Neuer Volkswagen-Chef verharmlost Dieselgate Hat Matthias Müller den VW-Skandal noch nicht verstanden?

Wohin führt Matthias Müller Volkswagen? Zunächst versucht er, den Abgas-Skandal zu relativieren

Wohin führt Matthias Müller Volkswagen? Zunächst versucht er, den Abgas-Skandal zu relativieren

Foto: Ole Spata/ dpa

Volkswagen, das ist zurzeit ein geprügelter Konzern: Behörden, Anwälte, Manager der Konkurrenz - alle dreschen angesichts des Abgasskandals auf Volkswagen ein. Kann es nicht langsam mal gut sein?

Verständlich, dass sich der neue Chef Matthias Müller derzeit nichts sehnlicher wünscht. Problematisch aber wird es, wenn er über diesen Wunsch Gefahr läuft, einen der größten Skandale in der Geschichte der Automobilindustrie zu verharmlosen.

"Uns ist ein schwerwiegender Fehler unterlaufen", sagte er nun der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) in seinem ersten Interview nach der Amtsübernahme. "Ein Fehler" - für eine Abgas-Manipulation, die nahezu alle Kommentatoren als Betrug einstufen, ist das schon einmal mindestens eine Untertreibung. Andererseits könnte das vielleicht noch als eine legitime Schutzbehauptung angesichts drohender Prozesse durchgehen.

Eine andere Aussage Müllers legt dagegen die Vermutung nahe, dass der neue selbst ernannte Chef-Aufklärer den Kern des Skandals, wie er im wichtigen Autoland USA gesehen wird, noch gar nicht begriffen hat.

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"Aber bedenken Sie", sagte Müller auf die Frage der FAZ nach der Höhe möglicher Strafzahlungen, "bei uns hat es keine Toten gegeben, unsere Autos waren und sind sicher". Beim deutschen Publikum der FAZ mag das verfangen. Vor den US-Behörden, die an diesem Donnerstag den US-VW-Chef vernehmen, wäre eine solche Attitüde Müllers allerdings fatal. Um es Müller noch einmal deutlich zu machen: In dem Fall ermittelt die oberste US-Umweltbehörde, nicht die Highway-Sicherheitsbehörde des Verkehrsministeriums. Schließlich geht es darum, dass Millionen Volkswagen bis zu 40-mal mehr giftige Abgase in die Luft geblasen haben als erlaubt.

Betroffen ist eben nicht die Sicherheit der Kunden in den Autos (die tatsächlich direkt nicht bedroht war), sondern die Gesundheit der gesamten Bevölkerung, vor allem der in den Ballungsräumen. Und weil diese Menschen unter einem hohen Gehalt von Stickoxiden in der Luft leiden, gibt es Grenzwerte und hohe Strafen, wenn sie nicht eingehalten werden.

Volkswagen auf den Spuren der Tabakindustrie?

Die Strafen sind vor allem deshalb so hoch, weil inzwischen Stand der Wissenschaft ist, dass Stickoxide tödliche Wirkung entfalten. Müllers Behauptung, es habe "keine Toten gegeben", ist unter diesem Blickwinkel kaum haltbar.

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Allein in Großbritannien sterben laut einer Regierungsuntersuchung jedes Jahr 23.500 Menschen vorzeitig durch Stickoxide , die vor allem durch Dieselfahrzeuge in die Luft gelangen. US-Medien spekulieren bereits darüber, wie viele Tote auf Volkswagens Konto gehen - bis zu 106 allein in den Vereinigten Staaten. Auch wenn derartige exakte Berechnungen fragwürdig erscheinen, sollte Matthias Müller die Gleichung einleuchten: Mehr Abgase, mehr Tote.

Volkswagen muss sich bei denen entschuldigen, die unter schlechter Luft leiden

Nachzulesen ist all das übrigens auch in dem offiziellen Statement  der amerikanischen Umweltbehörde zu dem VW-Skandal: Hohe Ozonwerte - begünstigt von Stickoxiden - "werden in Verbindung mit vorzeitigen Todesfällen gebracht".

Nun lassen sich solche wissenschaftliche Befunde wunderbar öffentlich infrage stellen. Die Tabakindustrie mit ihren früheren Zweifeln an der Krebsgefahr durch Rauchen lässt grüßen.

Doch Volkswagen würde sich mit einer solchen Strategie keinen Gefallen tun. Denn nur wer mit den Behörden kooperiert, kommt glimpflich aus der Sache raus. Und ihre Strafen bemisst die Umweltbehörde nun mal auch nach den rechnerischen Gesundheitsschäden durch Abgase. Dazu zieht sie den aktuellen Wissenschafts-Standard heran.

Müllers Worte sollen Prozessrisiken senken - doch sie sind gefährlich

Diese Messlatte sollten die Volkswagen-Manager deshalb auch an ihr eigenes Handeln und ihre eigenen Worte anlegen: Lieber mit den Behörden kooperieren, anstatt die eigenen Vergehen herunterspielen. Und sich nicht nur bei den Kunden oder einer unbestimmten "Öffentlichkeit" entschuldigen, sondern ganz gezielt bei allen Menschen, die in Gebieten mit hoher Luftverschmutzung leben.

Natürlich ist das angesichts der drohenden Schadensersatz-Prozesse juristisch vermintes Gelände. Langfristig wird sich Volkswagen aber nur erneuern können, wenn jeder im Unternehmen weiß, warum der Abgas-Skandal keine Petitesse ist.

Müllers vergleichsweise lapidaren Worte zu den Vergehen von Volkswagen sind also schädlich für den Konzern. Schließlich geht es jetzt nicht nur darum, aufrichtig aufzuklären. Der neue Chef muss im Konzern eine Kultur etablieren, die manipulierte Abgaswerte und andere Vergehen nicht duldet. Und zwar nicht nur, um Strafen zu entgehen. Sondern auch, um die Gesundheit der Menschen zu schützen - und dadurch die Akzeptanz der Marke VW wieder zu steigern.

"Die bisschen erhöhten Abgaswerte, die bringen einen Indianer nicht um"

Der Kulturwandel wird nicht leicht, zumal auch wichtige Aktionäre den Ernst der Lage nicht begreifen. "Die bisschen erhöhten Abgaswerte, die bringen einen Indianer nicht um", scherzte ausgerechnet der Vorsitzende des Vereins der VW-Belegschaftsaktionäre, Friedrich-Wilhelm Schlichting gegenüber der "Zeit" .

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Volkswagen darf jetzt nicht den Eindruck erwecken, dieses ganze Abgasding sei irgendwie nicht so relevant. Luftverschmutzung ist seit Jahren ein Megathema, ähnlich wie der Klimawandel. Das gilt weltweit und für China genauso wie für Los Angeles oder Hamburg.

Ernst der Lage nicht begriffen - Luftverschmutzung ist ein Megathema

Selbst wenn es viele Kunden nicht besonders interessieren mag, was genau aus dem Auspuff kommt - Stadtverwaltungen und Regierungen interessiert es überall. Überall verschärfen sie die Regeln, jetzt erst recht. So will etwa Paris ab 2020 Dieselfahrzeuge aus der Stadt verbannen.

Volkswagen muss daher dringend wieder auf die Höhe der Zeit kommen. Sonst erleidet der Konzern womöglich das Schicksal der Energiekonzerne, die irgendwann nur noch als dreckige Dinosaurier wahrgenommen wurden.

Die Einstellung, die Matthias Müller in dem FAZ-Interview an den Tag gelegt hat, ist dabei alles andere als hilfreich.