Volkswagen-Vorstand Andreas Renschler über die Zukunft seiner Sparte Billig-Lkw für China? Was der VW-Truckchef vorhat

Volkswagen-Vorstand Andreas Renschler sinniert im mm-online-Interview über die Perspektiven der von ihm geführten Truck-Division, erwägt ein günstiges VW-Nutzfahrzeug für den chinesischen Markt und wehrt sich gegen Vorwürfe eines neuen Kampfs der Kulturen.
VW-Truckchef Andreas Renschler: Ein günstiges Nutzfahrzeug für China ist in Planung - und der Börsengang der Nutzfahrzeugsparte von VW ist weiterhin eine Option

VW-Truckchef Andreas Renschler: Ein günstiges Nutzfahrzeug für China ist in Planung - und der Börsengang der Nutzfahrzeugsparte von VW ist weiterhin eine Option

Foto: REUTERS

manager magazin: Herr Renschler, Sie wollen Volkswagens Nutzfahrzeugsparte an die Börse bringen. Aber Autoaktien stehen schwer unter Druck. Fondsgesellschaften haben ausdrücklich vor dem Kauf von Anteilen deutscher Autokonzerne gewarnt. Nicht die besten Aussichten für einen Börsengang...

Andreas Renschler: Wir wollen Volkswagen Truck & Bus zu einem Global Champion machen. Und wir lassen uns alle Optionen offen, um dieses Ziel zu erreichen.

mm: Aber auch ein Börsengang gehört zu den Optionen.

Renschler: Ja sicher, auch ein Börsengang gehört zu den Optionen. Aber entschieden ist dazu noch nichts.

mm: Die Aussichten jedenfalls wären nicht gerade glänzend, wenn man sieht, dass aktuell der Elektro-Newcomer Tesla mit 47 Milliarden Euro bewertet wird - und die Volkswagen AG  als größter Autokonzern der Welt mit 74 Milliarden Euro.

Renschler: Tesla ist für uns in diesem Bereich weder Maßstab noch Vorbild. Es kann nicht unser Unternehmenszweck sein, zehn Jahre oder länger Verlust zu schreiben und das Minus über die Börse zu finanzieren. Wir wirtschaften nachhaltig. Unsere Aussichten am Kapitalmarkt würde ich nicht so skeptisch sehen wie Sie.

mm: Vorausgesetzt also, Sie setzen die Option Börsengang um: Wie wollen Sie den Investoren die Aktien der Volkswagen Truck & Bus schmackhaft machen? Auch Ihre Industrie wird schließlich aufgemischt durch neue Antriebe wie die Elektromobilität, durch autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienstleistungen?

Renschler: Da das Thema IPO für uns derzeit nicht auf der Tagesordnung steht, stellt sich das Thema Schmackhaftigkeit für Investoren so nicht.

mm: Die geschäftliche Herausforderung bleibt, ...

Renschler: ... und wir sind gewappnet. Dabei gilt die Maxime, dass Nutzfahrzeuge für unsere Kunden Geld verdienen müssen. Das heißt für uns, wir müssen alle Technologievarianten anbieten und sie so kombinierbar machen, dass der einzelne Kunde die für ihn perfekte Variante aussuchen kann. Das kann - schon heute - ein autonom fahrender Lkw für den Einsatz in einer Mine sein. Das kann ein Lieferwagen mit Plugin-Hybrid-Antrieb sein, der innerhalb der Stadt elektrisch fährt. Und das kann in einigen Jahren vielleicht eine Variante des elektrischen Volkswagen I.D. Buzz sein; für eine neue, nachhaltige Art des öffentlichen Nahverkehrs.

Was VW beim Thema elektrische Trucks vorhat

mm: Aber Sie bieten weder elektrische Busse noch elektrische Trucks an. Die Konkurrenz ist weiter.

