Bericht zum Abgas-Skandal Ende April Dieselgate - den Drahtziehern auf der Spur

Von mm-newsdesk
Wie die Stecknadel im Heuhaufen: Die beauftragte US-Kanzlei Jones Day musste unglaubliche Mengen an Daten scannen, um den Abgas-Skandal aufzuklären. Ob ihr und 450 weiteren internen Ermittlern das gelungen ist, wird sich Ende April mit einem Zwischenbericht zeigen

Wie die Stecknadel im Heuhaufen: Die beauftragte US-Kanzlei Jones Day musste unglaubliche Mengen an Daten scannen, um den Abgas-Skandal aufzuklären. Ob ihr und 450 weiteren internen Ermittlern das gelungen ist, wird sich Ende April mit einem Zwischenbericht zeigen

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Über ein halbes Jahr VW-Abgas-Skandal und eine entscheidende Frage ist weiter ungeklärt: Wer sind die Drahtzieher des Betrugs, der den größten Autobauer Europas in die schwerste Krise seiner Konzerngeschichte gestürzt hat?

Der mächtige VW-Aufsichtsrat hat als Reaktion darauf im Oktober die US-Anwaltskanzlei Jones Day mit einer umfassenden Untersuchung beauftragt, um den Fall aufzuklären. Bis Ende des Monats soll ein erster Zwischenbericht vorliegen. Aber können die Ermittler überhaupt Licht ins Dunkel bringen? Lesen Sie die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum ist die Untersuchung so wichtig für VW?

VW muss zeigen, dass der Konzern die Affäre um manipulierte Emissionstests ernst nimmt und bei der Aufarbeitung nichts vertuscht wird. Das Unternehmen hat zwar Fehlverhalten eingestanden, aber auch immer wieder mit Relativierungen den Unmut der US-Ermittler auf sich gezogen. Anfangs wurde der Abgasbetrug als "Unregelmäßigkeit" bezeichnet, im Januar stellte Konzernchef Matthias Müller den Skandal - hausintern als "Diesel-Thematik" abgetan - dann als "technisches Problem" dar und sorgte damit für Empörung. Mit einer schonungslosen Aufklärung durch Jones Day könnte VW die wegen möglicher krimineller Vergehen ermittelnde US-Justiz milde stimmen.

Verschwörung bis in die Chef-Etage?

VW dürfte auch ein starkes eigenes Interesse daran haben, die Schuldigen ausfindig zu machen. Es geht neben hohen Rechtskosten um die Frage, ob die Manipulationen das Werk einer kleinen Gruppe oder einer Unternehmenskultur sind, die der skrupellosen Trickserei zugeneigt war. Das von US-Klägern gezeichnete Bild einer Verschwörung bis in die Chefetage herauf streitet der Konzern vehement ab. Die Untersuchung soll dafür nun Belege liefern. VW glaubt, den Ursprung des Diesel-Debakels weitgehend nachvollziehen zu können. Der Konzern geht nicht von einem einmaligen Fehler, sondern von einer Fehlerkette aus. Wer jedoch auf konkrete Namen von Verantwortlichen hofft, dürfte enttäuscht werden ...

Warum werden keine Namen im Bericht stehen?

Volkswagen muss die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen schützen. Erst wenn in einem nächsten Schritt die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren einleiten würde, könnten die Namen auch öffentlich genannt werden. Dies würde aber auch der Behörde obliegen. Am Ende dürfte deshalb eher eine Art Chronologie der Ereignisse stehen, in der haarklein die Abläufe vermerkt sind, die im größten Skandal der Konzerngeschichte endeten. Nichtsdestotrotz ist es Ziel von Jones Day, den Sachverhalt im juristischen Sinne aufzuklären. Die Erkenntnisse müssen nicht nur plausibel und stimmig, sondern auch gerichtsfest sein. Deshalb wurden die betroffenen Personen auch von den Ermittlern verhört und ihre Aussagen protokolliert.

Wie arbeiten hunderte Ermittler zusammen?

An der Aufklärung sind rund 450 interne und externe Experten beteiligt. Die Untersuchungen erfolgen in einem zweigeteilten Prozess: Die interne Revision, für die Experten aus verschiedenen Konzernunternehmen zu einer Task Force zusammengezogen wurden. Im Auftrag des Aufsichtsrates und Vorstands fokussiert sie sich auf die Prüfung relevanter Prozesse, auf Berichts- und Kontrollsysteme sowie die begleitende Infrastruktur. Ihre Erkenntnisse stellt die Revision den externen Experten von Jones Day zur Verfügung. Die Kanzlei führt unter anderem die forensischen Untersuchungen durch und wird dabei operativ vom Wirtschaftsprüfer Deloitte unterstützt.

Unglaubliche Datenmengen - Wie die Stecknadel im Heuhaufen finden?

Die externen Ermittler müssen gigantische Datenmengen sichten. Laut Volkswagen wurden 102 Terabyte gesichert. Das entspricht umgerechnet etwa 50 Millionen Büchern. Mehr als 1500 elektronische Datenträger von rund 380 Mitarbeitern wurden dafür eingesammelt. Da niemand diese Menge an Daten lesen kann, müssen sie mit Suchmaschinen durchleuchtet werden. Ein Problem war dabei, dass die Beteiligten für den Schriftverkehr über die Manipulationen nur Codewörter benutzten - etwa "Akustiksoftware" für das "defeat device".

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Foto: AVL

Schlagwörter wie die im Skandal zentralen Begriffe "NOx" oder "Stickoxide" waren tabu. Wie groß die Datenmasse ist, zeigt ein Vergleich mit den "Panama Papers", die derzeit Schlagzeilen machen. Sie umfassen 2,6 Terabyte. Mehr als 400 Journalisten brauchten ein Jahr für die Analyse.

Externe Prüfung nicht mehr als ein Alibi-Instrument?

Ob Zündschloss-Skandal bei der Opel-Mutter General Motors (GM) oder Airbag-Debakel beim japanischen Zulieferer Takata: Nach der Beteuerung "vollumfänglicher Kooperation" mit den Behörden ist die interne Untersuchung mit Hilfe bekannter Kanzleien fast immer der nächste Schritt, wenn es für Großkonzerne kritisch wird.

Genauso verbreitet wie die Praxis an sich ist allerdings auch die Kritik, dass es sich dabei eher um ein strategisches Alibi-Instrument des Krisen-Managements handelt als um ein wirkliches Bekenntnis zur entschlossenen Aufdeckung von Missständen. Bei den tödlichen Pannenserien von GM und Takata blieben die Vertuschungsvorwürfe trotz Untersuchungen durch externe Prüfer bestehen.

von Marco Hadem und Hannes Breustedt (dpa)

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