Was Matthias Müller falsch macht Volkswagen verpatzt den Kulturwandel

Von Christian Scholz
Von Christian Scholz
Der rennsportbegeisterte und technikverliebte Matthias Müller als sympathischer Porschefahrer war für den VW-Chefposten die falsche Wahl. Denn bei Volkswagen geht es um wesentlich mehr als um ein technisches Problem mit einem kleinen Computerprogramm. Das Unternehmen muss endlich die Konsequenzen ziehen.
Mit einem technisch-funktionalen Kulturverständnis, wie es der neue Vorstandschef Mathias Müller an den Tag legt, wird Volkswagen den nötigen Kulturwandel nicht schaffen

Mit einem technisch-funktionalen Kulturverständnis, wie es der neue Vorstandschef Mathias Müller an den Tag legt, wird Volkswagen den nötigen Kulturwandel nicht schaffen

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Rede von VW-Chef Diess auf der CES: Mehr Elektro, mehr Erlebnis - wie sich VW verändern soll

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Die Aussagen von VW-Chef Matthias Müller in den USA waren verräterisch. Im Kern lautete seine Botschaft: Eigentlich haben wir nicht geschummelt und natürlich auch nicht gelogen. Wir haben das getan, was von uns verlangt wurde. Wir haben die sehr extremen Grenzwerte erfüllt - allerdings auf eine Art und Weise, die überraschenderweise nicht zulässig ist. Dass es plötzlich nicht nur darum geht, auf dem Prüfstand gut zu sein, sondern dass unsere Autos auch in der Natur sauber sein sollen, das ist offenbar eine erstaunliche neue Information.

Natürlich war es ein verunglücktes Interview als Teil einer insgesamt verunglückten USA-Reise. Aber jetzt alles nur auf einen fatalen "Versprecher" zu schieben - so wie ein kurzer Satz von Rolf Breuer zum Kirch-Imperium die Deutsche Bank  knapp eine Milliarde Euro gekostet hat -, greift zu kurz.

Im Gegenteil: Gerade unter Stress kommt das wahre Ich zum Ausdruck. Denn augenscheinlich ging und geht es für VW bei der ganzen Angelegenheit nicht um die Umwelt, sondern um Umweltnormen: Und zwischen diesen beiden Wörtern liegt ein gewaltiger Unterschied.

Dieser Unterschied erklärt auch, warum Matthias Müller und offenbar fast alle um ihn herum, dieses #dieselgate als ein technisches Problem ansehen, für das sie primär eine technische Lösung brauchen, um die ärgerlich hohen Strafen zu vermeiden.

Christian Scholz
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Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Deshalb war auch so ziemlich alles ziemlich unglücklich, was VW und damit überwiegend Matthias Müller unternahm, nachdem die Krise das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte.

Eine unendlich traurige Geschichte von Fehlern

Insgesamt haben somit lediglich einige wenige Personen aus dem unteren Management einige dumme Kommandozeilen in ein Computerprogramm gesetzt, das (dummerweise und völlig unbemerkt) elf Millionen Fahrzeuge betrifft.

Mit dieser Darstellung hat der VW-Konzern einmal mehr unabsichtlich demonstriert, welche Unternehmenskultur er hat. Zwar wurde viel über den Führungsstil von Martin Winterkorn und die "Angstkultur" im mittleren Management gesprochen und geschrieben. Bei Volkswagen  selbst stand das Thema "Unternehmenskultur" aber nie ganz oben auf der Agenda.

Genau da wird es aber gleichermaßen schwierig wie interessant: Wenn man zurückgeht auf das, was Edgar Schein am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und viele andere Kulturforscher unter "Unternehmenskultur" verstehen, so liegt das einen Quantensprung über dem populär-umgangssprachlich-trivialisierenden Verständnis von Unternehmenskultur vieler deutscher Manager - nicht nur bei VW. Da gibt es Vorstandsvorsitzende, die Montagsmorgens per E-Mail eine neue Führungskultur verordnen, während andere angesichts von Milliarden (auch kulturbedingter) Verluste erklären, mit Unternehmenskultur ab jetzt überhaupt nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Unternehmenskultur ist das implizite Bewusstsein eines Unternehmens, das weitreichend das Verhalten der Mitarbeiter prägt und das umgekehrt auch durch das Verhalten der Mitarbeiter geprägt wird. Es geht also in beide Richtungen. Und wenn Werte wie Umwelt oder Nachhaltigkeit nicht in der Kultur verankert sind, dann werden sie nicht auf das Verhalten wirken.

