Versicherer haften im Dieselskandal Ex-Vorstände zahlen 288 Millionen Euro an Volkswagen

Im Dieselskandal hat sich der Volkswagen-Konzern mit ehemaligen Topmanagern auf Schadensersatz geeinigt. Den Großteil der Summe zahlen Versicherer. Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn zahlt persönlich eine zweistellige Millionensumme. Nur Audis ehemaliger Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg lehnte den Vergleich ab.
Streitet alle Vorwürfe ab: Der ehemalige Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg wollte dem Vergleichsvorschlag nicht zustimmen

Streitet alle Vorwürfe ab: Der ehemalige Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg wollte dem Vergleichsvorschlag nicht zustimmen

Foto: REBECCA COOK/ REUTERS

Der frühere Konzernchef Martin Winterkorn (74) und drei weitere Ex-Topmanager zahlen wegen des Dieselskandals Rekord-Entschädigungen an Volkswagen. Ein Großteil der Gesamtsumme entfällt dabei auf spezialisierte Haftpflichtversicherungen. Die Affäre um millionenfach gefälschte Stickoxid-Abgaswerte war im September 2015 in den USA aufgeflogen.

Laut der abschließenden Einigung wurde ein Betrag von knapp 288 Millionen Euro vereinbart, hieß es am Mittwoch aus dem Unternehmen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende persönlich zahlt 11,2 Millionen Euro. Ex-Audi-Chef und -VW-Konzernvorstand Rupert Stadler (58) soll selbst 4,1 Millionen Euro überweisen. Bei ihm und Winterkorn geht es um die Verletzung aktienrechtlicher Sorgfaltspflichten. Der frühere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz (62) steuert zudem 1,5 Millionen Euro bei, der ehemalige Audi-Manager Stefan Knirsch (55) eine Million Euro. In den vergangenen Tagen waren bereits Eckpunkte des Vergleichs durchgesickert.

Daneben gibt es zusätzliche Versicherungsleistungen, die weit über den privaten Beträgen liegen. Sie summieren sich nach Angaben von VW auf insgesamt 270 Millionen Euro. An den Verhandlungen waren neben den Anwälten der einstigen Manager mehr als 30 Versicherer beteiligt.

Sowohl die persönlichen Zahlungen als auch die versicherte Abdeckung ergäben "mit Abstand die höchste Summe, die ein solches Konsortium in Deutschland jemals auf den Tisch gelegt hat", hieß es aus Kreisen der Unterhändler. Die Grundsatzentscheidung, Winterkorn und einige von dessen Kollegen nach "Dieselgate" finanziell zur Mitverantwortung zu ziehen, war bereits Ende März gefallen. Nun liegen die Details vor.

Hackenberg lehnt Vergleich ab

VW hatte auch von Ex-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg Schadensersatz verlangt. Dieser sei aber "nicht zu einer Einigung bereit", weshalb nun "gerichtliche Schritte" gegen ihn vorbereitet werden sollen. Der Konzern hatte dem ehemaligen Audi-Entwicklungsvorstand laut Insiderinformationen angeboten, eine Vergleichssumme in kleiner einstelliger Millionenhöhe zu zahlen. Da Hackenberg den Vergleich ablehne, gehe es jetzt um einen zweistelligen Millionenbetrag.

Hackenberg zählte zu den engsten Vertrauten von Winterkorn und war lange einer der zentralen Köpfe in der Entwicklung. Erst bei der Marke VW, dann unter dem damaligen Audi-Chef Winterkorn bis Ende 2006 bei Audi, dann – wieder unter Winterkorn – in der Konzernentwicklung in Wolfsburg. Hackenberg wurde aber erst Vorstand, als er im Juli 2013 zu Audi zurückkehrte.

Hackenberg wurde im September 2015 beurlaubt, kurz nachdem der Dieselskandal bekannt wurde. Zu jenem Zeitpunkt lag der Manager schon im Streit mit Winterkorn und schied dann im Dezember 2015 offiziell bei Audi aus. Die Staatsanwaltschaft München, die im Dieselskandal bei der Ingolstädter VW-Tochter ermittelt, hat Hackenberg im Sommer vergangenen Jahres angeklagt, gemeinsam mit zwei anderen früheren Audi-Vorständen. Die Ankläger werfen Hackenberg unter anderem Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung vor. Er weist aber alle Anschuldigungen zurück, sieht sich unschuldig.

Ausgenommen von dem Vergleich ist auch der frühere Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jacob Neußer (61). Gegen ihn hatte VW schon vorher Ansprüche angemeldet, gegen die sich Neußer in einem arbeitsrechtlichen Verfahren wehrt.

Hauptversammlung muss Beschlüsse noch billigen

Die vereinbarten Zahlungen, die außerhalb zivil- oder strafrechtlicher Prozesse besprochen wurden, könnten einen vorläufigen Schlusspunkt in der jahrelangen Aufarbeitung individueller Verantwortlichkeiten in der Abgasaffäre setzen. Die für den 22. Juli angesetzte Hauptversammlung muss die Beschlüsse noch billigen. Vor den Gerichten selbst sind in bereits laufenden oder in demnächst anstehenden Verfahren jedoch weitere Fragen zu klären.

Nach dem Auffliegen der Stickoxid-Manipulationen an Dieselmotoren in den USA im Herbst 2015 kam es zu Verfahren rund um den Globus. Auch Strafjustiz und Verbraucherschützer befassten sich mit dem Ursprung des Skandals, der die Autoindustrie in eine Vertrauenskrise stürzte und den VW-Konzern bisher weit über 30 Milliarden Euro kostete.

Relativ früh räumte Volkswagen gegenüber dem US-Justizministerium seine prinzipielle Schuld an der Täuschung von Kunden und Behörden ein. Der Aufsichtsrat beauftragte jedoch zusätzlich die Kanzlei Gleiss Lutz, um die internen Abläufe in der Zeit vor der Dieselaffäre zu untersuchen. Diese Prüfung dauerte mehr als fünf Jahre.

Winterkorn hatte beteuert, sich vor Bekanntwerden der Vorwürfe stets nach bestem Wissen korrekt verhalten zu haben. Er habe "alles Erforderliche getan und nichts unterlassen, was dazu geführt hätte, den entstandenen Schaden zu vermeiden oder geringer zu halten".

rei/DPA/Reuters