Renschler: Wirklich? Wir gehen jetzt mit schweren Verteilertrucks in den Markt. Das sind 18-Tonner mit bis zu 180 Kilometer elektrischer Reichweite vor allem für den Lieferverkehr in großen Städten. Die ersten Lkw testen wir jetzt mit den Kunden.

mm: Bei Bussen waren Außenseiter wie der polnische Hersteller Solaris schneller.

Renschler: Unsere elektrischen Citybusse laufen nächstes Jahr in Metropolen wie Paris und Hamburg in Testflotten. Wir bringen nur Produkte auf den Markt, die ausgereift sind und beispielsweise im Winter bei Minusgraden nicht liegen bleiben.

mm: Verkauft werden sie noch nicht.

Renschler: Bestellen können Sie schon, und im nächsten Jahr wird ausgeliefert. Und diese werden sich relativ schnell rechnen - für uns genau so wie für unsere Kunden.

mm: Schauen wir zehn Jahre nach vorne: Ist Volkswagen Truck & Bus dann schon mehr Spediteur, Flottenbetreiber und Mobilitätsdienstleister als Hersteller und Verkäufer von Lkw und Bussen?

Renschler: Wir werden unseren Kunden dann zahlreiche neue Mobilitätsdienstleistungen bieten, wir werden ihnen auch immer bessere Systeme anbieten, mit denen sie ihre Effizienz deutlich erhöhen können. Und hoffentlich werden sich aufgrund dieser digitalen Zusatzangebote auch noch mehr Kunden für unsere Busse und Trucks entscheiden. Aber Spediteur und Flottenbetreiber? Eher nicht.

mm: Sie wollen Global Champion werden. Ich zitiere dazu einen Daimler-Manager: "Was die Globalisierung und Nutzung gemeinsamer Plattformen angeht, liegt Volkswagen meilenweit hinter uns." Ist das Stuttgarter Selbstüberschätzung? Oder ist das schlicht die Realität?

"Natürlich ist Daimler in der globalen Präsenz weiter als wir"

Renschler: Natürlich ist Daimler in der globalen Präsenz weiter als wir. Aber ist das gleich eine Meile Vorsprung? Es ist immer gut, derjenige zu sein, der aufholen muss. Dann kann man aus dem Windschatten heraus überholen. Vielleicht - das steckt wahrscheinlich hinter der von Ihnen zitierten Aussage - merken unsere Konkurrenten auch gerade, dass sich bei uns ordentlich etwas bewegt.

mm: Sie sind jetzt vor fast drei Jahren von Daimler zu Volkswagen gekommen. Wie oft haben Sie den Wechsel schon bereut?

Renschler: Noch nie, nicht einmal in der schlimmsten Phase der Dieselkrise. Ich kann hier einfach extrem viel gestalten, einen Global Champion aufbauen, und das mit der vollen Unterstützung des Vorstands, der Arbeitnehmervertretung und des Aufsichtsrats.

mm: Herr Renschler, zum Ihrem Ziel Global Champion und zum weiteren Aufholen fehlt Ihnen vor allem das Puzzleteil Asien. Sie wollen die MAN-Beteiligung am chinesischen Lkw-Hersteller Sinotruk ausbauen. Wann wird es so weit sein?

Renschler: Weihnachten, Ostern? Jede Antwort wäre wahrscheinlich falsch. Verhandlungen in China können sehr schnell gehen, sie können sich aber auch über Jahre hinziehen. Aber Asien ist auch mehr als China.

mm: Ihre Sparte soll angeblich bis zum Frühjahr 2019 börsenreif gemacht werden. Dafür müssen Sie auch in Asien etwas vorweisen. Sie stehen unter Zeitdruck.

Renschler: So habe ich das bislang nicht betrachtet. Wir suchen nach Möglichkeiten, uns in China und im restlichen Asien besser aufzustellen. Aber das ist für uns ein strategisches Ziel, kein Wettrennen. Zeitdruck sehe ich da nicht - zumal ich den von Ihnen genannten Zeitrahmen nicht kommentieren möchte.

mm: Sie brauchen Partner in Südostasien, in Indien, in Japan, ...

