Zweites Zellenwerk in Deutschland geplant VWs große Batterieoffensive

Sechs Batteriezellfabriken in Europa, davon fünf in Eigenregie: Volkswagen macht sich unabhängig von asiatischen Lieferanten, baut Kapazität für rund vier Millionen Elektroautos auf - und plant ein zweites Zellenwerk in Deutschland.
Showtime: Volkswagen-Chef Herbert Diess auf der Bühne des "Power Days"

Showtime: Volkswagen-Chef Herbert Diess auf der Bühne des "Power Days"

Foto: Volkswagen

Ein Event wie den "Power Day" von Volkswagen zu organisieren, mitten in einer Pandemie, die kein Saalpublikum und damit auch keine Liveatmosphäre zulässt, das ist schon eine Herausforderung. Doch die Macher von Europas größtem Autobauer gaben sich alle Mühe: Pünktlich um 13 Uhr am Montag startete die Videopräsentation; Volkswagen-Chef Herbert Diess (62) begrüßte das online zugeschaltete Publikum von einer stattlichen Bühne in Wolfsburg, die sich im Laufe der zweistündigen Veranstaltung als recht vielseitig erweisen sollte.

Der "Power Day" erinnerte an den "Battery Day" des Rollenvorbilds Tesla. Diess stellte gemeinsam mit Technikvorstand Thomas Schmall (57) und den zugeschalteten Markenchefs Oliver Blume (Porsche, 52) und Markus Duesmann (Audi, 51) die Volkswagen-Pläne unter anderem für Batterien, Ladenetze und Energiemanagement vor. Im Hintergrund erschienen nicht nur Charts und Grafiken zu den Präsentationen der Redner. Auch Hologramme wurden auf die Bühne gespielt, etwa vom Inneren einer Batteriezelle oder von einem Elektroauto, dem virtuell ein Batteriesatz eingesetzt wurde. Bei vielen Zuschauern dürfte der Konzern damit gepunktet haben.

Zumal die Ankündigungen mit den Präsentationen von Tesla-Chef Elon Musk (49) mithalten konnten. Gigafabriken, globale Ladenetze, massive Kosteneinsparungen: Diess und seine Leute versprachen viel. Präsentatoren rund um den Globus reichten einander im gefühlten Fünf-Minuten-Takt das Wort weiter, von Deutschland über Schweden, Großbritannien, Italien oder Spanien bis nach China und in die USA.

Die Top-News des Tages: Volkswagen baut mit Partnern ein Netz eigener Batteriezellfabriken in Europa auf. 2030 wolle das Unternehmen in fünf eigenen Werken und der Gigafabrik des schwedischen Partners Northvolt in Skellefteå Zellen produzieren, kündigte Technikvorstand Thomas Schmall (57) an. Das Werk im niedersächsischen Salzgitter, das man ursprünglich in einem Joint Venture mit Northvolt bauen und betreiben wollte, wird Volkswagen jetzt allein übernehmen. Die Schweden hätten ihre Anteile bereits abgetreten, hieß es in Konzernkreisen. Salzgitter soll 2025 mit einer Anfangskapazität von 20 Gigawattstunden (GWh) an den Start gehen, bis 2030 dann auf eine Kapazität von 40 GWh ausgebaut werden.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (64) forderte, dass "noch eine weitere Giga-Factory in Deutschland entstehen muss". Das sei auch geplant, sagte ein Insider. Allerdings werde dieses zweite Werk in Deutschland die Produktion kaum vor 2027 aufnehmen. Eine endgültige Entscheidung über das Projekt und auch den Standort sei deshalb noch nicht gefallen.

Batterien für vier Millionen Autos

Setzt der Konzern die Pläne wie angekündigt um, könnte er 2030 in Europa Batteriezellen mit einem Gesamtenergiegehalt von 240 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr herstellen. Bei einer durchschnittlichen Leistung von 60 KWh pro Batterie könnte der Konzern damit rund 4 Millionen reinelektrisch angetriebene Autos ausstatten. Volkswagen würde sich damit zumindest in Europa unabhängig machen von den bislang auch technisch überlegenen koreanischen und chinesischen Zellherstellern LG Chem, Samsung SDI und CATL. Politiker und auch Arbeitnehmervertreter hatten in der Vergangenheit immer wieder gefordert, die europäischen Hersteller sollten selbst in die Fertigung von Batteriezellen einsteigen.

Die Zellproduktion in Schweden beginnt 2023; dort sollen Batteriezellen für Premiummodelle vor allem von Audi und Porsche gebaut werden. Die Zellen für Volumenmodelle vor allem von VW, Skoda und Seat kämen dann künftig aus Salzgitter. Vier weitere Werke sollen folgen. So kündigte Technikvorstand Schmall bis 2026 eine Fabrik im Süden Europas an, mögliche Standorte seien Portugal, Spanien oder Frankreich. In Wolfsburg favorisiert wird eine Fertigung bei Seat in Spanien. Beteiligt werden soll dort auch der spanische Energieversorger Iberdrola. Es müssten aber noch einige Probleme in Bezug auf die staatliche Förderung ausgeräumt werden, heißt es dazu in Volkswagen-Kreisen.

