Dienstag, 10. Dezember 2019

Selbstzünder zunehmend unbeliebt VW will Diesel mit großer Kampagne retten

VW-Diesel-Kampagne in den USA (Aufnahme aus dem Jahr 2012)

Diese PR-Offensive dürfte kein Selbstgänger werden: Volkswagen will den Dieselmotor angesichts dessen schlechten Rufs mit einer Image-Kampagne retten. Gleichzeitig will Europas größter Autobauer zusammen mit mehreren Partnern Erdgas als alternativen Kraftstoff voranbringen, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte.

VW steht auch wegen des Skandals um manipulierte Dieselfahrzeuge unter Druck, alternative Antriebe zu entwickeln. Dennoch werden nach Erwartung des Herstellers noch 2025 drei von vier Neuwagen mit Benzin oder Diesel angetrieben werden.

Zwar habe der Dieselantrieb mit starkem Gegenwind in Politik und Öffentlichkeit zu kämpfen. Am Dienstag kündigte Hamburg an, erstmals eine Hauptverkehrsstraße für ältere Diesel-Fahrzeuge zu sperren.

"Aus unserer Sicht ist der moderne Diesel aber Teil der Lösung, nicht des Problems", sagte Müller der "Automobilwoche". VW erwägt seinen Worten zufolge eine Kampagne, an der sich andere Hersteller beteiligen sollen.

Müller sagte dem Blatt, eine Kampagne für die Selbstzünder solle am besten übergreifend erfolgen, weil nicht nur Volkswagen betroffen sei. Auch andere Hersteller bräuchten Diesel, um die staatlichen CO2-Ziele zu erreichen. Die Idee einer herstellerübergreifenden Diesel-Kampagne ist nicht neu: Bereits Mitte vergangenen Jahres lag die Idee auf dem Tisch - als Gegenkonzept zu einer kollektiven Entschuldigung der deutschen Autobauer für die Motor-Manipulationen. Diese hatten Opel-Chef Karl-Thomas Neumann und Bosch-Vormann Volkmar Denner angeregt.

Mit Blick auf drohende Fahrverbote in Innenstädten sagte er, es sei problematisch, Euro-5-Diesel "generell zu verdammen". Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sei "durchaus offen" dafür, Dieselmotoren nachzurüsten.

Nach Ansicht des Branchenverbandes VDA sind Nachrüstungen allerdings schwer möglich: "Aus wirtschaftlicher Sicht lässt sich eine Nachrüstung auf Euro 6 kaum darstellen." Müller betonte, dies werde intensiv geprüft.

Fachleute sind in der Frage gespalten, ob der Diesel mittels Nachrüstungen gerettet werden kann. Schon mit einem Software-Update für 100 bis 300 Euro pro Fahrzeug ließen sich die Stickoxid-Emissionen halbieren, rechnete jüngst das baden-württembergische Umweltministerium gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vor. Der VDA geht eher von 500 Euro aus.

Nur zwei von fünf Fahrern wollen wieder einen Diesel kaufen

Wegen der wachsenden Kritik am Dieselmotor fürchtet die Autoindustrie um Milliardeninvestitionen. Zuletzt war etwa bekanntgeworden, dass heutige Diesel-Autos laut Umweltbundesamt den EU-Grenzwert auf der Straße um ein Vielfaches übersteigen.

Einer Forsa-Umfrage zufolge planen zudem nur noch zwei von fünf Diesel-Fahrern beim nächsten Autokauf die erneute Anschaffung eines Diesels. Fast jeder dritte Dieselfahrer kündigte bei der Forsa-Befragung an, er werde beim nächsten Mal voraussichtlich einen Benziner kaufen. Reine Elektroautos werden dagegen bislang kaum als Alternative in Betracht gezogen - nicht zuletzt wegen der geringen Reichweite und der hohen Kosten.

VW erwartet aber, dass Benziner und Diesel trotz des Trends zu neuen Antrieben noch lange den Ton angeben. Moderne Verbrennungsmotoren blieben "noch mindestens 20 Jahre elementar", hatte Konzernchef Matthias Müller jüngst auf dem Wiener Motorensymposium gesagt. VW werde bis 2022 zehn Milliarden Euro in die Entwicklung des Verbrennungsmotors investieren, kündigte er an. In Elektro- und Hybridmotoren sollen bis dahin neun Milliarden Euro fließen.

Bis 2025 solle zudem die Gas-Flotte hierzulande auf rund eine Million Fahrzeuge verzehnfacht werden, teilte Volkswagen mit. Die Zahl der CNG-Tankstellen - CNG steht für "Compressed Natural Gas", Erdgas oder regeneratives Gas aus Öko-Strom - solle im gleichen Zeitraum von rund 900 auf 2000 steigen. Eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben VW, Gasnetzanbieter und Betreiber von CNG-Tankstellen.

Bei dem Vorhaben geht es nicht nur um Personenwagen, sondern auch um Lastwagen sowie den öffentlichen Nahverkehr in Städten und Kommunen. Wegen seiner kurzfristigen Verfügbarkeit sei Erdgas ein "wichtiger Baustein" für die umweltfreundliche Mobilität der Zukunft, erklärte Ulrich Eichhorn, Leiter Forschung und Entwicklung bei Volkswagen. Wie genau das Ziel erreicht werden soll, stand zunächst allerdings nicht fest - konkrete Maßnahmen sollten gesondert vereinbart werden.

nis/dpa-afx

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