Vorstellung des Solar-Elektroautos Sion Ein Weltverbesserer-Auto als Warnschuss für die Autoriesen

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Sono Motors Solar-Elektroauto Sion: Dieses Billig-Elektroauto tankt beim Stehen

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Schwarzes Jackett, weißes Hemd, große Handgesten, geschliffener Vortrag: Den Habitus des Weltverbesserers hat Laurin Hahn schon ziemlich gut drauf. Selbstbewusst steht der 23-jährige am Donnerstagabend auf einer schwarz ausgekleideten Bühne, die oberhalb in einem weißen Kreis das Logo seines Unternehmens Sono Motors zeigt: Ein schwarzer Kreis auf weißem Hintergrund mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Das schlichte, elegante Logo könnte die Erde samt Ozonschicht darstellen oder einen einpoligen Stecker, auf jeden Fall ist es eine ideale Projektionsfläche - und das buchstäblich.

Denn während Hahn über eine Zukunft spricht, in der Ressourcen nicht verschwendet werden, tauchen in dem weißen Kreis Zahlen auf, die seinen Vortrag untermauern. Etwa, dass 61 Prozent der gesamten Erdölnutzung weltweit für den Transport aufgewendet werden. Hahn hat aber nicht nur aufsehenerregende Zahlen, sondern auch eine mögliche Lösung in die Hallen des Münchner Technikzentrums, dem Sitz von Sono Motors, mitgebracht.

Sie steht auf vier Rädern, ist mit 7,5 Quadratmetern Solarzellen überzogen und hört auf den Namen Sion. Es ist das ungewöhnlichste Elektroauto-Projekt, das es derzeit in Deutschland gibt - und wohl auch eines der gewagtesten.

Denn Hahn und seine beiden Sono-Motors-Mitgründer Jona Christians und Navina Pernsteiner, alle drei deutlich unter 30 Jahre alt, machen so ziemlich alles anders als die großen deutschen Autohersteller. Dennoch wollen sich die jungen Gründer im Eiltempo mit VW, Daimler und all den anderen messen - in einem Segment, das bald ziemlich umkämpft sein dürfte: Jenem der vergleichsweise günstigen Elektroautos, die mit einer Akkuladung über 200 Kilometer weit kommen.

Nur 16.000 Euro für ein Elektroauto - und 4000 Euro für die Batterie

Sono Motors, die aktuell zweitjüngste deutsche Automobilmarke, wurde erst 2016 gegründet. Nun gibt es bereits erste Prototypen des viersitzigen Elektroautos, das 16.000 Euro kosten und mit einer Batterieladung 250 Kilometer weit fahren soll. Die Batterie dazu lässt sich mieten - oder für rund 4000 Euro kaufen. Im kommenden Jahr will Sono Motors die ersten Crashtests durchführen, ab dem zweiten oder dritten Quartal 2019 soll der Wagen dann erstmals ausgeliefert werden.

Und das Dreierteam von Sono Motors hat - wie es sich für echte Startups gehört - auch eine hübsche Garagen-Gründerstory mitgebracht: Hahn und sein Jugendfreund Christians hatten noch nicht mal Abitur, als sie sich Gedanken über nachhaltige Mobilität und schwindende Öl-Ressourcen machten. Doch es blieb nicht nur beim Denken. "Weil wir diese Verschwendung nicht mehr annehmen wollten, nahmen wir das selbst in die Hand", beschrieb es Hahn. Die beiden Freunde begaben sich in die nicht besonders große Garage von Jona Christians Eltern, schraubten den Motor eines Kleinwagens raus und wollten ihn durch Batterien ersetzen.

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Das nötige Knowhow dafür holten sie sich durch Anleitungen auf Youtube und im Internet. Mitgründerin Navina Pernsteiner stieß dazu, weil sie etwas später mit Hahn und Christians eine WG teilte und ihr die beiden von ihrem Projekt erzählten. Pernsteiner wiederum hatte die Idee, die Weltöffentlichkeit zu fragen, ob sie ein solches Auto überhaupt haben wollten. Und das taten die drei in einer ungewöhnlichen Form: Sie beschrieben ihr Projekt auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo und sammelten für den Bau eines Prototypen innerhalb eines Jahres 700.000 Euro von Kleinstinvestoren ein.

