Abspaltungspläne im Volkswagen-Konzern Von diesen Töchtern könnte sich VW bald trennen

VW Golf vor dem Werk in Wolfsburg: Konzernchef Matthias Müller will Unternehmensteile verkaufen, die nicht zum Kerngeschäft zählen

VW Golf vor dem Werk in Wolfsburg: Konzernchef Matthias Müller will Unternehmensteile verkaufen, die nicht zum Kerngeschäft zählen

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Wenige Tage vor Beginn der Frankfurter Automesse IAA lässt Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller die Autowelt aufhorchen: In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" erläuterte Müller - nach wie vor eher vage - die Verkaufspläne bei Europas größtem Autohersteller.

Volkswagen plant die Trennung von Konzernbereichen, die laut Ansicht der Volkswagen-Strategen nicht länger zum Kerngeschäft gehören. Die zum Verkauf stehenden Konzernteile stünden für ein Fünftel des Volkswagen-Konzernumsatzes von zuletzt 217 Miliarden Euro, erklärte Müller gegenüber der Zeitung. Schon seit Jahren fordern Investoren, sich von größeren Bereichen wie etwa Volkswagen Trucks oder der Premiumtochter Audi zu trennen. "Wir lassen uns von keinem diktieren, welche Entscheidungen wir treffen sollen", so Müller.

Tatsächlich aber diskutieren die VW-Vorstände seit Monaten darüber, von welchen Teilen oder Marken sich der Konzern demnächst lösen könnte. manager magazin berichtete beispielsweise bereits in seiner August-Ausgabe vom Stand der Verkaufspläne: Der seit längerem erwogene Verkauf des Motorradherstellers Ducati, der formell zur Konzernmarke Audi gehört, ist vorerst vom Tisch. Denn der Plan, der wohl 1,5 Milliarden Euro in Volkswagens Kassen gespült hätte, scheiterte am Widerstand des Betriebsrats.

Beweglich ist dagegen die Zukunft von Volkswagens Nutzfahrzeugsparte Truck and Bus: Die hat sich beim amerikanischen Truckhersteller Navistar eingekauft und Anfang März rund 17 Prozent an Navistar übernommen. Bei der Hauptversammung Mitte Mai sagte Müller, die Partnerschaft mehr sei als eine Kapitalbeteiligung. Es gehe auch um eine enge Zusammenarbeit bei Kernkomponenten wie Motoren, um einen gemeinsamen Einkauf - und die Zusammenarbeit etwa im Bereich autonomes Fahren.

Betriebsräte leisten Widerstand

Laut VWs Truck-Vorstand Andreas Renschler, der viele Jahre lang Daimlers Lkw-Sparte leitete, soll diese strategische Allianz Vorteile für alle drei Truck-Marken des Volkswagen-Konzerns bringen: "Wir entwickeln den Motor. Aber wir entwickeln ihn für alle. Für MAN. Für Scania. Und jetzt auch für Navistar," erklärte er im März gegenüber manager-magazin.de.

Nicht zum Kerngeschäft in VWs Nutzfahrzeug-Portfolio zählt etwa der Bau von Großmotoren für den Einsatz in Schiffen oder Kraftwerken, wie sie die MAN-Einheit Diesel & Turbo herstellt. Oder die MAN-Tochter Renk. Sie stellt etwa Getriebe für Kettenfahrzeuge, Schiffe oder Turbinen her.

Den Verkauf dieser beiden MAN-Töchter torpedierten bislang die Arbeitnehmervertreter. "Die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat von Volkswagen wird weder dem Verkauf von Ducati noch dem von Renk oder MAN Diesel & Turbo zustimmen", sagte ein Sprecher des VW-Konzernbetriebsrats Ende Juli und bekräftigte diesen Freitag seine Sicht: "Unsere Position ist hinlänglich öffentlich bekannt. An dieser hat sich nichts verändert und wird sich nichts verändern."

Unverdrossen will VW-Finanzchef Witter den Aufsichtsrat wohl bald über ein ganzes Paket von Töchtern und Vermögenswerten abstimmen lassen, die der Konzern in den kommenden vier Jahren verkaufen könnte. Auch ein Teilbörsengang der Nutzfahrzeugsparte soll eine mögliche Option sein, wie manager magazin in seiner August-Ausgabe berichtete.

Wie so etwas organisatorisch möglich wäre, macht der Autohersteller Daimler vor. Die Stuttgarter wollen sich spätestens zur Hauptversammlung 2019 eine neue Struktur verpassen und die Daimler AG in eine Holding umwandeln. Vorgesehen seien dabei drei Unternehmensteile, berichtete manager magazin vor kurzem: Mercedes Benz samt Lieferwagen, Lkw und Mobilitätsdienstleistungen. Mit dieser Struktur wären auch Teilbörsengänge einzelner Sparten möglich.

Die Komponenten: Riesen-Geschäft, Riesen-Problem

Nur ausrichten will Volkswagen noch 2017 sein großes Komponenten-Geschäft. Dazu zählt etwa die Motorenproduktion in Volkswagen-eigenen Werken, aber auch die Herstellung von Achsen und Getrieben oder Sitzen. Zahlreiche Autohersteller lassen sich solche Teile überwiegend von externen Zulieferern produzieren, bei Volkswagen werden zahlreiche Komponenten noch in eigenen Werken gefertigt.

Müller will nun die einzelnen Komponentenwerke in einer eigenständigen Geschäftseinheit bündeln. Sie soll, so deutete es Müller schon mal an, in der Zukunft auch möglicherweise Aufträge anderer Autohersteller annehmen können. Ein Teilverkauf oder gar Komplett-Verkauf ist nach Informationen von manager-magazin.de derzeit aber nicht vorgesehen.

Müller selbst warnte im März, die Zusammenlegung der Komponentenwerke sei ein "in jeder Hinsicht sehr komplexes Unterfangen". Deshalb soll die Bündelung in mehreren Schritten erfolgen und in Europa starten.

Für VWs Komponentenbereich arbeiten rund 70.000 Mitarbeiter an mehr als zwei Dutzend Standorten - also etwa 12 Prozent der Gesamtbelegschaft des Volkswagen-Konzerns. Bislang werden die einzelnen Teilewerke meist einer VW-Konzernmarke zugerechnet.

So betreibt etwa Audi eine Motorenproduktion im ungarischen Györ. Dort wurden 2015 sechs verschiedene Benzin und fünf verschiedene Dieselaggregate produziert. Zwar werden in Györ auch Motoren für andere VW-Marken hergestellt, doch der Großteil der Aggregate dürfte in Audi-Modellen landen. Laut Audi stammt inzwischen fast die gesamte Audi-Motorenpalette aus Györ.

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Der betriebswirtschaftlich wenig erfreuliche Effekt des Ganzen: In verschiedenen Werken stellt der Volkswagen-Konzern ziemlich ähnliche Komponenten für die einzelnen Konzernmarken her. Von der Zusammenlegung und der Standardisierung der Teile für mehrere Marken versprechen sich Experten hohe Kosteneinsparungen.

Betriebsräte waren von den Zusammenlegungsplänen aber bislang wenig begeistert. Denn die ausländischen Kompenentenwerke - etwa in Ungarn - produzieren auch wegen der niedrigen Löhne deutlich günstiger. Eine Zusammenlegung mit den deutschen Werken dürfte, so fürchten die Arbeitnehmervertreter, den Druck auf die deutschen Standorte erhöhen.