Aufsichtsrat vertagt Lösung Volkswagen-Chef Diess muss weiter um seine Macht bangen

Seit Wochen pokert Konzernchef Herbert Diess um die vorzeitige Verlängerung seines Vertrages, bislang vergeblich. Am Mittwochabend beendet der Aufsichtsrat eine vorgezogene Sitzung ohne Beschluss.
Vertragsverlängerung gewünscht: VW-Chef Herbert Diess pokert um die Macht im Konzern

Vertragsverlängerung gewünscht: VW-Chef Herbert Diess pokert um die Macht im Konzern

Foto: REUTERS

Der Machtkampf, der den Volkswagen-Konzern seit Wochen beschäftigt, setzt sich fort. Am frühen Mittwochabend war der Aufsichtsrat zu einer weiteren vorgezogenen Sitzung zusammengekommen. Bei dem Treffen in großer Runde, das in der vergangenen Woche vom Präsidium vorbereitet worden war, konnten sich die Beteiligten nicht auf einen Beschluss einigen. Die Gespräche zwischen allen Beteiligten würden konstruktiv weiterlaufen, teilte ein Sprecher des Kontrollgremiums im Anschluss mit. "Beschlussfassungen wurden in der heutigen Sitzung des Aufsichtsrates erwartungsgemäß nicht getroffen."

Überraschend hatten die Aufseher ihr für Donnerstag geplantes Treffen vorgezogen. Der Sprecher erklärte das mit Termingründen – aber Insider hatten zuvor bereits erklärt, dass es in der Sitzung sehr wohl um Vorstandspersonalien gehen solle.

Im Zentrum steht dabei ein Machtkampf  zwischen dem Betriebsrat um Bernd Osterloh (64) und Vorstandschef Herbert Diess (62). Die beiden Alphatiere des Konzerns behakeln sich, wo sie können. Oberflächlich ringen sie um die Besetzung vakanter Vorstandsposten – in Wahrheit aber eher um die grundsätzlichen Fragen, wie und wie schnell sich der weltgrößte Autobauer neu ausrichten soll.

Nun setzt sich das Führungschaos fort, im Konzernvorstand bleiben die Personalfragen auch nach der Aufsichtsratssitzung ungeklärt – und Diess muss weiter um seine interne Autorität fürchten.  Das Einkaufsressort etwa liegt brach, seit Stefan Sommer (57) im Juni frustriert abtrat. Finanzvorstand Frank Witter (61) wollte längst weg sein, macht aber zunächst weiter. Diess wollte die Posten schnell neu besetzen – die Arbeitnehmer hofften aber auf eine Paketlösung. Im Vorfeld der Sitzung konnte Diess sich angeblich mit wichtigen Aufsichtsräten auf die Besetzung der vakanten Stellen einigen – doch das reichte offenbar nicht. Die Nominierung des aktuellen Audi-Finanzvorstands Arno Antlitz (50) etwa soll auf Widerstand der Betriebsräte stoßen. Auch zu einer eventuellen Umstrukturierung von Vorstandsbereichen oder zum Aufbau eines IT- und Software-Ressorts soll es weiter Gesprächsbedarf geben.

Ungeklärt ist ohnehin noch die wichtigste Personalie: Was wird aus Diess selbst? Der Konzernchef drängt seit geraumer Zeit auf die vorzeitige Verlängerung seines bis 2023 laufenden Vertrages um fünf Jahre und setzt damit sein Standing im Konzern aufs Spiel . Diess, der im Frühjahr schon einmal mit einem solchen Vorstoß gescheitert  war, sieht darin einen notwendigen Vertrauensbeweis der Eigentümer, um seinen Umbaukurs fortzusetzen. Nun soll er erneut auf eine frühzeitige Verlängerung gedrungen haben, was bei einigen der 20 Kontrolleure Insidern zufolge nicht so gut ankam. In der Vorbereitung der Sitzung soll das Thema im engsten Zirkel bereits zur Sprache gekommen sein, eine Vorentscheidung gab es bisher jedoch nicht.

Im vollen Aufsichtsratskollegium des Konzerns sitzen neben Vertretern der Großaktionärsfamilien Porsche/Piëch, des Landes Niedersachsen und des Emirats Katar unter anderem auch die IG Metall und hohe Betriebsräte. Zuletzt gab es Spekulationen, Diess könnte die Vertrauensfrage stellen, nachdem es bereits im Mai und Juni heftige Kritik an seinem Führungsstil vonseiten der Arbeitnehmerbank gegeben hatte. Er hatte erklärt, "verkrustete" Strukturen bei Volkswagen aufbrechen zu wollen, fühlte sich jedoch ausgebremst.

Für sein beschleunigtes Umsteuern in Richtung Elektromobilität bekommt der Manager viel Zuspruch, andererseits fühlen sich insbesondere manche Gewerkschafter durch das forsche Auftreten vor den Kopf gestoßen. Belegschaftsvertreter sehen zudem eine mögliche Erhöhung des Tempos beim Konzernumbau oder einen noch schärferen Sparkurs kritisch. Die Anlaufprobleme bei den Kernmodellen Golf 8 und ID.3 hatten im Frühjahr zu heftigem Krach mit dem Betriebsrat geführt.

Die wichtigsten Fragen rund um die geplanten Investitionen in den kommenden Jahren hatte das Kontrollgremium dagegen kürzlich abgeschlossen. Der weltgrößte Autokonzern steckt bis einschließlich 2025 insgesamt 150 Milliarden Euro in seine Projekte und das globale Werksnetz – davon ist fast die Hälfte für Zukunftsthemen wie alternative Antriebe und die weitere Digitalisierung vorgesehen.

lhy, cr/Reuters, DPA
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