Bis 2027 ist dann ein weiteres Werk in Osteuropa geplant, wobei der genaue Standort noch nicht festgelegt wurde. Die Werke fünf und sechs sollen dann bis 2030 folgen, eins davon in Deutschland. Generell favorisieren die Wolfsburger Konzernstrategen zumindest im Ausland offenbar Projekte gemeinsam mit lokalen Partnern als Co-Investoren. So könne man auch die hohen Investitionen im Rahmen halten.

VW will Anteil an Northvolt erhöhen

Volkswagen und der schwedische Partner Northvolt lösen zwar ihr Joint Venture in Salzgitter auf. Der deutsche Konzern wird sich aber nach den Worten von Northvolt-Chef Peter Carlsson (50) auch an kommenden Finanzierungsrunden des Start-ups beteiligen. In Wolfsburg hieß es dazu, die nächste Runde sei bereits in Vorbereitung. Wahrscheinlich werde Volkswagen seinen Anteil an Northvolt dabei von derzeit 20 Prozent leicht erhöhen. Auch der Münchener Konkurrent BMW ist an Northvolt beteiligt. BMW soll von 2023 an ebenfalls aus Skellefteå beliefert werden.

Volkswagen hat bei Northvolt Carlsson zufolge Batterien im Volumen von mehr als 14 Milliarden US-Dollar (rund 11,7 Milliarden Euro) über die kommenden zehn Jahre bestellt. Damit steige das Gesamtauftragsvolumen in den Northvolt-Büchern auf über 27 Milliarden Dollar. "We are very happy with this partnership", sagte Carlsson während des "Power Days".

Zudem bestätigte der Konzern die Pläne zum Aufbau eines Schnellladenetzes, über die manager magazin vorab berichtet hatte . Dabei sollen Partner aus der Energiebranche wie Iberdrola, BP und Enel helfen. Auch deren Chefs wurden im Laufe des Events am Montag zugeschaltet und umrissen jeweils kurz ihren Beitrag zum Gesamtvorhaben. Zusammen wollen sie 18.000 Ladepunkte bis 2025 in Europa anbieten; die genaue Zahl der in das Netz integrierten Tankstellen und Ladestationen ließen die Unternehmen offen. Von den 18.000 Ladepunkten sollen allein 8.000 in Kooperation mit BP entstehen. Damit decke man 2025 rund ein Drittel des gesamten europäischen Bedarfs an Schnelllade-Stationen ab, sagte die bei Volkswagen für Laden und Energie verantwortliche Elke Temme (53). Volkswagen werde keine Gemeinschaftsunternehmen mit den Energiefirmen gründen, hieß es anschließend. Die Investitionen hielten sich auch in Grenzen; der Autobauer werde voraussichtlich rund 400 Millionen Euro in den Ausbau stecken.

Porsche-Netz, aber ohne Audi?

Porsche-Chef Blume kündigte an, der Stuttgarter Sportwagenhersteller plane ein Ladenetz speziell für die eigenen Kunden. Ursprünglich wollte sich auch Audi an diesem Netz beteiligen; die beiden Premiummarken hatten über den gemeinsamen Aufbau von rund 200 Ladestationen in Europa nachgedacht. Das ist offenbar wieder in Frage gestellt. Bei Audi tendiere man momentan in die Richtung, das nötige Geld lieber in neue Modelle zu investieren, hieß es.

Dabei bilden die Pläne in Europa lediglich einen Mosaikstein im globalen Plan des Konzerns: Gemeinsam mit Partnern arbeitet Volkswagen den Präsentationen zufolge auch daran, die Lade-Infrastruktur etwa in China sowie in den USA massiv auszubauen.

Batteriekosten sollen sich annähernd halbieren

Der Auf- und Ausbau eigener Produktionskapazitäten bei Bauteilen für Elektromodelle ist in der Autobranche ein wesentliches Thema. Um die verschärften Klimaziele einhalten zu können, müssen die Hersteller mehr Fahrzeuge mit alternativen Antrieben in die Flotten bringen. Die von VW angekündigten Investitionen gelten auch als Antwort auf die Pläne des US-Rivalen Tesla. Dessen Chef Elon Musk (49) hatte erklärt, dass sein neues E-Auto-Werk bei Berlin die weltgrößte Batteriefabrik werden solle. Volkswagen führt ab 2023 nun auch einen einheitlichen, eigenen Zelltyp ein. Das soll helfen, die Vielfalt der verwendeten Einzelvarianten zu verringern. Die Batteriekosten könnten dann - auch angesichts anderer Verbesserungen - für Einsteigermodelle "schrittweise um bis zu 50 Prozent" sinken, für höher positionierte Fahrzeuge um 30 Prozent.

Im Herbst hatten die Wolfsburger ihre allgemeine Planung für die nächsten fünf Jahre vorgestellt. Ein Kernpunkt sind 35 Milliarden Euro nur für E-Mobilität - zusammen mit Ausgaben für Vernetzung und Digitalisierung ist eine Summe von 73 Milliarden Euro veranschlagt. Technikvorstand Schmall sagte, die erweiterten Pläne für Salzgitter und Schweden seien in den Summen berücksichtigt; die noch nicht final beschlossenen Werke drei bis sechs dagegen nicht. Die mittelfristigen Finanzziele einer Sachinvestitionsquote von rund 6 Prozent des Umsatzes bis 2025 und eines jährlichen bereinigten Netto Cashflows von mehr als 10 Milliarden Euro bestätigte der Konzern. ak, rei, tag/dpa

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