Montag, 25. Mai 2020

Aufsichtsratschef mit Selbstkritik im Dieselskandal Wie sich VW-Kontrolleur Pötsch in Diesel-Selbstgeißelung übt

VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch

Kurz vor Jahresende rafft sich Hans Dieter Pötsch zu einem öffentlichem Canossagang in Sachen Diesel auf: Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") hat der Aufsichtsratschef des Volkswagen-Konzerns nun eingestanden, dass der Autobauer große Mitschuld am schlechten Ruf des Diesel trägt.

"Die Autoindustrie, insbesondere wir hier in Wolfsburg, haben zweifellos unseren Beitrag geleistet zur Beschädigung des Diesel", sagte er der "FAS". Bei der Manipulation von VW-Motoren handele es sich um den "größtmöglichen Schadensfall".

Seit vier Jahren hat Pötsch intensiv mit der "Diesel-Thematik" zu tun, wie der Diesel-Skandal im Volkswagen-Konzern euphemistisch genannt wurde. Als Chef des Aufsichtsrats ist es Pötschs Aufgabe, die Öffentlichkeit über den Stand der Aufarbeitung des Diesel-Skandals zu informieren.

Bisher tat er das vornehmlich bei Hauptversammlungen, in den Jahren 2015 bis 2017 auch bei gelegentlichen Diesel-"Sonderveranstaltungen". Er tat dies bisher in ruhiger, fast schon technokratischer Art und Weise - bestimmt, aber ohne sich Spitzen gegen Ankläger oder Kritiker zu leisten.


Hans Dieter Pötsch im ausführlichen Porträt: Metternich vom Mittellandkanal


Wohl auch wegen seiner unaufgeregten, sachlichen Art genießt Pötsch nach wie vor das Vertrauen der VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Wie sehr die VW-Haupteigner ihm vertrauen, sieht man auch an seinem fliegenden Wechsel vom Posten des VW-Konzernfinanzvorstands direkt an die Aufsichtsratsspitze. Das sollte nach üblichen Corporate-Governance-Maßstäben eigentlich nicht sein - bei VW drückten das die Haupteigentümer schlicht und einfach durch.

Dabei steht Pötsch nun auch persönlich in der Kritik: Ihm sowie dem Vorstandschef Herbert Diess und dem Ex-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn wird vorgeworfen, Anleger im Jahr 2015 "vorsätzlich zu spät" über die Risiken der Dieselaffäre informiert zu haben. Deswegen hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig Diess, Winterkorn und Pötsch Ende September angeklagt.

"Man kann Konzern auch während eines laufenden Verfahrens führen"

Schon auf der Automesse IAA Mitte September hatte sich Pötsch gelassen gegeben angesichts einer möglichen Anklage. Sämtliche internen Untersuchungen hätten gezeigt, dass gegen ihn nichts vorliege, erklärte er damals zum Auftakt der Messe gegenüber Journalisten.

Zu möglichen Auswirkungen der Anklagen auf die Führung des VW-Konzerns gab sich Pötsch gegenüber der "FAS" erwartungsgemäß schmallippig. Einen möglichen Gerichtsprozess gegen VW-Konzernchef Herbert Diess hält der Aufsichtratschef jedenfalls nicht für ein unüberwindbares Problem: Es gebe durchaus Beispiele dafür, dass man während eines laufenden Verfahrens einen Konzern führen könne, sagte Pötsch in dem Interview - um das Thema dann schnell abzumoderieren: "Mehr ist zu dem laufenden juristischen Verfahren nicht zu sagen," fügte er hinzu.

In dem FAS-Interview gesteht Pötsch somit zwar eine Mitschuld VWs am schlechten Ruf des Diesel ein - vermeidet aber geschickt jegliche Art von Schuldeingeständnis. Sein Vorstoß dürfte es diversen Anklägern nicht gerade leichter machen. Denn irgendeine Art von Blöße gibt sich Pötsch damit nicht - im Gegenteil, er stärkt seinen Ruf als umsichtiger Kontrolleur.

Und wohl auch deshalb brach Pötsch nicht nur eine Lanze für die kommenden Elektroautos des Konzerns - sondern auch für den neuen, manipulationsfreien Dieselmotor. Ungeachtet des schlechten Rufs des Selbstzünders - an dem VW selbst mit schuld ist, wie Pötsch nun einräumte - sei der Diesel "eine saubere und sinnvolle Technik", so Pötsch. "Ein moderner Diesel hat kein Problem mit Feinstaub, hat kein Problem mit Stickoxid und verbraucht 15 Prozent weniger als ein vergleichbarer Benziner. Insofern ist es nicht überraschend, wenn der Diesel-Anteil an den Neuzulassungen wieder steigt", meinte Pötsch in dem Interview.

Im Übrigen: Das Kaufverhalten der Kunden habe die Dieselaffäre nicht beeinflusst. "Wenn man die reine Entwicklung der Stückzahlen anschaut, sieht man: Der Einbruch der Verkaufszahlen für den Diesel entstand durch die Diskussion über Fahrverbote, nicht durch den Dieselskandal", sagte Pötsch.

VW hatte im September 2015 auf Druck von US-Umweltbehörden eingeräumt, in großem Stil bei Abgastests betrogen zu haben. Durch sogenannte Abschalteinrichtungen ("Defeat Devices") wurden die Stickoxid-Messwerte auf dem Prüfstand nach unten frisiert. Weltweit betraf die Affäre laut damaligen Unternehmensangaben rund elf Millionen Dieselautos. Wegen des "Dieselgate"-Skandals hat der Konzern bereits mehr als 30 Milliarden Euro an Rechtskosten verbucht.

mit Material von dpa-afx

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