Chinas Volvo-Schwester Lynk begrenzt Aufpreise radikal "Brutal einfach" - eine China-Marke will den Autoverkauf aufmischen

Auch das SUV-Modell Lynk & Co 01 wird nur in ganz wenigen Farb- und Ausstattungsvarianten verkauft

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Komplexität ist ein vom Managern gerne verwendetes Wort. Doch manchmal reicht eine einzige Zahl, um sie auf den Punkt zu bringen. Etwa die Zahl 117. So viele Lenkradvarianten gab vor drei Jahren noch für ein einziges Automodell: Den VW Golf. Manche davon unterschieden sich nur dadurch, dass das Leder einmal mit einem grauen und einmal mit einem roten Faden genäht war.

VW-Markenchef Herbert Diess kündigte vor zwei Jahren einen für VW-Verhältnisse deutlichen Schnitt an. Künftig solle es nur noch 43 Lenkradvarianten für den Bestseller aus Wolfsburg geben. Doch die Listen für aufpreispflichtige Extras werden auch bei VW immer länger. Ob im Volkswagen-Konzern  oder dessen Premiumtochter Audi , bei den Konkurrenten BMW  oder Daimler : Bei kaum einem deutschen Autohersteller laufen pro Jahr zwei völlig idente Fahrzeuge vom selben Montageband.

Diese Individualität bei der Neuwagenbestellung müssen die Kunden teuer bezahlen. Denn für jede Variante müssen die Hersteller die notwendigen Teile auf vorhalten. Lieferketten müssen reibungslos funktionieren und Werkzeuge schnell umgerüstet werden. Diese Flexibilität kostet viel Geld, und die Kosten dafür verteilen die Hersteller auf alle Neuwagenkäufer.

Alain Visser kennt diese Konstellation aus jahrzehntelanger Branchenerfahrung. Bei seinem aktuellen Arbeitgeber, dem chinesischen Geely-Konzern, will er es ganz anders machen. Der Autohersteller aus China hat sich vor sieben Jahren die schwedische Marke Volvo einverleibt. Von der neuen Mutter erhielten die Schweden Kapital, doch bei Produktplanung und Positionierung hielt sich Geely auffallend zurück.

"Wir glauben, dass es unsere Konsumenten brutal einfach wollen"

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Chinesische Automarke Lynk&Co: Neuanfang mit Altbewährtem - und viel Pomp

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Die Sanierung von Volvo an der langen Leine klappte. Doch nun wollen die Chinesen eine etwas größere Ernte einfahren und auch international erfolgreich auftreten. Dafür hat Geely vor knapp einem Jahr neue Marke gegründet, Lynk & Co, die Visser leitet. Und die will der Automanager zum Erfolg führen, indem er auf größtmögliche Einfachheit setzt.

Ab 2019 sollen die Lynk & Co-Fahrzeuge auch in Europa und den USA verkauft werden - und zwar ganz anders als die Konkurrenz, wie Visser nun auf dem Branchentreffen "Automotive News Europe Congress" verriet . Europaweit sollen die Autos in allen Ländern zum exakt gleichen Preis erhältlich sein. Es werde nur wenige Varianten der Autos und keine Listen mit teuren Sonderausstattungen geben. Zudem will Lynk & Co die gesamte Bandbreite vom klassischen Neuwagenbesitz bis hin zu Abo-Modellen für Mobilitätsdienste abdecken.

In Europa und in den USA, erklärte Visser, werde es maximal 10 Varianten seiner Fahrzeuge und keine aufpreispflichtigen Extras geben. "Das ist brutal einfach, aber wir glauben, dass unsere Konsumenten das so wollen". Dieser Ansatz werde die Komplexität und die Kosten stark reduzieren, so Visser "und die Autos werden immer auf Lager sein".

Warum Lynk & Co vom schludrigen "Chinakracher"-Image weit entfernt ist

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Geelys Marke für die internationale Expansion präsentierte sich im vergangenen Oktober mit viel Pomp in Berlin - manager-magazin.de berichtete darüber. Damals präsentierte die Marke auch ihr erstes Fahrzeug, den SUV mit dem schlichten Namen "01". Im April hat Lynk & Co einen Prototyp für sein Modell "03" präsentiert, dass eine kompakte Limousine werden dürfte". Ein drittes Modell, der "02", ist in Arbeit.

Für ihre Autos nutzt die Marke Plattformen, die in einem eigens dafür gegründeten Jointventure gemeinsam mit Volvo entwickelt wurden. Auch das Design der Autos wurde in Schweden entwickelt, gebaut werden die Lynk & Co-Fahrzeuge jedoch in China. Lynk & Co-Fahrzeuge werden einen Knopf im Inneren haben, mit dem sich das Auto flugs Anderen zur Kurzzeit-Miete anbieten lässt, wenn es gerade nicht von seinem Besitzer benutzt wird. Zudem will Lynk & Co lebenslange Garantie auf seine Fahrzeuge geben und kostenlose Internetverbindungen in den Autos standardmäßig anbieten.

Was es für die Autos allerdings nicht geben wird, sind Rabatte beim Neuwagenkauf. Ein Großteil des Verkaufs soll online erfolgen, für Lynk & Co wird es aber Markenstandorte unter anderem in Einkaufszentren geben. Und noch etwas will Lynk & Co ganz anders machen als die Konkurrenz: Alle sechs Monate wollen die Chinesen Details an ihren Autos ändern, um sie optisch frisch zu halten.

Blaupause bei Dacia

Für seinen Vorstoß Richtung "Simplify your car" lieferte Visser auch eine Erklärung. Die Vielfalt aus Farben, Motorisierungen, Ausstattungsoptionen oder Getrieben mache die Produktion nicht nur für die Hersteller komplex, sie könne auch Käufer verschrecken. "Eine der größten Frustrationen heutiger Käufer, vor allem in China, ist die Angst vor einer falschen Entscheidung." Die will Visser seinen Kunden ein großes Stück weit nehmen, indem er die Zahl der Entscheidungsmöglichkeiten drastisch einschränkt.

Für Vissers Vision dient wohl ein Stück weit auch Renaults Billigmarke Dacia als Vorbild. Denn die fährt mit ihren simplen und aus weniger Teilen hergestellten Fahrzeugen seit Jahren hohe Gewinne ein. Und auch Tesla Motors bot sein Model S zum Marktstart nur mit wenigen Extras an. Ob die Geely-Marke mit ihrem für die Autobranche radikalen Ansatz Erfolg hat, wird das kommende Jahr zeigen. Die Autobranche dürfte Vissers Fortschritte jedenfalls ganz genau verfolgen.

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