Renschler: ... und all diese Märkte sind völlig unterschiedlich. Wir schauen uns das natürlich aktuell an und arbeiten an passenden Lösungen. So haben wir das ja auch in den USA gemacht. Wir haben uns mit rund 17 Prozent an Navistar beteiligt, und die Zusammenarbeit läuft schon nach einem halben Jahr sehr gut.

mm: Das heißt, Sie suchen nach zusätzlichen Zielen, auch für Beteiligungen und Übernahmen?

Renschler: Natürlich schließen wir da nichts aus, die Region ist groß genug; und wir überlegen, wie wir das am besten gestalten. Aber wir sind da nicht festgelegt; das muss nicht gleich eine Übernahme sein.

China: "Es geht vor allem um unseren unternehmerischen Einfluss"

mm: Wie sieht denn aktuell Ihre Idealvorstellung für die weitere Expansion dort aus?

Renschler: Eins nach dem anderen: China als größter Nutzfahrzeugmarkt der Welt steht für uns natürlich im Focus. Wir sind über MAN  mit 25 Prozent an Sinotruk beteiligt, und wir haben gemeinsam die geeignete Technologie. Jetzt müssen wir so zusammenarbeiten, dass wir auch das maximale Ergebnis generieren.

mm: Zum Beispiel, indem Sie Ihre Beteiligung auf 40 oder 50 Prozent aufstocken.

Renschler: Es geht gar nicht so sehr um die Höhe des Anteils. Es geht vor allem um unseren unternehmerischen Einfluss. Wir müssen stärker mitentscheiden können, wenn es um die Verwendung neuer Technologien oder den Ausbau des Vertriebs geht.

mm: Und wenn das nicht funktionieren sollte, wollen Sie sich einen alternativen Partner in China suchen?

Renschler: Unser Partner ist Sinotruk, und mit dem sprechen zunächst einmal.

mm: Das gilt nicht für ein anderes Projekt, das Volkswagens China-Vorstand Jochem Heizmann gemeinsam mit Ihnen vorantreibt. Da geht es um leichte Nutzfahrzeuge für den chinesischen Markt: eine Art Budget-Version zum Beispiel des VW Caddy.

Renschler: Wir schauen uns da unterschiedliche Ideen an. Der chinesische Markt für leichte Nutzfahrzeuge ist ganz anders als bei uns. Dort sind vor allem kleine, günstige Pickups gefragt. Wir überlegen, was wir da am besten anbieten.

mm: Mit welchem Partner?

Renschler: Volkswagen hat ein neues Joint Venture mit dem chinesischen Autohersteller JAC geschlossen. Vor allem geht es dabei um Elektroautos; aber warum soll man die Zusammenarbeit nicht irgendwann auch erweitern?

mm: Wann sollen diese Autos auf den Markt kommen?

Renschler Das ist in jedem Fall ein Projekt für das nächste Jahrzehnt.

mm: Auf dem Weg der Zusammenarbeit sind Sie nicht nur in Asien aktiv. In Nordamerika kooperieren Sie mit Navistar, in Russland verhandeln Sie mit dem Gaz-Konzern über eine Kooperation. Wie weit sind Sie dort gekommen?

Renschler: Bei Navistar sind wir schon sehr weit dafür, dass unsere Beteiligung erst am 1. März dieses Jahres den finalen behördlichen Segen erhielt. Navistar bekommt schwere MAN-Motoren, wir haben erste Einkaufssynergien in erheblicher Höhe ausgemacht. Das läuft sehr gut.

mm: In Russland haben Gaz-Chef Manfred Eibeck und Sie im Juni einen Letter of Intent unterzeichnet. Seither prüfen Sie gemeinsame Projekte. Wann und womit werden Sie starten?

