VW sichert sich Milliardenkredit - mit einem Haken Können Banken VW zum Verkauf von Töchtern zwingen?

VW-Logo: Der Konzern holt sich von Banken ein 20-Milliarden-Euro Geldpolster für den Ernstfall - mit einer riskanten Zusicherung

VW-Logo: Der Konzern holt sich von Banken ein 20-Milliarden-Euro Geldpolster für den Ernstfall - mit einer riskanten Zusicherung

Foto: Peter Steffen/ dpa

Es ist ein üppiges Geldpolster, mit dem sich der Volkswagen-Konzern gegen die finanziellen Folgen des Abgasskandals wappnet: Innerhalb eines Jahres können sich die Wolfsburger Kredite über 20 Milliarden Euro von mehreren Banken ziehen. Eine Vereinbarung über diesen Überbrückungskredit mit insgesamt 13 Banken will der Konzern heute noch unterzeichnen.

Doch das schnelle Überbrückungsgeld hat für die Wolfsburger einen Haken, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Bezugnahme auf Insider berichtete: Volkswagen  habe den Gläubigern gegenüber versprochen, zur Rückzahlung notfalls auch Unternehmensteile zu verkaufen oder an die Börse zu bringen.

Falls der Autohersteller Kreditranchen nicht zurückzahlen kann, könnten Gläubigerbanken von Volkswagen den Verkauf von Töchtern oder manchen Nebengeschäften fordern. Das Risiko erscheint zwar klein - aber völlig abwegig ist es nicht.

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Ein Detail bei dem Gläubigerkonsortium lässt aufhorchen: Unter den 13 Gläubiger-Banken befindet sich nur eine einzige deutsche Bank - manager-magazin.de berichtete darüber. Doch internationale Großbanken könnten im Säumnisfall wenig Rücksicht auf Wolfsburger Befindlichkeiten nehmen und stärkeren Druck für einen Verkauf ausüben. Deutsche Banken zeigten sich Großkonzernen gegenüber in den letzten Jahren eher großzügig, wenn sie Kreditbedingungen verletzten. Der Autozulieferer Schaeffler etwa verhandelte mehrfach mit Banken eine Umschuldung.

VW hat keine Pläne für Trennung von Unternehmensteilen

Sollte Volkswagen in den kommenden Monaten noch weitere Abgas-Verfehlungen eingestehen müssen, könnte es für den Konzern eng werden. Noch ist ein solches Szenario Spekulation. Doch im Ernstfall könnten die stolzen Wolfsburger gezwungen sein, manche Teile aus ihrem Riesen-Reich zu verhökern. Volkswagen erklärte gegenüber manager-magazin.de dazu: "Wir haben derzeit keine Pläne, Unternehmensteile zu verkaufen".

Möglich wäre es aber dennoch. Von den Gewinnmaschinen Audi  und Porsche  oder der gerade entstehenden Lkw-Sparte werden sich die Wolfsburger kaum trennen. Weit oben auf der Ernstfall-Liste sollen Kennern zufolge jedoch Teile von MAN stehen. Der Bereich Power Engineering, über den etwa MAN Schiffsmotoren oder Minikraftwerke anbietet, könnte vier bis fünf Milliarden Euro wert sein. Auch die Edeltöchter Bentley oder Lamborghini zählen kaum zum VW-Kerngeschäft und könnten aus dem 12-Marken-Verbund herausgelöst werden. Das gilt auch für die Motorradmarke Ducati.

Details zu den Vereinbarungen des Überbrückungskredits wollte Volkswagen auf Anfrage von mm.de keine nennen. Am Freitagnachmittag hat der Konzern aber die den Vertrag über den Überbrückungskredit mit 13 Konsortialbanken unterzeichnet.

