Missglückte PR-Akrobatik der Autoindustrie Die fünf amüsantesten Ausreden im Abgasskandal

Volkswagen-Chef Matthias Müller: Interview-Aussagen später korrigiert

Volkswagen-Chef Matthias Müller: Interview-Aussagen später korrigiert

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Der Abgasskandal entwickelt sich zu einem traurigen Kapitel der europäischen Autoindustrie. Nicht nur Volkswagen-Autos stoßen auf der Straße viel mehr giftige Abgase aus als im offiziellen Testverfahren erlaubt. Auch Opel, Renault, Mercedes  und andere Hersteller fallen negativ auf.

Geradezu amüsant nimmt sich bei all der Tragik manche Einlassung aus dem Topmanagement zum Thema aus. Auch die Presse-Abteilungen machen bei der Krisenkommunikation nicht immer eine glückliche Figur.

Wir stellen fünf besonders bemerkenswerte Aussagen und Ausreden vor - und bieten Alternativ-Formulierungen an, die der Sache etwas näher kommen.

Platz 5: "Ein moderner Euro-6-Diesel erfüllt die anspruchsvollsten Stickoxidwerte"

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie

Foto: DPA

Das Zitat: "Ein moderner Euro-6-Diesel erfüllt […] die anspruchsvollsten Stickoxidwerte."

Wer hat es gesagt?

Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, beim Hamburger Autogipfel  am 1. Februar 2016.

Worum ging es?

Wissmann warb vor zahlreichen deutschen Bürgermeistern für mehr Diesel-Autos als Lösung des Abgasproblems. Jedoch lenkte Wissmanns Aussage davon ab, dass auch viele Euro-6-Fahrzeuge unter realen Fahrbedingungen deutlich mehr giftige Abgase ausstoßen als unter Laborbedingungen - und die Luftqualität in vielen Städten verschlechtern anstatt sie zu verbessern.

Unser Formulierungsvorschlag für Wissmann:

"Ein moderner Euro-6-Diesel erfüllt die anspruchsvollsten Stickoxidwerte, wenn der Motor ausgeschaltet ist."

Platz 4: "Dieselfahrzeuge sind Luftreinigungsmaschinen"

Volkmar Denner, Chef des Automobilzulieferers Bosch

Volkmar Denner, Chef des Automobilzulieferers Bosch

Foto: DPA

Das Zitat: "Bezüglich Partikelemissionen sind Dieselfahrzeuge sogar Luftreinigungsmaschinen."

Wer hat es gesagt?

Bosch-Chef Volkmar Denner auf einer Veranstaltung bei Stuttgart am 26.1.2016 .

Worum ging es?

Denner wollte die Vorzüge des Dieselmotors herausstellen, um dessen Akzeptanz bei den Kunden wieder zu erhöhen. Ihm zufolge ist die Umgebungsluft vielerorts stärker mit Partikeln belastet als das mit dem gesetzlich verordneten Filter gereinigte Abgas. Doch selbst wenn Denners Aussage unter optimalen Fahrbedingungen richtig sein mag - im aktuellen Abgasskandal geht es nicht um Feinstaub, sondern um Stickoxide. Und mit Blick auf diese Schadstoffe sind Dieselfahrzeuge das genaue Gegenteil von Luftreinigungsmaschinen.

Unser Formulierungsvorschlag für Denner:

"Diesel-Autos könnten durchaus sauberer sein, wenn der Gesetzgeber die Abgasreinigung endlich konsequent einfordert."

Platz 3: Schuld am Emissions-Debakel sind "bemerkenswert niedrige Temperaturen"

Jörg Howe, Sprecher des Automobilkonzerns Daimler

Jörg Howe, Sprecher des Automobilkonzerns Daimler

Foto: DPA

Das Zitat:

"Verschiedene Testbedingungen haben zu unnormalen Emissionen geführt. In diesem Fall sind es die bemerkenswert niedrigen Temperaturen."

Wer hat das gesagt?

Der Daimler-Konzern, in einer Stellungnahme  zu einem niederländischen TV-Bericht vom 20. Januar 2016.

Worum ging es?

Der Mercedes C 220 CDI hatte bei staatlichen Messungen in den Niederlanden ein Vielfaches der gesetzlich erlaubten Abgasmengen ausgestoßen - obwohl der Wagen offiziell die strengste Abgasnorm Euro 6 erfüllt. Laut Daimler habe die Umgebungstemperatur beim Test jedoch unter zehn Grad (plus) Celsius betragen. Und die Abgasnachbehandlung werde je nach Betriebszustand "flexibel geregelt", um den Motor zu schonen. Unter anderem sei dabei die Außentemperatur entscheidend, wie Daimler-Sprecher Jörg Howe weiterhin schrieb.

Unser Formulierungsvorschlag für Daimler:

"Bei normalen mitteleuropäischen Außentemperaturen ist der Mercedes C 220 CDI leider nicht in der Lage, die Abgase angemessen zu reinigen."

Platz 2: "Ich bin mir keines Fehlverhaltens bewusst"

Martin Winterkorn, Ex-Chef von Volkswagen

Martin Winterkorn, Ex-Chef von Volkswagen

Foto: Volkswagen

Das Zitat:

"Ich […] habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit mir eine Vereinbarung zur Beendigung meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns zu treffen. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin."

Wer hat das gesagt?

Ex-Volkswagen-Chef Martin Winterkorn am 23.9.2015 in einer Stellungnahme  des Konzerns.

Worum ging es?

Der Volkswagen-Aufsichtsrat hatte Winterkorn zum Rücktritt gedrängt, nachdem das Unternehmen die Abgas-Manipulation von Millionen Dieselfahrzeugen zugegeben hatte.

Unser Formulierungsvorschlag für Winterkorn:

"Der Aufsichtsrat hielt mich als Vorstandsvorsitzenden für nicht mehr tragbar. Ich ahne, dass mein Führungsstil eine Unternehmenskultur befördert hat, in der zum Beispiel der Abgasskandal gedeihen konnte."

Platz 1: "Wir haben die Gesetze falsch interpretiert"

Matthias Mueller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen

Matthias Mueller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

Das Zitat:

"Wir haben die Gesetze falsch interpretiert."

Wer hat das gesagt?

Volkswagen-Chef Matthias Müller im Interview  mit einem US-Radiosender (veröffentlicht am 11. Januar 2016).

Worum ging es?

Auf seiner Reise in die USA wollte Müller Mitte Januar eigentlich den Eindruck erwecken, Volkswagen bereue die bereits eingeräumten Dieselmotor-Manipulationen zutiefst. Doch auf die spitze Nachfrage des Radioreporters nach möglichen "ethischen Problemen" bei Volkswagen reagierte Müller angefressen. Es handele sich beim Abgasskandal um ein technisches Problem. Und zudem hätten die VW-Leute eben die US-Gesetze falsch verstanden. Später korrigierte Müller seine Aussagen.

Hier dennoch unsere Formulierungshilfe für Müller:

"Wir kannten die Gesetze und haben sie gebrochen. Wir bereuen unser Fehlverhalten und werden es ändern."

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