VW-Aufsichtsrat beschließt 150-Milliarden-Plan Volkswagens Investitionsbudget stagniert - aber mehr Geld für Elektro und Digitales

Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat einen Investitionsplan von 150 Milliarden Euro für die kommenden fünf Jahre beschlossen. Fast die Hälfte der Summe geht in Elektrifizierung und Digitalisierung. Das traditionelle Geschäft muss schrumpfen.
VW ID.3 im Auslieferungsturm der Autostadt in Wolfsburg

VW ID.3 im Auslieferungsturm der Autostadt in Wolfsburg

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Der weltgrößte Autobauer Volkswagen erhöht inmitten der Corona-Krise und der konjunkturellen Unsicherheit das Tempo beim Wechsel in die Elektromobilität. In den kommenden fünf Jahren (2021-2025) will Volkswagen 73 Milliarden Euro in klimaschonende Antriebe und die Digitalisierung stecken und damit fast jeden zweiten Euro seines gesamten Investitionsbudgets in diesem Zeitraum. Dieses wird wie zuvor bei 150 Milliarden Euro gehalten. Das beschloss der Aufsichtsrat am Freitag.

Im bisherigen Plan, der von 2020 bis 2024 reichte, hatte der Konzern Investitionen von knapp 60 Milliarden Euro für diese Zukunftsthemen angesetzt. Allein 35 Milliarden Euro fließen in der neuen Planungsphase in die Elektromobilität, zwei Milliarden mehr als bislang vorgesehen. Elf Milliarden Euro gehen in Hybridantriebe. Am meisten aufgestockt wird die Summe für die Digitalisierung, vor allem die Vernetzung der Fahrzeuge und ein eigenes Betriebssystem für die elektronische Steuerung der Autos. Hier verdoppelt Volkswagen die Ausgaben auf rund 27 Milliarden Euro. "In den nächsten Jahren wird es darauf ankommen, auch bei der Software im Fahrzeug eine Spitzenposition einzunehmen", sagte Vorstandschef Herbert Diess (62). 

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Volkswagen erneuert jährlich seine über fünf Jahre reichende Planung. Die Gesamtsumme bleibt im Vorjahresvergleich so gut wie unverändert. Die chinesischen Gemeinschaftsunternehmen sind in den Kalkulationen für die Ausgaben noch nicht eingeschlossen.

Einnahmen aus dem traditionellen Geschäft fehlen für den Anschub

"Wir müssen unsere Planung anpassen", hatte Konzernchef Diess vor der aktuellen Runde mit Blick auf die Absatzkrise gewarnt, die sich im Oktober nochmals verschärfte. Viele Automärkte würden sich bis 2023 nicht erholen, sagte er in der vorigen Woche auf einer Onlinekonferenz von "Bloomberg". Das nicht eingenommene Geld fehle im Investitionsbudget. "Das sind Ressourcen, die wir nicht bekommen haben." Volkswagen müsse daher stärker sparen. Diess forderte zugleich aber, die eingeleitete Wende zu Zukunftstechnik eher noch zu verschärfen.

Das Geld für die Investitionen will Volkswagen weiter sowohl durch den Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft, zunächst also vor allem durch den Verkauf von Verbrennern, als auch durch Einsparungen selbst erarbeiten. Außerdem werden Prozesse im Konzern verschlankt und wenig gefragte Fahrzeugvarianten aus dem Angebot gestrichen. Einige auf das traditionelle Geschäft fokussierte Standorte müssen sich daher auf Kürzungen einstellen.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch (69) sagte, der Konzern sei gut aufgestellt, um dieses Riesenpaket zu stemmen: "Die finanzielle Ausgangsbasis ist vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen in den nächsten Jahren grundsolide", erklärte er.

