Volkswagen und Daimler melden Engpässe Gefangen in der deutschen Elektroauto-Produktionshölle

Gläserne Manufaktur in Dresden: Hier entsteht der E-Golf - in kleinen Stückzahlen

Gläserne Manufaktur in Dresden: Hier entsteht der E-Golf - in kleinen Stückzahlen

Foto: Volkswagen AG
Fotostrecke

Top Ten 2017: Das sind die Lieblings-Elektroautos der Deutschen

Foto: YOSHIKAZU TSUNO/ AFP

In Sachen E-Golf geht bei Bernd Glathe derzeit gar nichts mehr. Wenn Kunden nach dem Elektroauto von Volkswagen (Kurswerte anzeigen) fragen, muss der Chef des Hamburger Autohändlers Wichert passen.

Nicht bestellbar sei der Wagen für ihn, weil vergriffen, sagt Glathe und findet das "unglücklich". Seit Monaten wachse das Interesse an Elektroautos gerade bei Gewerbekunden, doch nun sind die Fahrzeuge kaum lieferbar.

Wie Glathe geht es derzeit vielen Autohändlern in Deutschland. Angesichts von Diesel-Krise und Subventionen ist die Nachfrage nach Elektroautos spürbar angestiegen. Blamabel allerdings: In diesem lange herbeigesehnten Moment kommen die Hersteller mit der Produktion nicht hinterher.

US-Vorreiter Tesla  schmort offenbar nicht allein in der Elektroauto-"Produktionshölle". So hat dessen Chef Elon Musk die Schwierigkeiten mit dem Bau des Massenmarkt-Elektroautos Model 3 bezeichnet. Betroffen sind - auf andere Art und Weise - auch etablierte deutsche und internationale Autobauer, deren Manager Teslas Anstrengungen mitunter belächeln . Für die Lieferengpässe tragen die Unternehmen überwiegend selbst die Verantwortung, wie Recherchen von manager-magazin.de ergeben - auch wenn sie es nicht immer wahr haben wollen.

So hat die Daimler (Kurswerte anzeigen)-Tochter Smart unlängst eingestanden, dass Käufer bis zu ein Jahr auf ihr Fahrzeug warten müssen. "Der Anstieg in der Nachfrage entwickelt sich viel stärker und noch schneller, als wir das hätten erwarten und mit unseren Lieferanten planen können", sagte Smart-Chefin Annette Winkler.

Über zu wenig Fahrzeuge vom Typ Ioniq Elektro verfügen offenbar die Händler des Importeurs Hyundai  - von ebenfalls einem Jahr Wartezeit berichtet das Magazin "Edison" . Nur etwas besser sieht es demnach bei Renault  mit sieben bis acht Monaten Lieferfrist für den Zoe aus. Kunden von BMW (Kurswerte anzeigen) (i3) und Tesla (Model S, Model X) müssten sich hingegen nur drei bis vier Monate gedulden.

Was ist da plötzlich los?

Seit Jahren verzweifeln Politiker, Umweltschützer und Autohersteller an der Frage, wie sich mehr Elektroautos auf abgasgeplagte deutsche Straßen bringen lassen. Eine Million sollten es bis 2020 werden - ein Ziel, das die Bundesregierung später faktisch einkassierte. Schuld an der Misere trügen die skeptischen Kunden, hieß es bei Herstellern hinter vorgehaltener Hand.

Woran es bei den Herstellern hakt

Fotostrecke

Die Tesla-Fighter der Autokonzerne in Genf: Strom-Schläger: Diese Modelle sollen Tesla (bald) Paroli bieten

Foto: BMW

Manche Experten hingegen machten die Industrie verantwortlich: Die angebotenen Fahrzeuge seien zu teuer, die erzielbare Reichweite zu gering. Die Energiewirtschaft errichte zu wenige Ladesäulen. "Wer nicht an die Zukunft einer Technologie glaubt, wird auch nicht investieren", klagte Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer bereits im vergangenen Jahr.

Tatsächlich stecken Volkswagen, Daimler, BMW und Co. inzwischen Milliarden in die Entwicklung künftiger, großer Elektroauto-Flotten. Wagen wie der VW I.D. oder der Mercedes EQA sollen in einigen Jahren auf den Markt kommen.

Wenig Interesse haben die Hersteller aber offenbar daran, das Potenzial der aktuellen Fahrzeugpalette auszuschöpfen. "Immer noch erfolgt die Produktionsplanung für Elektroautos bei den meisten Herstellern extrem konservativ", sagt Autoindustrie-Experte Andreas Radics, geschäftsführender Partner bei der Unternehmensberatung Berylls.