Mit einem "Wir sind Wir" kommt Volkswagen nicht weiter

Somit besteht ein gravierender (aber selten verstandener) Unterschied zwischen der verordneten sowie formalisierten Unternehmenskultur in einer Organisation und der gelebten wirklichen Unternehmenskultur. Und interessanterweise zeigt sich die wahre Unternehmenskultur besonders deutlich immer am Umgang mit Unternehmenskultur.

Also: Wenn Matthias Müller eine neue Führungskultur "verordnet", dann ist das weniger ein Impuls zur echten Veränderung. Es zeigt vielmehr die bestehende Kultur der autoritären Top-Down-Führung. Und wenn Matthias Müller - offenbar ohne es breit intern abzustimmen - einen ehemaligen FBI-Mitarbeiter als Berater hinzuzieht, dann ist auch das Ausdruck von Kulturmerkmalen. Gleiches gilt für das panikartige Einkaufen einer hochrangigen Compliance-Expertin: Hier signalisiert der Vorstandschef, dass es nicht um eine echte Änderung der Kultur und des Verhaltens geht, sondern ausschließlich um den Umgang mit Vorschriften. Es werden vielleicht die Vorgaben umgesetzt, aber die Kultur trägt sich nicht selber: Mitarbeiter verhalten sich nicht automatisch ökologischer, nur weil der Vorstand dies beschlossen hat.

Damit wären wir wieder beim Ausgangsproblem: Wichtig ist nicht die Umwelt, sondern die Umweltnorm.

Wenn eine Technik-Kultur pathologische Züge annimmt

Natürlich ist eine Technikkultur nicht negativ, sondern ein potenzieller Erfolgsfaktor. Sie reicht aber nicht aus und wird sogar zu einer pathologischen Kultur, wenn ein Unternehmen sie exzessiv lebt und unabhängig vom jeweiligen Anlass alle anderen Kulturwerte beiseite schiebt.

Wer nicht mit seiner eigenen Unternehmenskultur im Reinen ist und sie vor allem nicht in ihren Schattenseiten begreift, dem fallen auch die interne und externe Kommunikation schwer: grotesk die Videobotschaft von Martin Winterkorn beim Bekanntwerden des Skandals und grotesk sein Rücktritt, bei dem er zwar die Verantwortung übernimmt, aber ansonsten mit der ganzen Sache nichts zu tun hat. Und wenn kurz darauf das Präsidium des Aufsichtsrats Martin Winterkorns Unschuld bestätigt, dann ist klar: Wir brauchen uns letztlich nicht weiter mit der Materie auseinanderzusetzen, weil im oberen Management und im Aufsichtsrat nichts falsch gelaufen ist. Und genau das bekräftigt fatalerweise Matthias Müller bereits in seiner ersten großen Rede vor Führungskräften: Die Konzernspitze wusste von nichts, alles habe sich "im mittleren Management und darunter abgespielt".

Deshalb sprach aus Sicht von Volkswagen auch nichts dagegen, den bisherigen Finanzchef Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden zu machen. Schließlich ist der Corporate Governance Kodex kein Gesetz, an das man sich halten muss. Wieder ein Verhalten, das fatalerweise die VW-Unternehmenskultur offenlegt, die man mit "Wir sind Wir" (und alles andere ist egal!) bezeichnen kann. Also: Wieder ein Fehler, genauso wie die Tatsache, dass Martin Winterkorn weiterhin auf der Gehaltsliste steht.

Was Volkswagen jetzt dringend tun muss

  • (1) VW muss sofort alle Zahlungen an Martin Winterkorn einstellen und zivilrechtlich auf Schadenersatz klagen, bevor er alle seine Vermögenswerte "in Sicherheit" bringt. Dazu ist der Aufsichtsrat sogar verpflichtet - und zwar unabhängig davon, ob man Martin Winterkorn konkretes Wissen um die Schummelsoftware nachweist. Neben den finanziellen Nutzen für VW tritt der symbolisch-kulturelle Nutzen: Das Unternehmen zeigt, dass sich auch Vorstände nicht alles erlauben können.
  • (2) Bereits in diesem Zusammenhang müssen Vorstand und Aufsichtsrat in die Tiefe gehend verstehen, was Unternehmenskultur eigentlich ist, warum sie wichtig ist und wie ihre eigene Unternehmenskultur tickt. Dazu lädt der Autor dieses Beitrages, der sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Unternehmenskultur beschäftigt, auf diesem Wege die Leitungsebene von VW gern nach Saarbrücken zu einer persönlichen Individualvorlesung ein. Wenn Matthias Müller sagt, er werde die Unternehmenskultur des Autoherstellers "neu justieren", dann deutet dies auf ein technisch-funktionales Kulturverständnis hin, das genauso wenig funktioniert, wie einen Porsche nur durch Suggestion zu lenken. Egal, wie dieses fehlende Wissen in die Köpfe der Manager kommt: Es ist nötig, um Schritt (3) zu realisieren.
  • (3) VW braucht einen neuen Vorstandsvorsitzenden, einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und einen neuen Chef des Betriebsrats. Das hat vor allem etwas damit zu tun, dass es einfach jeglicher Lebenswirklichkeit widerspricht, zu glauben, diese drei Personen hätten nichts von der Schummelsoftware gewusst. Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende (sowie weitere Schlüsselfiguren) müssen jetzt von (weit!) außen kommen, wobei andere Automobilhersteller ebenso ausscheiden wie Banken und Versicherungen. Dieser Schritt hin zu Personen, die weder mit #dieselgate noch mit VW involviert sind, kommt vermutlich leider erst nach Schritt (2), weil ohne die "unternehmenskulturelle" Einsicht die genannten drei Personen sich gegenseitig stützen würden.

