Montag, 30. März 2020

Produktion wird ab Samstag weitgehend ausgesetzt VW-Konzern schaltet um in Corona-Modus

Volkswagen fährt die Produktion drastisch runter
REUTERS/Michele Tantussi
Volkswagen fährt die Produktion drastisch runter

Volkswagen schaltet um in den Corona-Modus: Nach Erkrankungen von Mitarbeitern und sich abzeichnenden Problemen bei der Teileversorgung setzt der Autobauer als erster Großkonzern in Deutschland seine Produktion weitgehend aus. An den allermeisten Standorten soll an diesem Freitag die letzte Schicht laufen, teilte Volkswagen Börsen-Chart zeigen am Dienstag mit.

Der Konzernbetriebsrat hatte zuvor offenbar erheblichen Druck auf das Management ausgeübt. In einem Brief an die Mitarbeiter, der manager-magazin.de vorliegt, betont Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, dass nicht alle Beschäftigten im Home-Office arbeiten können und auch in der Produktion die Mitarbeiter dem Risiko einer Ansteckung unterschiedlich stark ausgesetzt seien. Der Betriebsrat habe gegenüber dem Vorstand diese "Zweiklassengesellschaft" kritisiert.

In den vergangenen Tagen hatte es auch in deutschen Werken erste bestätigte Fälle von Infektionen mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19 gegeben. Das Management hat konzernweit und global bislang 25 Coronavirus-Erkrankungen unter den Beschäftigten registriert.

In dem Brief heißt es unter anderem: "Die Kolleginnen und Kollegen an den Montagelinien, in den Werkstätten [...], in der Logistik [...] sind weitaus stärker als andere Abteilungen von der aktuellen Corona-Krise betroffen - und können dort die Empfehlungen des RKI nicht einhalten". Während Beschäftigte in den Bürobereichen im großen Stil in die mobile Arbeit wechselten, arbeiteten die Kollegen im Schichtbetrieb an den Linien zumeist Schulter an Schulter und seien ungleich stärker einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

Im Video: Herbert Diess zum Produktionsstopp

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Bild: Silas Stein/dpa

Dass sich der Vorstand entschieden hat, ab Freitag die Produktion zu stoppen, hält der Betriebsrat für unzureichend. "Aus unserer Sicht ist das zu spät!" Für die verbleibenden Tage fordern die Arbeitnehmervertreter eine klare Antwort auf die Frage, wie hoch das Ansteckungsrisiko für alle Beschäftigten ist. "Dieses Vorgehen wäre transparent und fair. Intranet und App sind dazu nicht ausreichend." Zudem fordert der Betriebsrat das Management auf, Klarheit für die übrigen Standorte herzustellen. Scharf kritisiert Osterloh: "Wir erwarten hier eine Lösung - denn einige im Vorstand wollen ihrer Verantwortung offenbar nicht gerecht werden."

Volkswagen wird bei Produktionsausfall Kurzarbeitergeld beantragen

"Wir sind seit dem 2. Januar in Task Forces beim Thema Corona engagiert. Und wir haben bereits sehr viel unternommen, um die Belegschaft zu schützen", entgegnete Volkswagen-Personalchef Gunnar Kilian der Kritik des Betriebsrates zunächst. Für das weitere Vorgehen mit Blick auf einzelne Werke stehe man in enger Abstimmung mit der Arbeitnehmervertretung. Der größte deutsche Industriekonzern hat weltweit mehr als 670.000 Beschäftigte, auch in vielen anderen Ländern gelten inzwischen erhöhte Vorsichtsmaßnahmen.

Kilian betonte weiter während der per Video übertragenen Pressekonferenz, dass Volkswagen mit der Aussetzung der Produktion Kurzarbeitergeld beantragen werde.

Konzernchef Herbert Diess sagte, dass in den spanischen Werken, Setubal in Portugal, Bratislava in der Slowakei und an den Standorten von Lamborghini und Ducati in Italien bereits die Produktion eingestellt sei. "Die meisten anderen deutschen und europäischen Werke des Konzerns bereiten sich ebenfalls auf eine Produktionsunterbrechung voraussichtlich für zwei Wochen vor."

Produktion in China läuft wieder, Werke in USA und Mexiko arbeiten noch

Detaillierte Informationen über die Fahrweise der Werke würden zeitnah von den einzelnen Marken kommuniziert. Für die Werke in Chattanooga (USA) und Puebla (Mexiko) sei aktuell noch kein Produktions-Stopp absehbar, betonte Diess weiter.

In China sei die Produktion bis auf die Werke in Changsha und Urumqi wieder aufgenommen worden. Volkswagen hat im Reich der Mitte sein größtes Exposure und dort mit Abstand auch den größten Marktanteil. Durch gemeinschaftliche Anstrengungen sei es gelungen, die Produktion in China relativ schnell wieder hochzufahren. "Wir sind optimistisch, dass uns das auch in Europa gelingt", betonte Diess.

VW rechnet mit Unterbrechung der Lieferketten in Europa

Nach Worten von Einkaufschef Stefan Sommer habe sich Volkswagen mit Teilen "bis jetzt versorgen können". Bis Ende der Woche sei die Versorgung abgesichert. Angesichts der wachsenden Probleme in Europa sei mit Unterbrechungen der Lieferkette aber auch in Europa zu rechnen.

Die Frage, wie lange Volkswagen einen kompletten Shutdown in Europa durchhalten könne, sei schwer zu beantworten, sagte Finanzvorstand Frank Witter während der Video-Bilanzpressekonferenz. Der Konzern sei finanziell gut ausgestattet, reduziere aber selbstverständlich Liquiditätsabflüsse, so "dass wir die Sache fokussiert aber ohne große Beunruhigung angehen könne", betonte Witter.

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