VW-Betriebsratsboss Osterloh gibt historisches Versprechen "Solange ich Betriebsratsvorsitzender bin ..."

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh rechnet damit, dass durch Digitalisierung und Automatisierung in den kommenden Jahren auch bei Volkswagen Arbeitsplätze verloren gehen. Dem will Osterloh entgegenwirken und gibt zugleich ein historisches Versprechen ab.
Bernd Osterloh während einer Betriebsversammlung Oktober 2015

Bernd Osterloh während einer Betriebsversammlung Oktober 2015

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"Ich glaube, gerade in den Verwaltungsbereichen werden sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine Menge Arbeitsplätze verändern und ein Teil sogar wegfallen", sagte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview. "Mit dem verstärkten Einzug selbstlernender Maschinen greift die Herausforderung der Automatisierung einfacher Tätigkeiten. Eine Entwicklung, die wir in der Produktion schon seit Jahrzehnten haben."

Osterloh betonte: "Das wird vermutlich sogar so weit gehen, dass Computerprogramme künftig selbstständig konstruieren können, wenn man die technischen Vorgaben setzt. Natürlich werden unsere Kollegen das letzte Wort behalten. Aber es werden Arbeitsschritte entfallen. Hört sich an wie Raumschiff Enterprise, ist aber gar nicht so weit weg."

Volkswagen suche jetzt zum ersten Mal Mitarbeiter, bei denen nicht Formalqualifikationen wie Schulabschluss und Studium im Vordergrund stehen. "Sondern wir gucken: Was kann derjenige wirklich?" Es gebe etwa etliche Leute, die privat Apps entwickelten und ansonsten in der Drei-Schichten-Produktion arbeiteten. Die wolle Volkswagen in Teams integrieren, um ihr Potenzial fürs Unternehmen voll zu nutzen.

Umgekehrt heißt das aber auch: "Die Jobs, die in den kommenden Jahren wegen der Automatisierung auf der Kippe stehen, müssen wir analysieren. Und die Kolleginnen und Kollegen im Zweifel qualifizieren, damit sie andere Tätigkeiten übernehmen können", kündigte der VW-Aufsichtsrat an.

"... wird hier keiner betriebsbedingt gekündigt"

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Im Frühling waren Pläne bekanntgeworden, wonach bis Ende 2017 in der VW-Verwaltung jeder zehnte Job wegfallen könnte - gut 3000 Stellen. Probleme für die Belegschaft will der einflussreiche Betriebsratsboss abfedern.

Wir werden einen Wandel der Beschäftigung erleben, bei dem wir sicherlich nicht jeden Arbeitsplatz halten können", sagte er zu den geburtenstarken Jahrgängen vor und nach 1960. "Die können über unsere Altersteilzeitregelung das Unternehmen eher verlassen. Darüber haben wir die Chance, einen Umbau in der Belegschaft vorzunehmen."

Trotz aller Unsicherheiten versprach der 59-Jährige: "Solange ich Betriebsratsvorsitzender bin, wird hier keiner betriebsbedingt gekündigt. Dafür stehe ich."

Osterloh: Altersteilzeit ja, betriebsbedingte Kündigungen nein

Osterloh ist seit 2005 Betriebsratsvorsitzender bei Volkswagen und sitzt auch im Aufsichtsrat des Konzerns. Der Autobauer hat weltweit gut 610.000 Mitarbeiter. Vor allem in der VW-Kernmarke will Markenchef Herbert Diess das Unternehmen auf mehr Effizienz trimmen, weil die Marge im Vergleich auch mit anderen Massenherstellern schwach ist. Osterloh lastet das auch den Entwicklungskosten an, die vor allem VW-Pkw betreffen. Entwicklungen etwa zu neuen Motoren kommen auch bei den Schwestermarken wie Seat und Skoda zum Einsatz.

Die Diesel-Krise und zuletzt auch der Lieferzwist bei Europas größtem Autobauer schlägt laut dem Chef der Arbeitnehmerseite durch auf die Stimmung der VW-Werker. "Na klar sind die Leute traurig, die haben echt die Nase voll. Den Leuten fällt es irgendwann ein Stück weit schwer, nur Negatives über das Unternehmen in der Zeitung zu lesen", sagte Osterloh. "Die guten Seiten werden überhaupt nicht mehr gesehen. Und um dem gleich vorzubeugen: Volkswagen hat verstanden!"

22.000 Autos durch Zuliefererstreit nicht gebaut

Wegen des inzwischen beigelegten Streites mit zwei Zulieferern über fehlende Bauteile sind bei Volkswagen mehr als 20.000 Autos nicht vom Band gelaufen. Allein im Stammwerk Wolfsburg seien rund 10.000 Golf nicht produziert worden, berichtete die "Welt am Sonntag" ohne Angabe von Quellen. Unter dem Strich seien rund 22 000 Exemplare von Golf und Passat nicht gebaut worden. Experten zufolge dürfte der Lieferstopp Europas größten Autobauer weit mehr als 100 Millionen Euro kosten, berichtet die Zeitung weiter. Ein VW -Sprecher wollte am Wochenende auf dpa-Anfrage weder über Kosten noch über die Anzahl nicht gebauter Autos Auskunft geben.

rei/dpa-afx/dpa