Viele Elektroautos liefen über dieselben Bänder wie Fahrzeuge mit Verbrennungs- oder Hybridmotor. Dieses Verfahren pries Volkswagen einst als idealen Weg, die E-Auto-Produktion bei Bedarf unkompliziert hochzufahren . Dank dem modularen Querbaukasten könnten statt der Benzin- auch die Batterie- oder die Plugin-Technik verbaut werden.

Faktisch sind konventionelle Autos heute aber ebenfalls stark gefragt, und sie belegen Fertigungskapazitäten. Mit Benzinern lässt sich zudem gutes Geld verdienen. Der E-Golf dagegen gilt beispielsweise als eher als unprofitabel. Verantwortlich sind laut Branchenexperten unter anderem teure und unflexible Verträge mit Zulieferern, etwa zum Batteriezellen-Bezug.

Gemessen an den Standards der Branche seien heutige Elektroautos vielfach noch nicht wirklich Massenprodukte, so Berylls-Mann Radics. "Immer wieder ist ein hoher manueller Anteil in der Fertigung nötig, ebenso treten aber auch Verzögerungen durch Nacharbeiten an der Qualität auf."

Auch für potenzielle Großkunden sind Elektroautos wegen solcher Engpässe derzeit noch kein Thema. "Wir hätten gerne deutlich mehr elektrische Fahrzeuge in unserer Flotte", sagte Alexander Sixt, Vorstand von Deutschlands größtem Autovermieter , dem "Handelsblatt" . "Leider ist das verfügbare Angebot in Bezug auf Mengen noch zu gering, um substanziell unsere Flotte zu elektrifizieren."

Gebrauchtwagenmarkt reagiert eindeutig auf die Elektroauto-Knappheit

Fotostrecke

Knappes Kobalt: Diese Rohstoffritter lehren VW und Co. das Fürchten

Foto: AP

Der aktuelle Mini-Boom deutet aber an, dass sich eine massive Industrialisierung von Elektroautos lohnen könnte, wenn damit auch die Preise sinken. Seit Staat und Hersteller Batteriefahrzeuge mit Umweltbonus und Eintauschprämien um mitunter 10.000 Euro billiger machen, sei das Geschäft merklich angezogen, sagt der Geschäftsführer des Onlinehändlers Meinauto.de, Alexander Bugge, gegenüber manager-magazin.de. "Das hat den E-Golf auf das Preisniveau eines normalen Golfs gebracht." Statt einst 35.000 Euro zahlen Kunden oft nur noch 25.000 Euro.

Die Zahl der Anfragen für Fahrzeuge Elektro- oder Hybridantrieb habe sich in einem Jahr fast verfünffacht. Besonders attraktiv seien günstige Leasingangebote, bei denen sich die Fahrer nicht um die Haltbarkeit der Batterie sorgen müssen.

"Elektroautos sind kein Luxusspielzeug mehr", sagt Smart-Verkaufsberater Andreas Sperling aus Esslingen bei Stuttgart. Etwa 40 Prozent der von seinem Autohaus übergebenen Wagen führen elektrisch.

Zahl der E-Auto-Zulassungen hat sich zuletzt verdoppelt

Trotz der Engpässe hat sich die Zahl der E-Auto-Zulassungen zuletzt verdoppelt. Im vergangenen Jahr stellten die Behörden Papiere für gut 54.000 reine Batterieautos sowie Plugin-Hybride aus, die sich ebenfalls an der Steckdose laden lassen.

"Mehr Elektroautos können in Deutschland kaum zugelassen werden, weil sie nicht auf dem Markt sind", sagt Bugge. Bei Gebrauchtwagen sei das Angebot bereits stark rückläufig, heißt es beim Portal mobile.de.

Volkswagen hat bereits reagiert und verdoppelt die E-Golf-Produktion in Dresden. Ab März sollen 70 statt bisher 35 Fahrzeuge am Tag die Gläserne Manufaktur verlassen. "Angesichts von 45 Millionen Autos auf unseren Straßen ist das immer noch zu wenig", sagt der Hamburger Autohändler Glathe.

Immerhin: Zusammen mit den in Wolfsburg gefertigten E-Golfs könnte sich die Zahl auf 120 bis 155 erhöhen, wie Daten des Fachdienstes AID nahelegen. Volkswagen will die Zahlen nicht kommentieren. Ein Unternehmenssprecher betonte zudem gegenüber manager-magazin.de, der E-Golf sei grundsätzlich in diesem Jahr noch bestellbar.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.