Wer den jungen Gründern Geld und gute Ratschläge gibt

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Für den Start Richtung Solar-Elektroauto hat das gereicht, für die Entwicklung des Sion nicht so ganz. Denn wie die Gründer später im Pressegespräch zugaben, haben die Sion-Prototypen einen einstelligen Millionenbetrag verschlungen. Möglich machten das mehrere Investoren, die bei Sono Motors eingestiegen sind. Zu ihnen zählen etwa der Autozulieferer Böllinger Group, der sich auf die Entwicklung von Prototypen und Entwicklungsteilen vor allem in der Antriebstechnik spezialisiert hat. Auch eine auf Elektromobilitäts-Veranstaltungen spezialisierte Eventagentur ist bei Sono Motors an Bord.

Schillerndster Sono Motors-Investor ist wohl Matthias Willenbacher, der sich auf seiner Visitenkarte als "Gründer und Visionär" ausweist. Willenbacher hob im Jahr 1996 gemeinsam mit seinem Partner Fred Jung den Projektentwickler Juwi aus der Taufe und baute das Unternehmen zu einem der größten Solarpark- und Windanlagenbauer aus. Im Jahr 2015 schied Willenbacher aus dem Juwi-Vorstand aus und berät nun Windpark-Bauer und -Betreiber bei der Optimierung ihrer Ökostrom-Anlagen.

Die jungen Sono Motors-Gründer lassen sich aber auch von Autobranchen-Kennern unter die Arme greifen. Als Chefberater für Produktionstechnologie an Bord ist etwa Thomas P. Meichsner an Bord, ein ehemaliger Manager bei ThyssenKrupp und Karmann und ausgewiesener Fertigungsexperte.

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Was will Sono Motors nun anders machen als die etablierten Autoriesen? Zum einen lädt sich ihr Sion selbst auf, während er auf dem Parkplatz steht. Strom für bis zu 30 Fahrkilometer pro Tag pumpen die über das Auto verteilten Solarzellen in den Akku, verspricht Sono Motors.

Dafür haben sie Panele mit 24 Prozent Wirkungsgrad an dem Fahrzeug befestigt, die sogar auch bei indirekter Sonneneinstrahlung Energie liefern und sich auch in die gewünschte Auto-Form biegen lassen. Ein angenehmer Nebeneffekt dabei: Teure Werkzeuge für die Blechumformung braucht Sono nicht. Zwar besteht der Rahmen des Autos aus Aluminium, doch das Chassis ist komplett aus Polykarbonat.

Das trägt dazu bei, dass der Wagen mit 1400 Kilogramm Gesamtgewicht inklusive Batterie ziemlich leicht ist. Zudem lässt sich der Sion auch als stationärer Stromspeicher nutzen: Ein vollgeladener Sion kann bei Wunsch an andere Elektroautos Energie abgeben, als mobiler Stromversorger für Haushaltsgeräte wie etwa eine Flex-Schleifmaschine oder eine DJ-Anlage dienen.

Zudem soll sich der Sion mit wenigen Klicks in einer App zum Carsharing-Auto ummodeln lassen, erklärte Hahn auf der Bühne. Auch Mitfahrgelegenheiten im Sion lassen sich mit der App unkompliziert anbieten.

Warten und reparieren lassen soll sich der Sion bei unabhängigen Werkstätten - und zwar dank Online-Tutorials und für jeden zugänglichen Werkstatthandbüchern. Und auch für ein besonderes Klima an Bord haben sie sich etwas einfallen lassen: Ein vom Fahrersitz zum Beifahrersitz reichendes, hintergrundbeleuchtetes Panel aus Moosen soll einen Teil des Feinstaubs im Auto binden. Das ist nicht nur ein hübsches, ökologisch einwandfreies Gimmick - es gibt dem Auto auch einen unverwechselbaren Innenraum.

Wo es noch hakt - und warum die Serienfertigung noch nicht gesichert ist

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Noch ist der Sion noch einen ganzes Stück von der Serienfertigung entfernt. Denn wie Sono Motors bei seiner Präsentation verriet, sind 5000 Vorbestellungen nötig, um das Auto tatsächlich in Serie gehen zu lassen. 1200 Bestellungen habe man bereits, versicherten die Gründer. Und potenzielle Kunden zu überzeugen, startet Sono Motors nun Probefahrten in 12 europäischen Städten.

