Mittwoch, 8. April 2020

Geheimnisverrat bei "Dieselgate"? Volkswagen geht gegen Ex-FBI-Chef vor

Louis Freeh: Der ehemalige Chef der US-Bundespolizei

Der Mann hat eine Bilderbuchkarriere als Jurist hinter sich, kennt sich mit Skandalen bestens aus und könnte für Volkswagen gefährlich werden. Die Rede ist vom ehemaligen FBI-Chef Louis Freeh. Volkswagen geht gleich in die Vollen, bezichtigt Freeh des Geheimnisverrats und will seine Berufung zum Gutachter in Schadenersatzprozessen in den USA unbedingt verhindern.

Der ehemalige Leiter der amerikanischen Bundespolizei arbeitet nach seiner Karriere im öffentlichen Dienst als juristischer Vermittler in Wirtschaftsskandalen - bei Volkswagen hatte er Anfang 2016 Aussicht auf einen Beratervertrag und sollte in der Aufklärung der Abgasaffäre helfen. Doch dazu kam es nicht, weil die Gehaltforderungen Freehs wohl schlicht zu hoch waren, berichtet der "Business Insider".

Mittlerweile hat Freeh die Seite gewechselt. Er berät für 1850 Dollar die Stunde Kläger gegen Volkswagen. Der Konzern geht dem Bericht zufolge juristisch dagegen vor. Beim US-Bundesbezirksgericht in San Francisco versuchen die Wolfsburger Freeh aus den Prozessen auszuschließen.

Der ehemalige FBI-Chef soll der Gegenseite Geheimnisse verraten und gar verkauft haben, die ihm VW während der letztlich gescheiterten Vertragsgespräche anvertraut habe, wie das Online-Wirtschaftsmagazin weiter berichtet. Freehs Anwalt bestreite das.

Freeh hat dem Bericht zufolge Jura an US-amerikanischen Elite-Unis studiert, wurde später Bundesstaatsanwalt, Bundesrichter und schließlich 1993 FBI-Direktor. Nach dem Top-Job bei der Bundespolizei verdiente er sein Geld als privater Ermittler und Berater.

Schon bei Daimler machte Freeh den Vorständen das Leben schwer

Im Zuge dieser Funktion arbeitete Freeh ab 2006 an der Aufklärung der Schmiergeldaffäre bei Daimler mit, bis ihn die US-Justiz zum unabhängigen Monitor berief, der fortan über den Autohersteller wachte. "Judge Louis", so sein Spitzname, soll dabei erheblichen Einfluss in der Vorstandsetage bei Daimler geltend gemacht haben, berichtet der "Business Insider".

Bei Daimler hatte Freeh bereits mit Vorständin Christine Hohmann-Dennhardt zusammengearbeitet. Sie sollte den Schmiergeldskandal aufklären, hatte als Justiz- und Wissenschaftsministerin in Hessen und Bundesverfassungsrichterin eine ähnlich beeindruckende Karriere wie Freeh vorzuweisen. Volkswagen holte sie für viel Geld und musste der VW-Vorständin nach nur 13 Monaten im Amt eine 12 Millionen Euro hohe Abfindung zahlen.


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Freeh soll der noch frischen VW-Vorständin im Januar 2016 seine Dienste bei der Aufklärung des Dieselskandals angeboten und seine guten Beziehungen zum US-Justizministerium angepriesen haben. Wenig später sei der ehemalige FBI-Chef bereits zum Gespräch nach Wolfsburg gereist, wo das VW-Management ihm tagelang "tiefen und internen Einblick in die Abgasaffäre" gegeben haben soll, berichtet "Business Insider".

VW ließ Freeh abblitzen - jetzt arbeitet der Ex-FBI-Chef gegen den Konzern

Als Freeh seinen bereits in deutscher Sprache übersetzten Vertragsentwurf dem Management vorlegt habe, staunten die gutbezahlten Top-Leute dem Bericht zufolge offenbar nicht schlecht. Freeh habe für eine dreijährige Tätigkeit als "Special Council" rund 15 Millionen Dollar Festgehalt plus einen erfolgsabhängigen Bonus verlangt, der "zehn Prozent der Einsparungen" betragen sollte, die VW durch seine Arbeit erzielen könnte. Damals standen Milliardensummen im Raum, die VW bezahlen sollte.

Der mächtige Betriebsrat, auf dessen Tisch die Personalie landete, habe die Einstellung Freehs letztlich vereitelt - zu teuer und zu unberechenbar hätten die Arbeitnehmervertreter das Vertragswerk in seinen Auswirkungen für den Konzern interpretiert und daher abgelehnt. Dafür dürfte das Management dem Betriebsrat wohl noch heute dankbar sein: Bis zu sechs Milliarden Dollar Erfolgshonorar hätte Freeh andernfalls angeblich einstreichen können, so der Business-Insider.

Also vielen Dank und auf Nimmerwiedersehen? Mitnichten.

Die Wolfsburger haben den hartnäckigen Ermittler und geschickten Strippenzieher schneller an den Hacken als ihnen recht sein kann. Denn für hunderte von Kunden, die seinerzeit in die zwischen VW und der US-Justiz und in andere ausgehandelte Vergleiche nicht einwilligten und nun klagen, tritt Freeh als "sachkundiger" Zeuge auf.

Schon fast zum Schnäppchenpreis von 50.000 Dollar habe der Ex-FBI-Chef ein 21seitiges Dokument verfasst. Tenor: VW sei in dem Vergleich mit dem US-Justizministerium zu Beginn des Jahres 2017, der eine Strafe von 2,8 Milliarden Dollar nach sich zog, viel zu günstig davongekommen.

Volkswagen: Freehs Aussagen falsch und das Gutachten "nur Spekulation"

Die Strafe für den Abgasbetrug in den USA habe weit unter der gesetzlich möglichen Summe zwischen 34 und 68 Milliarden Dollar gelegen. Der enorme Rabatt, den der Richter eingeräumt habe, hätte auf der Annahme beruht, dass kein Vorstand in den Betrug verwickelt gewesen sei. Mittlerweile sei aber das Gegenteil eher zur Gewissheit geworden, argumentiert Freeh laut "Business Insider" in seinem Gutachten.

Die Juristen des Volkswagen-Konzerns hingegen argumentieren dem Bericht zufolge in ihrem Ausschlussantrag, Freeh hätte seinerzeit hunderte Seiten mit vertraulichen Informationen erhalten, die er jetzt für die Gegenseite nutze. Daher sei er als Zeuge abzulehnen. Zudem seien die Behauptungen des ehemaligen FBI-Chefs "falsch" und das Gutachten "nur aus Spekulationen".

rei

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