.3. Der elektrische Nachfolger des Golf steht für den Wandel und soll das Thema Abgasskandal beenden. VW geht volles Risiko: Scheitert der ID.3, könnte auch VW scheitern.

Volkswagen beginnt am heutigen Montag mit der Produktion des Elektroautos ID.3 in Zwickau. Das erste reine Großserien-Elektroauto der Wolfsburger ist das wohl wichtigste Modell des Konzerns seit dem VW Golf. Denn mit dem ID.3 will Volkswagen nicht nur den Abgasskandal hinter sich lassen, sondern auch das Elektroauto massentauglich machen. Dafür geht das Unternehmen ein ziemlich hohes Risiko.

Volkswagen-Chef Herbert Diess nennt den Produktionsstart in Wolfsburg einen "entscheidenden Moment" für das Unternehmen. Rund eine Milliarde investiert VW allein in den Umbau des Zwickauer Werkes von der Verbrennerproduktion zur Elektroauto-Fabrik. "Diese Transformation zur E-Mobilität passiert nicht von heute auf morgen", sagt VW-Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter. "Aber wir haben diesen Weg jetzt unwiderruflich eingeschlagen."

Während sich die anderen großen Hersteller für die Mobilitätswende noch nicht auf eine bestimmte Antriebsform festlegen, setzt VW alles auf den batterieelektrischen Antrieb. Dafür will der Autohersteller nach eigenen Angaben

  • bis 2028 fast 70 neue elektrifizierte Modelle auf den Markt bringen
  • die Entwicklung von Verbrennermotoren nach und nach einstellen. Ab 2040 will VW dann gar keine Autos mit Benzin- oder Dieselmotor mehr verkaufen
  • ab 2050 komplett CO2-neutral sein - sowohl bei der Produktion, dem Betrieb und der Entsorgung der Elektroautos und im gesamten Mitarbeiterbetrieb des Konzerns

In Zwickau sollen deshalb bereits ab 2020 rund 100.000 Elektrofahrzeuge jährlich vom Band rollen, ein Jahr später dann schon 330.000. Volkswagen will mit dem ID 3 vor allem das Problem angehen, dass reine E-Fahrzeuge mit einer alltagstauglichen Reichweite bisher für viele Verbraucher zu teuer sind. In der Einstiegsversion kostet der ID.3 unter 30.000 Euro.

Das neue Elektroauto fährt auf dem sogenannten Modularen Elektrobaukasten (MEB), einem einheitlichen Unterbau bestehend aus Motor, Antrieb und Batterie des E-Autos. Auf dieser Plattform sollen künftig alle bekannten Karosserieformen aus dem Hause Volkswagen basieren - vom Kompaktauto über SUV bis hin zum Bulli. So sollen auf dem E-Baukasten in den nächsten drei Jahren bis zu 33 neue Modelle entstehen. Für die Entwicklung des MEB gab VW bislang rund 6,5 Milliarden Euro aus.

Das übergeordnete Ziel des Konzerns ist es, in ein paar Jahrzehnten kein CO2 mehr zu emittieren. Um den kompletten Lebenszyklus der E-Autos von Produktion über Nutzung bis zur Entsorgung bis 2050 komplett CO2-frei zu machen,

  • baut VW am Stammsitz in Wolfsburg für weitere 400 Millionen Euro derzeit das Kohle- in ein Gaskraftwerk um
  • will VW für Teilbereiche der Produktion, die nicht komplett klimaneutral gestaltet werden können, Kompensationen an Klimaschutzprojekte, beispielsweise der Aufforstung von Wäldern zahlen. Auch für Kunden, die zum Laden der E-Autos keinen grünen Strom nutzen, will sich VW Kompensationsmöglichkeiten überlegen

Der ID 3 ist der Anfang dieser neuen Elektro-Ära. Bis 2023 will VW rund 30 Milliarden in den technologischen Wandel investieren, weitere 14 Milliarden fließen in die Vernetzung und Assistenzsysteme. Nach Zwickau werden Emden und Hannover sowie teils Standorte in China und den USA zum Bau des MEB umgerüstet. Batteriesysteme und Antriebe kommen aus den eigenen Zulieferwerken Braunschweig und Kassel. Und in Salzgitter baut VW ab dem kommenden Jahr mit dem schwedischen Partner Northvolt eine Fabrik für eigene Batteriezellen.

VW geht mit der Festlegung auf Elektroautos mit Batteriespeicher ein hohes Risiko. Wenn sich, was bislang noch vollkommen unklar ist, doch Elektroautos mit Brennstoffzelle oder Fahrzeuge mit ganz anderen Konzepten, zum Beispiel Plug-In-Hybride mit sogenannten E-Fuels, durchsetzen, hat sich VW verzockt. Wenn die Rechnung von VW aufgeht und der ID.3 zum Erfolgsmodell wird, dann haben die Wolfsburger allerdings auch einen großen Vorsprung zu den anderen großen Herstellern wie Mercedes oder BMW. Zwar arbeitet man auch dort an neuen Elektro-Modellen, konzentriert sich aber gleichzeitig noch stark auf Plug-in-Hybride.

VWs Zukunft entscheidet sich in Zwickau

VW könnte außerdem davon profitieren, den MEB-Baukasten an andere Hersteller zu verkaufen, die keine eigene Elektro-Plattform haben. Mit Ford gibt es eine solche Kooperation bereits. Für ein erstes Elektroauto hat Ford bei VW 600.000 MEB-Baukästen bestellt. Ein weiteres Modell ist beim amerikanischen Hersteller gerade im Gespräch. Auch dieser Schritt ist für VW eher ungewöhnlich und unterstreicht den ehrgeizigen Plan der Wolfsburger. "Das ist ein Paradigmenwechsel für uns", sagte VW-Strategiechef Michael Jost damals nach Bekanntwerden der Kooperation von VW und Ford.

Die Zukunft von VW entscheidet sich also nicht in Wolfsburg, sondern in Zwickau. Die ersten ID.3-Modelle werden von dort laut VW ab Mitte nächsten Jahres an die Kunden ausgeliefert. An der weiteren Planung der ID-Serie gibt es aber auch Kritik. So soll der Elektro-SUV ID Crozz das nächste Modell der Reihe werden. Einige Beobachter wundern sich darüber - zumal den Stadtgeländewagen, ob mit oder ohne E-Motor, derzeit bei vielen Menschen auch Ablehnung entgegenschlägt. Ob der grüne Wandel bei VW von Dauer ist und nicht doch am Interesse möglichst hoher Absatzzahlen scheitert, bleibt also abzuwarten.

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