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Rede von VW-Chef Diess auf der CES: Mehr Elektro, mehr Erlebnis - wie sich VW verändern soll

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Kommen die Schritte (1) bis (3) nicht aus innerem Antrieb, wird sich in den nächsten Wochen der externe Druck auf Volkswagen aufbauen und das Unternehmen zu diesen Schritten zwingen.

  • (4) Matthias Müllers personalpolitische Schnellschüsse müssen zurückgedreht werden. Aussagen wie ein Empowerment nach der Devise "Just Do It" müssen vom Tisch. VW ist nicht Nike  und vielleicht hat bei der Schummelsoftware auch irgendjemand vorschnell "Just Do It" gedacht. Stattdessen muss erst einmal klar werden, in welche Richtung sich die Kultur von VW entwickeln sollte. Dazu gehört im Übrigen nicht zwangsweise die von Matthias Müller angekündigte Dezentralisierung. Also: In Schritt (2) wird die erforderliche Unternehmenskultur in allen ihren Facetten identifiziert, und erst danach sind personalwirtschaftliche Maßnahmen zu definieren und umzusetzen.
  • (5) VW braucht eine nachhaltige und umweltorientierte Marken-, Produktions- und Absatzstrategie. Hier kann man beispielsweise über den Phaeton nachdenken, auch wenn er sich in China (noch) gut verkauft. Braucht man für den amerikanischen Markt wirklich Dieselautos? Vielleicht wäre sogar der völlige Rückzug aller Pkw-Dieselmotoren bei gleichzeitigem radikalem Forcieren von Hybridmodellen eine Strategie, die auch die amerikanische Politik begeistern könnte. Oder man verpflichtet sich dazu, bei allen (!) Umweltnormen jeweils die global schärfsten Regeln bei allen (!) Fahrzeugen einzuhalten. Also: Was Kalifornien verlangt, erfüllt VW auch in Niedersachsen.
  • (6) Nach dem Käfer gab es einen New Beetle. Warum nicht jetzt ein "New VW" mit einer neuen Kultur? VW könnte die aktuelle Krise zu einem umfassenden Neustart nutzen und alles auf den Prüfstand stellen. Das gilt für Lobbyarbeit ebenso wie für Stiftungsprofessuren. Ganz wichtig: Positiv-Etabliertes ist zu schützen. So hat Volkswagen als eines der ersten Unternehmen eine breite Mitarbeiterorientierung in der Unternehmenskultur verankert, die es zu erhalten gilt. Also: Gesucht ist ein tatsächlicher und großflächiger Neuanfang über Systeme, Strategie und Kultur.
  • (7) Was in den letzten Monaten lief, war weitgehend ein kommunikatives Desaster. Deshalb sind die Schritte (1) bis (6) von vorneherein in einer offensiven internationalen Kommunikationsstrategie zu positionieren. So eine Aufgabe muss doch eine Herausforderung für alle Agenturen sein. Vielleicht könnten diese ja einmal ungefragt ihre potenziellen Konzepte präsentieren oder sie zumindest dem Autor dieses Beitrags schicken. Denn der hätte auch schon einen Vorschlag: Gerade in den USA hat VW viel Spott für den damaligen Spot mit den Omas bekommen, die das weiße Handtuch an den Diesel-VW hielten. An diesem Werbefilm könnte man ebenso ansetzen wie an der dunklen Seite der Macht aus der Star-Wars-Werbung von VW aus dem Jahre 2011.

Also: Wolfsburg, bitte übernehmen! Die Zeit wird knapp.

Der Autor dieses Beitrags erklärt sich für etwas befangen: Er ist der absolute und personifizierte VW-Fan, hat in 40 Jahren alle seine Autos aus dem VW-Konzern gekauft, wurde von der Volkswagenstiftung in seiner Forschung unterstützt und verwendet seit Jahren positive Beispiele aus der Personalarbeit von VW in seinen Arbeiten.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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