Freitag, 22. November 2019

Nach Piëchs Abstrafung VW braucht rasch einen neuen Vorstandschef

Jahrelang sehr erfolgreich: Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

Wer einen Großkonzern in heillose Unordnung stürzen will, kann Nachhilfe bei Ferdinand Piëch nehmen. Der Großaktionär und Aufsichtsratschef von VW hat einen Konflikt zwischen Aufsichtsrat, Großaktionären und Vorstand richtig schön groß und öffentlich gemacht.

Er sei "auf Distanz zu Winterkorn", sagte der 77-Jährige Ende der Woche dem "Spiegel". Martin Winterkorn ist der Vorstandsvorsitzende des größten europäischen Autokonzerns, hat einen Vertrag bis Ende 2016 und die volle Unterstützung des mächtigen Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und des Landes Niedersachsen, das 20 Prozent an dem Zwölf-Marken-Konzern hält. Winterkorn strahlte bis Ende dieser Woche allergrößtes Selbstbewusstsein und ungehemmte Angriffslust aus, er sei nicht abgeneigt, seinen Vertrag noch mal zu verlängern, ließ er hier und da fallen. Perdu. Der Kandidat für die Nachfolge Winterkorns und seiner selbst seien schon im Unternehmen, es müssten auf jeden Fall Techniker sein, so Piëch.

Nun ist es also angerichtet: Winterkorn ist ein Chef auf Abruf, sein Einfluss schmilzt seit Freitag. Ähnlich verhält es sich mit Rupert Stadler, dem Chef der wirtschaftlich erfolgreichen Tochter Audi. Er galt als aussichtsreicher Kandidat für die Winterkorn-Nachfolge, ist aber Betriebswirt und kein Techniker. Also raus.

In großen Unternehmen haben solche Ansagen Urknall-Charakter. Sämtliche Führungskräfte müssen nun ihre Karriere-Pläne neu kalibrieren. Für die VW-Topleute heißt das: Wer bislang auf Winterkorn und Stadler gesetzt hatte, muss sich nun neu orientieren. Nur wohin? Fällt die Gunst Piëchs auf Porsche-Chef Matthias Müller, oder sollte man sich lieber an dem Neu-Vorstand und künftigen VW-Markenverantwortlichen Herbert Diess orientieren? Oder gibt es einen Geheimfavoriten?

Es wird also grauenvoll politisch werden in den nächsten Monaten in Wolfsburg. VW aber braucht eigentlich vollste Konzentration auf das Geschäft - die Probleme in den USA etwa oder auch das Thema eMobility.

Ferdinand Piëch gewinnt einen großen Teil seiner Autorität aus der Tatsache, dass er sich selbst verknappt, also selten etwas sagt. Wenn er dann mal etwas sagt und vor allem: vorhersagt, ist es fast immer bedeutungsschwer und kommt meist ganz genauso wie von ihm prophezeit.

Hoffentlich erweist sich eine seiner Aussagen vom Freitag als taktisch klug eingesetzte Restgröße von Respekt gegenüber seinem langjährigen Weggefährten Winterkorn: Die Entscheidung für seine und Winterkorns Nachfolge werde erst 2017 fallen, so Piëch.

18 Monate Kabale in Wolfsburg - das würde den Konzern gefährlich zurückwerfen und das kann Piëch nicht wirklich wollen. Sein Urknall mit all den Nebenwirkungen macht nur dann Sinn, wenn er VW auf so falschem Pfad sieht, dass er rasch radikale Änderungen vornehmen will. Auch Osterloh und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sollten nicht bis 2017 unproduktiven Ringeltänzen um vermeintliche Königskandidaten zuschauen. Die spannende Frage ist daher jetzt: Wer hat in den kommenden Monaten die größere Geduld und setzt seinen Kandidaten durch? Bislang war es immer Piëch.
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