Neue Markenstrategie 70 Prozent elektrisch bis 2030 - VW verdoppelt das Tempo des Wandels

Volkswagen-Markenchef Ralf Brandstätter setzt die Konzernvorgaben mit Verve um. Die neue Strategie beschleunigt die Elektrifizierung und entwirft ein neues Geschäftsmodell um Software, Daten und autonomes Fahren.
Jedes Jahr ein neues: Elektromodell VW ID.3 im Turm der Wolfsburger Autostadt

Jedes Jahr ein neues: Elektromodell VW ID.3 im Turm der Wolfsburger Autostadt

Foto: Darius Simka / imago images/regios24

Der Ausbau der Flotte reiner Elektrofahrzeuge soll bei Volkswagen unter dem Druck verschärfter Klimaziele schneller vorangehen. Im Jahr 2030 sollten 70 Prozent aller in Europa verkauften Fahrzeuge der Kernmarke VW elektrisch angetrieben werden, sagte Kernmarkenchef Ralf Brandstätter (52) am Freitag. Das bedeutet eine Verdoppelung der bislang geplanten Quote für batterieelektrische Fahrzeuge von 35 Prozent. Auch das Geschäft mit Daten und dem Herunterladen zusätzlicher Funktionen in der Auto-Software soll zu einem zentralen Schwerpunkt bei VW werden. Brandstätter stellte dazu die neue Strategie "Accelerate" vor. Sie reicht bis 2030. manager magazin hatte über den Kern der Pläne bereits berichtet.

Lesen Sie mehr in unserem Insidereport: Wie Volkswagen zur Techcompany wird 

Autonome Autos für den Massenmarkt

Bis zum Ende des Jahrzehnts will VW selbstfahrende Autos in der Breite der Modellpalette im Angebot haben. "Wir erhöhen das Tempo und werden Volkswagen in den nächsten Jahren so stark verändern wie nie zuvor", sagte Brandstätter. Mit der Strategie "Accelerate" wolle die Hauptmarke des Wolfsburger Konzerns der Digitalisierung weiteren Schub geben. Mit datenbasierten Geschäftsmodellen wolle man neue Kundengruppen gewinnen und zusätzliche Erlösquellen erschließen.

Ein Hauptelement: Die digitale Ausstattung der Fahrzeuge wird standardmäßig so ausgelegt, dass alle möglichen Funktionen grundsätzlich vorinstalliert sind und die Nutzer sie dann je nach Nachfrage und Fahrprofil freischalten lassen können. So soll auch die bislang teure Vielfalt und Komplexität zahlreicher verschiedener Grundvarianten sinken. Vertriebschef Klaus Zellmer sagte, es denkbar, dass ein solches Modell "durchaus dreistellige Millionenbeträge in die Kassen bringen" könne.

Begleitet wird die neue Strategie von einem Kostenprogramm. Binnen drei Jahren will VW die Fixkosten um weitere 5 Prozent drücken. Die Produktivität der Werke soll - wie bereits angekündigt - um 5 Prozent im Jahr steigen, die Materialkosten sollen um 7 Prozent sinken. Brandstätter bekräftigte das für 2023 ausgegebene Renditeziel von mindestens 6 Prozent. Alle Regionen sollen nachhaltig schwarze Zahlen schreiben. Bislang hatte VW vor allem in Nordamerika regelmäßig Verluste in teils hoher dreistelliger Millionenhöhe ausgewiesen.

Zudem sind neue Geschäfte rund um die Energieversorgung und das Laden von Elektrofahrzeugen angedacht. VW hält jedoch auch an der Neuauflage von Verbrennermodellen und den oft umstrittenen Hybridautos fest.

Spanien will mit Seat neue Batteriefabrik bauen

Angesichts des EU-Ziels, den Ausstoß von Treibhausgas in den kommenden zehn Jahren um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu senken, müssen etliche Autohersteller ihre eigenen Vorgaben noch einmal nachschärfen. Bei Volkswagen hatte es zunächst unter anderem geheißen, dass allein im europäischen Heimatmarkt jährlich 300.000 Elektroautos der Kernmarke mehr gebaut werden müssten. Der Konzern stellt dazu weitere Werke auf Elektroautos um. Jedes Jahr soll mindestens ein neues Elektromodell auf die Straße kommen.

Woher die dafür nötigen Batteriekapazitäten kommen sollen, wurde zuletzt noch diskutiert. Aus Spanien kamen dazu jetzt Meldungen, der spanische Staat wolle gemeinsam mit der VW-Tochter Seat und dem Energieunternehmen Iberdrola eine Batteriefabrik bauen. Industrieministerin Reyes Maroto sagte am Donnerstag bei einer Veranstaltung in Madrid, das Werk solle in der Nähe des Seat-Standorts Matorell bei Barcelona entstehen. Das berichtete die Zeitung "La Vanguardia".

Der Staat wolle für seinen Teil der Investitionen, deren Höhe zunächst nicht genannt wurde, Mittel aus dem EU-Programm Next Generation für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Corona-Pandemie einsetzen, sagte Maroto. Die Ankündigung kam nur einen Tag vor einem für Freitag geplanten Besuch des spanischen Regierungschefs Pedro Sánchez und von König Felipe im Seat-Werk Martorell. Gewerkschaften hoffen, das vor der Schließung stehende Nissan-Werk in Barcelona könne so eine neue Zukunft bekommen. Ein Seat-Sprecher wollte auf Anfrage der Ankündigung nichts hinzufügen; in Wolfsburg hieß es zunächst, es gebe noch keine Entscheidung über das Projekt.

Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess schrieb auf Twitter , er werde mit Sanchez "aufregende Elektroautoprojekte" besprechen, Spanien könne ein Zentrum der Elektromobilität für Europa werden, wenn die EU die Mittel freigebe. Laut "La Vanguardia" ist das Projekt mit Investitionen von knapp sieben Milliarden Euro das größte im spanischen Plan für den Aufbaufonds. Ob dort auch Batteriezellen hergestellt werden sollen und wer die Expertise dafür liefert, wurde zunächst nicht bekannt.

ak/dpa-afx, Reuters