Explosiver Dieselstreit Autohändler steigen Volkswagen und Co. aufs Dach

Umweltministerin Hendricks will VW und Co. zu einer milliardenschweren Hardware-Nachrüstung von Millionen Dieselautos zwingen. Die Autobosse verweigern das strikt und kanzeln die Forderung als Wahlkampf-Getöse ab. Doch jetzt rebellieren ausgerechnet die Autohändler gegen die eigenen Konzerne.
Explosive Stimmung: Die Weigerung der Autobauer, Diesel-Autos mit Hardware nachzurüsten, ist ein gefährlicher Stunt. Denn den Fahrzeugen droht angesichts des Stickoxidausstoßes auch mit einem Software-Update ein Fahrverbot in deutschen Städten

Explosive Stimmung: Die Weigerung der Autobauer, Diesel-Autos mit Hardware nachzurüsten, ist ein gefährlicher Stunt. Denn den Fahrzeugen droht angesichts des Stickoxidausstoßes auch mit einem Software-Update ein Fahrverbot in deutschen Städten

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Im Streit um den Stickoxidausstoß von Dieselautos wagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks den offenen Konflikt mit der deutschen Autoindustrie. Die Ministerin fordert Volkswagen, Daimler, BMW und Co zu weiterreichenden Nachrüstungen ihrer Dieselfahrzeuge auf. Die angekündigten Software-Updates reichten nicht aus. "Es wird eine Nachrüstung der Hardware, also eine Abgasreinigung geben müssen", sagte Hendricks. Bezahlen müsse dies die Autoindustrie.

Das dürften die Autobauer als klaren Bruch der Vereinbarung des Dieselgipfels von Anfang August bewerten. Hier hatten sie ein Software-Update für 5,3 Millionen Autos angekündigt und eben keinen Hardware-Umbau der von Fahrverboten bedrohten Selbstzünder zugesagt, wofür die Autobosse allerdings postwendend scharfe Kritik und Warnungen ernteten.

Der Grund für die Weigerung der Autoindustrie liegt auf der Hand: Ein Update der Software, das im besten Fall zu einem um 25 Prozent niedrigeren Stickoxidausstoß führt, kostet pro Fahrzeug zwischen 70 und 100 Euro. Die Umrüstung von Abgas- und Filteranlagen hingegen kann mit bis zu 2000 Euro je Auto ins Kontor schlagen - und damit die Rechnung für die deutschen Autobauer auf bis zu 10 Milliarden Euro katapultieren.

Dieses enorme Kostenrisiko für deutsche Autobauer scheint Hendricks im Gegensatz zu ihrem Ressortkollegen Verkehrsminister Alexander Dobrindt wenig zu beunruhigen: Fahrverbote seien weiterhin nicht vom Tisch, betonte die Ministerin. Lediglich Diesel mit der Euro 6D-Norm hätten eine sichere Zukunft.

Hendricks warnte die Autobauer vor diesem Hintergrund zugleich vor einem Abverkauf vermeintlich sauberer Diesel mit älteren Abgasnormen.

Autohändler gehen gegen Autobauer auf die Barrikade

Ab 1. Januar 2020 wird Euro 6d verbindlich für die Zulassung neuer Fahrzeugtypen. Ein Jahr später müssen alle Neuwagen die Grenzwerte auf dem Prüfstand und auf der Straße erfüllen. Euro 6d ist eine verschärfte Norm der seit Herbst 2014 gültigen Euro-6-Norm. Sie definierte erstmals Grenzwerte für die Partikel-Anzahl im Abgas und wurde ständig weiterentwickelt. Die Norm 6d misst über den Prüfstand hinaus das Abgasverhalten unter realistischen Bedingungen im Verkehr.

Schützenhilfe erfährt die Umweltministerin mit ihrer Forderung nach einer Hardware-Nachrüstung überraschenderweise von den deutschen Autohändlern. Auch ihnen sind die enormen Kostenunterschiede der zwei möglichen Lösungen offenbar völlig egal. Wie die Ministerin drängen sie die Autobauer zur kostspieligeren Hardware-Variante.

Das könnte damit zusammenhängen, dass die Autohändler an vorderster Front den Unmut und das Misstrauen der Kunden direkt zu spüren bekommen. Sei es, weil diese sich zum freiwilligen Software-Update ihres Dieselfahrzeugs in der angeschlossenen Werkstatt melden oder eben den Kauf eines Neuwagens erwägen. Ein Diesel ist da mittlerweile nicht mehr erste Wahl, wie Absatzzahlen und auch Umfragen zeigen.

Die Hersteller müssten ihrer Verantwortung als Verursacher der Dieselkrise gerecht werden und sich "schleunigst um die Entwicklung wirksamer Nachrüstlösungen kümmern", adressierte Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), unverblümt seine Forderung an Volkswagen, Daimler & Co.

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Für "wirksam" in diesem Sinne hält Karpinski lediglich Lösungen mit nachgerüsteter Harnstoffeinspritzung, sagte er dem "Handelsblatt". Der Stickoxidausstoß eines Dieselautos mit Euro-Norm 5 könnte so um bis zu 90 Prozent reduziert werden. Mögliche Fahrverbote seien damit vom Tisch. Der ZDK gilt mit 38.000 angeschlossenen Unternehmen als der wichtigste Verband der deutschen Autohändler.

Die teurere Hardware-Nachrüstung ließe sich finanzieren, ist auch der VW-Händlerverband dem Bericht zufolge überzeugt. Milliardenschwere Ausgaben könnten den Diesel-Absatz stabilisieren und drohende Strafzahlungen für überschrittene Kohlendioxid-Grenzen obsolet machen. Diese Strafen drohten den Konzernen, so das Argument der mächtigen VW-Händlervereinigung, wenn immer mehr Dieselfahrer angesichts auch fallender Wiederverkaufswerte auf Wagen mit Benzinmotor umsteigen und so den CO2-Ausstoß drastisch erhöhten.

Autoindustrie sträubt sich vehement gegen Hardware-Nachrüstung

Ob der Verband Volkswagen-Chef Matthias Müller damit überzeugen kann, scheint eher zweifelhaft. Der Manager schloss zum Dieselgipfel Anfang August quasi stellvertretend für die ganze Branche eine Hardware-Nachrüstung aus. Sie sei zu aufwändig und in ihrer Wirkung angeblich fragwürdig. Auch sollten Volkswagens Ingenieure sich besser mit der Zukunft als mit Altlasten beschäftigen.

Der Verband der Automobilindustrie bekräftigte am Mittwoch diese Position. Drei Wochen nach dem Gipfel "bestehe keinerlei Anlass für Nachjustierungen" über die gemachten Zusagen hinaus. Würden jetzt weitere Forderungen erhoben, sei dies eher dem bereits laufenden Wahlkampf als sachlichen Gründen geschuldet, teilte der Verband schon fast schnippisch mit und ignorierte damit einfach aktuellste Berechnungen des Bundesumweltamtes:

Mit den zum Gipfel erdachten Sofortmaßnahmen könnte das gesundheitsschädliche Stickoxid zwar um bis zu 6 Prozent reduziert werden. Dennoch blieben die Werte in 70 Städten in Deutschland immer noch weit höher als erlaubt, hatte die Behörde errechnet. Mit anderen Worten:

Nicht nur Volkswagenchef Müller muss weiter mit Fahrverboten in deutschen Städten rechnen. Dieses Risiko und diesen Konflikt scheint die Branche aber sehenden Auges einzugehen.

mit dpa
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