Brandstätter strukturiert um Neues "China Board" soll Volkswagens Probleme lösen

Volkswagens Erfolgsgeschichte in China bekam zuletzt Schrammen ab. Nach und nach wird klarer, wie der künftige starke Mann vor Ort, Ralf Brandstätter, den Turnaround schaffen will.
Weniger Wolfsburger Wachhunde: Ralf Brandstätter will Volkswagens China-Geschäft eigenständiger aufstellen

Weniger Wolfsburger Wachhunde: Ralf Brandstätter will Volkswagens China-Geschäft eigenständiger aufstellen

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DAVID HECKER / AFP

Offiziell beginnt Ralf Brandstätters (53) Zeit in China erst am 1. August. Doch der kommende Volkswagen-Konzernvorstand im Reich der Mitte stellt längst die Weichen, um den strauchelnden Autobauer auf dem größten Pkw-Markt der Welt wieder in die Spur zu kriegen. Die richtigen Kontakte können dabei nicht schaden. Und so traf sich Brandstätter kürzlich mit der künftigen deutschen Botschafterin in China , Patricia Flor (60).

Politisch steht Volkswagen unter Druck. Dass der Autobauer in der Region Xinjiang ein Werk betreibt , wo es konkrete Berichte über die Unterdrückung der Volksgruppe der Uiguren gibt, sorgt für Kritik. Erstmals nun auch aus dem VW-Aufsichtsrat. "Wenn rechts und links sichtbar Menschenrechtsverletzungen passieren, verlange ich Handeln", zitieren die "Wolfsburger Nachrichten " Vizeaufsichtsratschef Jörg Hofmann (66). Der IG-Metall-Chef stellt das Werk in Urumqi offen in Frage. Volkswagen hält dagegen an der Fabrik fest. Das Unternehmen werde das Werk nicht schließen, "weil wir glauben, dass unsere Präsenz Positives bewirkt", hatte Konzernchef Herbert Diess (63) zuletzt gegenüber dem "Handelsblatt" angekündigt.

Doch auch geschäftlich lief es zuletzt nicht rund . Volkswagens Elektroautos verkaufen sich schlecht in China, die Marktanteile bröckeln. Leisten können sich das die Wolfsburger auf Dauer nicht, ist der Markt mit gut 40 Prozent ihres weltweiten Absatzes doch der mit Abstand wichtigste für sie. In guten Jahren verdient VW vor Ort mehr als die Hälfte seines globalen Gewinns.

Brandstätter will die Wende mit einer neuen Struktur herbeiführen. Der Noch-VW-Markenchef installiert ab August ein eigenes "China Board", das markenübergreifend für den Konzern vor Ort schalten und walten soll. Die Leitung übernimmt Brandstätter selbst, Unterstützung holt er sich von Stefan Mecha und Marcus Hafkemeyer. Mecha, zuletzt Volkswagens Russland-Chef, wird CEO der Marke Volkswagen Pkw in China und verantwortet darüber hinaus den Vertrieb des Gesamtkonzerns in dem Land. Hafkemeyer, ein ehemaliger Audi- und BMW-Manager mit China-Erfahrung, kommt von Huawei Automotive und wird CTO.

Ebenfalls im Board werden "die regionalen CEOs von Audi, Cariad und Volkswagen Pkw sowie Vertreter wichtiger Fachbereiche" sitzen, hieß es in einer Mitteilung am Freitag. Wie groß genau das Gremium sein wird, teilte Volkswagen nicht mit.

Mehr Entscheidungskompetenz für China

Unter dem bisherigen China-Chef im Konzernvorstand, Volkswagen-CEO Herbert Diess, wurde viel aus Wolfsburg gesteuert und bestimmt. Unter anderem bei der Verteilung der knappen Halbleiter machte Diess zuletzt keine gute Figur und verärgerte die Joint-Venture-Partner. Hinzu kommt: VWs bisheriger China-Chef, Stephan Wöllenstein (59), ist nur Markenvorstand. Die Konzernmarken Audi und Porsche sind ihm nicht unterstellt. Darunter litt die Abstimmung zwischen den jeweiligen Joint Ventures, auch für schnelle Entwicklungen war die Struktur nicht förderlich. Wochenlange Lockdowns im Land erschwerten das Geschäft zuletzt zusätzlich.

Nun will Brandstätter sich und seinem künftigen Team mehr Durchgriff verschaffen. "Die Region China erhält deutlich mehr Entscheidungskompetenz und Eigenständigkeit", kündigt er an. Auch die technische Entwicklung vor Ort will Brandstätter markenübergreifend koordinieren und so das Tempo erhöhen. "In China, für China" laute das Motto. Man müsse die Organisation "konsequenter auf die Besonderheiten des chinesischen Automobilmarktes" ausrichten.

Die Zeit drängt. Beim Absatz von Elektroautos sind Tesla oder BYD den Wolfsburgern weit voraus, neue einheimische Marken wie Xpeng oder Nio erhöhen den Druck zusätzlich. VWs in Europa entwickelte Modelle ID.3 und ID.4 blieben in China bislang hinter den Erwartungen zurück, auch der eigens für den Markt entwickelte ID.6 ist kein Verkaufsschlager. "Die ID-Familie wurde am chinesischen Markt vorbei entwickelt", sagte ein Konzernstratege dem manager magazin im Februar. Zwar sind die Autos auch in China gut verarbeitet und schlagen die Rivalen in klassischen Ingenieursparametern – "aber sie kommen bei den Chinesen nicht gut an".

Gerade beim Infotainment kann VW mit der Konkurrenz bislang nicht mithalten. Brandstätter und seine Leute wollen die Modelle jetzt aufrüsten: größere Bildschirme, wieder mehr in den Innenraum investieren. Das dauert. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, braucht der künftige China-Chef weniger Abhängigkeit von Wolfsburg.

sey