Aus Volkswagen-Kreisen war zu hören, dass der Konzern keine Notwendigkeit für etwaige Töchter-Verkäufe sehe. Nach wie vor seien genügend liquide Mittel in den Kassen vorhanden. Der freie Cash-Flow des Unternehmens sei nach wie vor üppig, die weltweiten Absatzzahlen lagen zuletzt trotz des Absatzskandals nur knapp unter dem Vorjahr. Deshalb werde man auch größere Kredite umfassend bedienen können.

Volkswagen macht nur vage Zusicherungen gegenüber Gläubigern

Bislang blieb Volkswagen  den Gläubigerbanken gegenüber offenbar ziemlich vage: Zwar hat sich der Konzern laut Reuters bereit erklärt, Unternehmensteile zu verkaufen oder an die Börse zu bringen, um die Rückzahlung zu sichern. Über konkrete Töchter sei aber nicht gesprochen worden, sagte ein Insider gegenüber der Nachrichtenagentur.

Tatsächlich müsste viel schiefgehen, bis Volkswagen die Kreditbedingungen so verletzt, dass die Gläubigerbanken Volkswagen zur Trennung seiner Töchter zwingen können.

Der Kredit soll so lange gelten, wie der Konzern das Gütesiegel Investmentgrade besitzt. Zwar haben Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Volkswagen-Konzerns zuletzt zurückgestuft - die US-Ratingagentur S&B bewertet die langfristigen Schulden des Konzerns nun mit der Note "BBB+". Allerdings liegen noch zwei weitere Stufen dazwischen, bis der Autohersteller auf Ramschstatus abrutscht.

Die Kosten für die Millionen-Rückrufe in Europa fallen aber offenbar deutlich geringer aus als zunächst befürchtet - weil Software-Updates und der Einbau eines kleinen Strömungsgitters das Stickoxid-Problem der Motoren lösen sollen. Auch im Skandal um gefälschte CO2-Werte sind laut Volkswagen weniger Autos betroffen als zunächst angegeben.

Warum VW diesmal auf Kredite statt Anleihen setzt

Das spricht erstmal gegen eine weitere Absenkung der Bonitätsnoten - auch wenn sich die Gesamtkosten für den Abgasskandal noch immer nicht gut abschätzen lassen. Denn die möglichen Kosten für die US-Rückrufe sind noch ebenso unklar wie das Ausmaß möglicher Strafzahlungen und Klagen gegen den Konzern.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich Volkswagen überhaupt auf kurzfristige Milliardenkredite von Banken einlässt. Früher hat der Konzern bevorzugt Anleihen ausgegeben, die mit Forderungen an Autokäufer unterlegt waren. Dank der guten Bonität von Volkswagen gelang das zu günstigen Zinsen. Doch seit dem Auffliegen des Abgasskandals ist dieser Finanzierungsweg schwierig geworden. Für institutionelle Investoren, die Anleihen zeichnen, muss Volkswagen detaillierte Prospekte erstellen. Doch derzeit lassen sich die finanziellen Folgen der Abgasaffäre gegenüber möglichen Anleihezeichnern kaum darstellen.

Deshalb wappnet sich Volkswagen nun mit milliardenschweren Kreditzusagen gegen finanzielle Risiken. Dass die Wolfsburger aber den Kreditrahmen vollständig ausschöpfen müssen, ist längst noch nicht ausgemacht. Berichten zufolge benötigt der Autohersteller von den geplanten 20 Milliarden Euro nur die Hälfte. Wenn das so bleibt, ist eine termingerechte Rückzahlung ziemlich wahrscheinlich.

Wenn sich die Krise etwas gelegt hat, will Volkswagen wieder an die Anleihenmärkte zurückkehren. "Im Lauf des ersten Quartals 2016 plant Volkswagen, an die Kapitalmärkte zurückzukehren", erklärte ein Sprecher. Dann sollten, so hofft man in Wolfsburg, die Renditeaufschläge wieder auf ein akzeptables Maß zurückgegangen sein. Die Finanzfachleute des Konzerns wollen den Überbrückungskredit mit neuen Anleihen ablösen. "Dann sind wir wieder auf den erprobten Finanzierungswegen", sagte der Sprecher.