Finanzielle Folgen des Diesel-Debakels So viele Milliarden kann VW notfalls mobilisieren
Volkswagen-Embleme: Mancher enttäuschte Kunde dürfte künftig andere Autos kaufen
Foto: Michael Sohn/ AP/dpaVolkswagens scheidender Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch muss wegen des Abgasskandals gleich für vier Themen hohe Finanzreserven bereit halten: Strafzahlungen der Umweltbehörde EPA, Nachrüstung der manipulierten Fahrzeuge, Schadensersatz für entrüstete Kunden und möglicherweise sogar ein Sparprogramm des Konzerns, sollte der Absatz einbrechen.
Schon vier Tage nach Bekanntwerden des Diesel-Debakels haben Pötsch und seine Leute 6,5 Milliarden Euro für diese Risiken zurückgestellt. Doch bei dem Betrag wird es laut Insidern nicht bleiben.
Schadensersatz, Strafzahlungen, Prozesskosten, Umsatzeinbruch - wann ist die Schmerzgrenze für Volkswagen erreicht?
- Plündern der Konten
Ein Blick auf die Bilanz zeigt, dass Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und seine Leute immerhin solide gewirtschaftet haben. Zum 30. Juni verfügte der Konzern über knapp 18 Milliarden Euro an Bargeld und über Wertpapiere im Wert von noch einmal gut 15 Milliarden Euro - also ungefähr 33 Milliarden. Zieht man davon den Betrag von rund zehn Milliarden ab, den Rating-Agenturen als notwendigen Puffer fordern, damit das Tagesgeschäft läuft, bleiben also etwas mehr als 20 Milliarden Euro übrig, die der Konzern spontan hergeben könnte. Schmerzhaft, aber verkraftbar.
Im vierten Quartal ist noch einmal ein Geldsegen zu erwarten: Der Verkauf der Anteile am ehemaligen Partner Suzuki und an der niederländischen Leasinggesellschaft Leaseplan hat mindestens drei Milliarden Euro an Gewinn eingebracht. Macht mehr als 23 Milliarden, die derzeit verfügbar wären.
- Verschärftes Sparprogramm
Wenn es teurer wird, wären Sparmaßnahmen nötig. Bei Forschung und Entwicklung wäre dies angesichts der kommenden Umwälzungen entlang von Digitalisierung und Elektro-Antrieben besonders schmerzvoll. Hier hat der Konzern für die nächsten fünf Jahre 100 Milliarden Euro an Ausgaben vorgesehen. Der Bau von Fabriken in China oder einigen Schwellenländern könnte allerdings auf Eis gelegt werden und womöglich pro Jahr noch einmal eine bis zwei Milliarden Euro einsparen - angesichts der konjunkturellen Entwicklung in Asien und Russland ohnehin eine naheliegende Maßnahme.
Von einer Verlängerung der Modellzyklen, die ebenfalls Mittel in Milliardenhöhe einsparen würde, raten Analysten hingegen ab. "Der Konkurrenzdruck ist extrem groß", sagt Arnd Ellinghorst von der Londoner Beratungsgesellschaft Evercore ISI. "Wenn VW da nicht am Ball bleibt, könnte das Unternehmen schnell den Anschluss verlieren." In der Summe sind das 25 Milliarden, die verfügbar wären.
Verkauf des Tafelsilbers
Wenn es ganz schlimm käme, bliebe noch die Möglichkeit, einzelne Marken des Konzerns abzustoßen. Allein die Marke Porsche bewertet Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler mit rund 39 Milliarden Euro. Audi repräsentiert einen Kapitalwert von gut 30 Milliarden Euro, Skoda käme auf knapp zehn Milliarden. Hinzu kommen die Luxusmarken Bentley und Bugatti mit drei bis fünf Milliarden Euro. Einen dicken Brocken stellt auch die Lkw-Sparte mit Scania/MAN und Volkswagen Nutzfahrzeuge dar - Wert: rund 30 Milliarden Euro.
Der Verkauf von Porsche, Audi und Skoda scheidet wohl aus, zu eng sind die Marken inzwischen mit der Kernmarke Volkswagen verbunden. Das gilt natürlich auch für Seat, für die das Interesse ohnehin gering sein dürfte. Am ehesten noch ließen sich die Lkw- und die Luxussparte herauslösen und noch einmal bis zu 35 Milliarden mobilisieren. Macht 60 Milliarden.
Im schlimmsten Fall also würde Volkswagen eine gewaltige Summe zahlen können. Doch der Konzern wäre danach nicht mehr derselbe.