Das Versagen der Eliten erfordert harte Strafen Leader's shit statt Leadership

Von Heiner Thorborg
"Schande": Manager-Typen wie der einstige Lehman-Chef Richard Fuld, die nicht nur eine ganze Bank in den Abgrund geritten haben, sterben nicht aus

"Schande": Manager-Typen wie der einstige Lehman-Chef Richard Fuld, die nicht nur eine ganze Bank in den Abgrund geritten haben, sterben nicht aus

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Heiner Thorborg
Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Volkswagen manipuliert die Abgaswerte von Dieselautos für Fahrzeugtests. Nun drohen in vielen Märkten des Konzerns Gerichtsverfahren und Strafzahlungen. Russische Kunden der Deutschen Bank sollen mit deren Hilfe Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. In Brasilien soll der Ölkonzern Petrobras - das größte Unternehmen des Landes - beim Bau von Bohrinseln und Raffinerien kräftig in die Schmiergeldkasse gegriffen haben. In Japan hat Toshiba durch Bilanzmanipulationen das Betriebsergebnis zwischen 2008 und 2014 um 1,65 Milliarden Euro zu hoch ausgewiesen. Die Führung des Computerherstellers - bis rauf zu den letzten drei Präsidenten - soll das systematische Frisieren der Bücher stillschweigend in Kauf genommen haben. Die Wirtschaftsprüfer von EY haben zugesehen.

Die gute Nachricht ist: Jetzt wissen wir, was integre Führungskräfte wirklich wert sind. Beispiel Volkswagen: Hätten die Wolfsburger traditionelle Kaufmannsehre im Leib, hätten sie nicht mehr als 30 Milliarden Euro an Börsenwert zerstört und müssten jetzt nicht weitere 6,5 Milliarden Euro für die Reparatur der Wagen mit manipulierter Software zurücklegen. Auch gäbe es keine Straf- und Steuernachzahlungen. Gehandelt werden schwindelerregende Zahlen - irgendwo zwischen 30 und 60 Milliarden Dollar. Hätten die VW-Granden sich benommen, müssten sie heute nicht Worte wie "möglicherweise existenzbedrohend" in den Mund nehmen.

Es ist so, viele Manager haben keine Skrupel …

Die schlechte Nachricht lautet: Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass es weltweit eine beachtliche Anzahl von Topmanagern gibt, die keine Skrupel haben. Mich persönlich treibt das an den Rand der Fassungslosigkeit, zumal viele dieser Organisationen noch kurz bevor sie aufflogen, sich mit ihren Werten gebrüstet haben. Betrug ist das eine, aber gleichzeitig auch noch auf der eigenen, angeblich so zauberhaften Unternehmenskultur herumzureiten, schlägt dem Fass den Boden aus. Manchmal drängt sich der Gedanke auf, dass diese Herren das Thema Leadership als Leader's shit missverstanden haben.

Angeblich haben sie alle nichts oder zu wenig gewusst. Dazu lässt sich nur sagen: Ein CEO, der Bilanzfälschung, Schwarzgeldwäsche, Zinsmanipulationen oder den betrügerischen Breitbandeinsatz von Software im eigenen Unternehmen nicht mitbekommt, ist ein Naivling. Und wer so etwas wahrnimmt, aber nicht handelt, macht sich strafbar. In jedem Fall ist er für eine Führungsposition ungeeignet. Und intellektuell unterentwickelt, lehrt doch die Erfahrung jedes Kekse stibitzenden Kindes, dass Schwund irgendwann auffällt.

… dabei ist klar: Verbrechen lohnt sich nicht

Im Übrigen sind die Desaster um Enron oder Worldcom noch gar nicht so lange her, um nicht als warnende Beispiele zu dienen; ganz zu schweigen von den hausgemachten Korruptionsskandalen bei Siemens oder MAN, das Kartell um HeidelbergCement oder die Spitzelaffäre der Deutschen Telekom.

Verbrechen lohnt sich nicht und zudem gibt es genug Studien, die belegen, dass Anstand und Ehre sich in der Unternehmenswelt auszahlen. Eine der jüngeren ist von Dr. Fred Kiel, der sieben Jahre lang das Verhalten von Vorstandsvorsitzenden in der Wahrnehmung ihrer Untergebenen beobachtet und diese Daten mit dem Unternehmenserfolg korreliert hat. Das Ergebnis nennt er "Return on Character": Chefs mit einem hohen ROC erzielen über die Jahre einen Return von 9,4 Prozent, so Kiel - die anderen einen von 1,9 Prozent.

Spannender noch ist jedoch Kiels Ergebnis, dass das Engagement der Mitarbeiter unter einem geachteten Boss 26 Prozent höher liegt als unter einem, der unzuverlässig ist, Versprechen nicht hält, die Schuld regelmäßig bei anderen sucht, eigentlich wohlmeinende Mitarbeiter für Fehler hart bestraft und sich generell nicht um das Wohlergehen der Belegschaft schert.

Wenn die Eliten so versagen, muss die Keule des Gesetzes her

Diese Erkenntnis lässt sich übrigens auch anders herum formulieren: Wie viel Engagement, Hingebung und Ehrlichkeit können Chefs ohne Anstand von ihren Teams eigentlich erwarten? Wenn ganz oben in großem Stil gemauschelt wird und die innere Revision seit Jahren in tiefem Schlafe liegt - warum sollten die kleinen Angestellten dann integer agieren? Wer weiß, dass Chefs das 200fache des eigenen Gehalts kassieren und dennoch stehlen oder betrügen, ist nicht gerade motiviert, mit Herzblut und Überstunden für das Wohl des Betriebs einzustehen. Und so gebiert jeder große Verstoß gegen die Regeln der Integrität die Erosion des allgemeinen Ethos.

Das geht so nicht. Deswegen haben die Amerikaner aus meiner Sicht recht, wenn bei grobem unternehmerischen Versagen ihre Richter nicht nur Schadensersatz erwirken, sondern auch massive Strafzahlungen verhängen lassen.

Wenn sich gut ausgebildete, gut bezahlte, einflussreiche Eliten derart fehlverhalten, ist es mit einem Schlag auf die Pfoten einfach nicht getan. Wenn die Intelligenz und die Regeln des Anstands bei den Entscheider-Eliten versagen, muss eben die harte Keule des Gesetzes Einfluss nehmen.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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