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Renschler: Auch da gilt: wir diskutieren unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Beispiel könnten wir die Truck-Kabinen unserer brasilianischen Tochter an Gaz liefern. Eine zweite Möglichkeit wäre eine Kooperation im Transporter-Bereich. Da haben wir den VW Crafter und den MAN TGE. Gaz hat die Gazelle. Warum sollen die nicht künftig auf einer gemeinsamen Plattform stehen?

mm: Und das würde dann idealerweise wie bei Navistar mit einer Beteiligung unterfüttert...

Renschler: Auch das werden wir erörtern.

mm: Sie wollen Ihr Geschäft in Asien ausbauen, und Sie verhandeln in Russland. Der Kern Ihres Geschäfts aber bleibt Europa. Es schien zuletzt, als würden sich Volkswagens Truck-Töchter Scania und MAN nach fast einem Jahrzehnt intensivst gepflegter Feindschaft endlich zusammenraufen, ...

Renschler: ..., das schien nicht nur so. Das ist so. Wir haben längst mehr als 20.000 MAN-Lastwagen mit der für MAN adaptierten Scania-Getriebeplattform verkauft.

"MAN hat bei einigen gemeinsamen Projekten die Führung übernommen"

mm: Aber der Frust auf deutscher Seite wächst wieder. Offenbar beansprucht Scania zuletzt sehr vehement die Führung.

Renschler: Dass bei der Vorgeschichte immer mal der eine oder andere unzufrieden ist und sich benachteiligt fühlt, ist doch klar. Aber MAN hat genau so bei einigen gemeinsamen Projekten die Führung übernommen wie die schwedischen Kollegen. Von daher: Nehmen Sie das gelegentliche Rumoren nicht zu ernst. Wir sind mit allen wichtigen Projekten im Zeitplan und wachsen als Gruppe schneller zusammen als ursprünglich erwartet.

mm: Das Rumoren, wie Sie es nennen, betrifft noch einen anderen Aspekt. Bei Volkswagen Truck & Bus prallen, so stöhnt mancher, nicht mehr nur zwei Unternehmenskulturen aufeinander. Sie hätten so viele Daimler-Leute geholt, dass inzwischen drei Kulturen vereint werden müssten.

Renschler: Das scheint mir jetzt wirklich übertrieben.

mm: MAN-Chef Joachim Drees war lange bei Daimler, ...

Renschler: ..., hatte Daimler aber auch lange vor seinem Wechsel zu MAN verlassen, ...

mm: ... Ihr Finanzchef Matthias Gründler ist aus Stuttgart gekommen, genauso MAN-Entwicklungsvorstand Frederik Zohm, Chef-Stratege Christian Schulz und etliche andere.

Renschler: Fakt ist, dass wir insbesondere für das Dach der Organisation und unsere globalen Projekte Nutzfahrzeugspezialisten brauchen. Volkswagen ist eher bekannt für seine Pkw-Aktivitäten, MAN und Scania wollen wir nicht schwächen. Da schauen wir uns natürlich auch extern am Markt um. Aber ist das gleich ein neuer Clash der Kulturen? Ich denke, nein, absolut nicht.

mm: Die Holding dürfte jedenfalls ordentlich Arbeit hinzubekommen, wenn Ihre internationalen Pläne aufgehen. Wie verändert sich Ihre eigene Rolle dadurch; wie wollen Sie die Organisation künftig führen?

Renschler: Die operative Führung liegt weiter in den Marken oder Business Units, wie immer Sie das nennen. Das tagtägliche Arbeiten und Optimieren in München oder Södertälje ist nicht meine Aufgabe. Anders ist es, wenn es um strategische Themen geht - um Ding, die über die Marken hinweg notwendig sind. Das gilt zum Beispiel für die strategische Planung und die Personalauswahl, aber auch für Einkauf und Entwicklungsaktivität unserer Gruppe.

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