Kosten haben die Sono-Gründer auch dadurch gespart, dass sie etwa im Innenraum Teile verwenden, die ursprünglich für Modelle von großen Autoherstellern entwickelt wurden. Wer in den Innenraum lugt, findet dort etwa Klimaanlagen-Schalter, die auch in einem VW oder einem Audi älteren Baujahrs sitzen könnten. "Wir müssen das Rad nicht neu erfinden", hieß es dazu von Sono Motors.

Ein eigenes Autowerk will das Startup ohnedies nicht betreiben. Stattdessen soll ein Auftragsfertiger aus Europa die Fahrzeuge herstellen. Wer das ist, will Sono Ende dieses Jahres verraten - und wohl auch erst dann, wenn ausreichend Bestellungen eingegangen sind.

Welche Hürden die Gründer noch nehmen müssen

Ob ein solche mutige Mischung aus Crowdsourcing, Open-Source-Elementen, erneuerbarer Energie und Carsharing-Ansätzen tatsächlich den Durchbruch schafft, ist zwar unsicher. Doch die Investoren zeigten sich natürlich zuversichtlich. Die Sono-Gründer hätten sehr viel richtig gemacht, meinte eine von ihnen.

Doch es muss sich noch weisen, ob deutsche Autokäufer in Massen ein Günstig-Elektroauto einer bislang unbekannten Marke mit einem sehr gewagten Service-Konzept erwerben. Noch liegt allerdings ein weiter Weg vor Sono Motors: Dass ein Auto mit einer Außenhaut aus Polykarbonat den Euro-NCAP-Crashtest gut besteht, muss sich erst noch weisen. Sono Motors peilt dabei eine Viersterne-Bewertung an, mehrere Airbags hat das Auto wohl auch deshalb an Bord.

Der schwerste Schritt dürfte jener in die Massenfertigung werden. Denn immerhin peilen die Gründer in den Jahren nach 2019 insgesamt sechsstellige Absatzzahlen an, ließen sie in der Pressekonferenz durchblicken. Wie genau das Auto vertrieben werden soll, was im Fall einer Panne passiert, wer dann ein Ersatzauto stellt - darauf haben die Sono-Gründer bislang noch keine überzeugenden Antworten parat.

Welcher Erfolg Sono Motors schon jetzt sicher ist

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Doch einen Erfolg kann Sono Motors schon jetzt für sich verbuchen: Das junge Dreierteam hat gezeigt, dass sich ein Elektroauto-Prototyp zu vergleichsweise geringen Kosten realisieren lässt. Denn der einstellige Millionenbetrag, den der Sion bislang kostete, ist nur ein Bruchteil jener Summen, die bei den großen Autoherstellern in die Entwicklung eines neuen Modells fließen.

Und das sollte den deutschen Autoriesen zu denken geben. Denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich Elektroautos tatsächlich viel leichter auf vier Räder stellen lassen als ihre Brüder mit Verbrennungsmotoren. Und es zeigt, dass sich die Branche auf neue Konkurrenten einstellen muss.

Ein potenzieller Sono Motors-Konkurrent läuft sich schon warm

Einer, der mit einem ganz ähnlichen Konzept punkten will, läuft sich schon warm: Der Gründer des Unternehmens Streetscooter, das nun zur Deutschen Post gehört und deren neue Elektro-Lieferwagen fertigt, hat vor kurzem seine neue Elektroauto-Marke e.Go Mobile ins Leben gerufen.

Der erste Pkw-Streich von RWTH Aachen-Professor Günter Schuh, der e.Go life, soll ein mit 16.000 Euro ebenfalls erschwingliches Elektroauto für die Stadt werden. Die Fabrik dafür entsteht bereits in Aachen- und der Wagen soll ab Mitte 2018 bereits in den Handel kommen. Schuh bezeichnete den Sion schon mal als "sehr interessant".

Was die Top-Manager der Automobilbranche zum jungen Startup aus München sagen, ist noch nicht überliefert. Gesichert ist jedoch, dass sie den kalifornischen Elektroauto-Pionier Tesla Motors anfangs vor allem belächelten. Diesen Fehler wollen sie wohl nicht wiederholen.

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