Volkswagen plant so viel Geld ein, weil wegen des "Green Deal" der EU erneut schärfere Klimavorgaben und damit auch strengere CO2-Grenzwerte für die Autobranche erwartet werden. Für Volkswagen bedeutet das, dass in zehn Jahren die Hälfte der neu zugelassenen Autos elektrisch angetrieben sein muss. Bisher hatte man in Wolfsburg für 2025 einen Elektroanteil von 20 bis 25 Prozent prognostiziert.

Drei Milliarden Euro für Stammwerk Wolfsburg - Osterloh schaltet auf "Angriff"

Die Niedersachsen setzen seit dem Dieselskandal vor fünf Jahren voll auf Elektromobilität und haben mit dem ID.3 vor Kurzem ihr erstes rein elektrisches Auto auf den Markt gebracht, der ID.4 soll noch in diesem Jahr folgen. In den nächsten Jahren will Volkswagen zum größten Anbieter auf diesem Gebiet aufsteigen und an dem US-Elektroautopionier Tesla vorbeiziehen.

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Die Zahlen zeigten, wie ernst es der Konzern mit dem Wandel meine, sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh (64). "Wir spielen die nächsten Jahre voll auf Angriff."

Osterloh forderte die Politik erneut zu einer stärkeren Unterstützung der Autoindustrie im Umbruch auf. "Mindestens genauso wichtig wie Milliardenbudgets sind ein gemeinsames Verständnis für den Wandel und ausreichend Planungssicherheit", sagte Osterloh am Freitag in Wolfsburg im Anschluss an die Investitionsplanungsrunde. Dafür brauche es alle, Belegschaft, Führungskräfte, Vorstand und die Politik. "An Letztere denke ich besonders mit Blick nach Berlin und Brüssel und Dauerbrennerthemen wie Ladeinfrastruktur und schnelles Internet", sagte Osterloh.

Wir spielen die nächsten Jahre voll auf Angriff

Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh

Nach Angaben des Betriebsrats fließen allein in das Stammwerk Wolfsburg Sachinvestitionen von mehr als drei Milliarden Euro. Hier sollen unter anderem ein Nachfolger für den kleinen SUV Tiguan sowie ein neuer Groß-SUV ähnlich dem in China hergestellten Modell Tayron angesiedelt werden. Volkswagen zieht auch sämtliche Varianten des Kernmodells Golf in der Konzernzentrale zusammen.

Auf die leichten Nutzfahrzeuge entfallen insgesamt knapp 4,5 Milliarden Euro. Dabei geht es aber nicht nur um den Hauptsitz Hannover, sondern auch um die polnischen Standorte oder den Ausbau der Kooperation mit Ford. Viel Geld fließt in die Vorbereitung für den Elektrobus ID.Buzz. Zur Fertigung eines neuen, markenübergreifenden Elektrooberklassewagens (D-SUV) in drei verschiedenen Varianten werden am Standort Hannover rund 680 Millionen Euro reserviert.

Emden verliert den Passat - und bekommt den Elektronachfolger Aero

Das Werk Emden, das den Passat demnächst an Bratislava in der Slowakei abgeben muss, erhält etwa eine Milliarde Euro. Dort sind ab Anfang 2022 - ergänzend zu Zwickau - der kleine Elektro-SUV ID.4 und ab 2023 der Aero als Elektronachfolger des Passat geplant. Für die sächsischen Standorte in Zwickau, Dresden und Chemnitz sind 1,2 Milliarden Euro vorgesehen, vor allem zur Ausweitung der Kapazitäten für Elektromodelle sowie den einheitlichen Elektrobaukasten (MEB).

Auch die internen Zulieferwerke bekommen viel Geld für neue Investitionen. So wurden dem Getriebewerk in Kassel 1,3 Milliarden Euro zugeteilt, hier geht es ebenfalls vor allem um Komponenten für die Elektromobilität sowie Hybridantriebe. In Braunschweig, wo etwa Batteriesysteme, Achsen und Lenkungen produziert werden, sollen mehr als 870 Millionen Euro ausgegeben werden.

Das Motorenwerk Salzgitter, auf dessen Areal derzeit auch eine eigene Batteriezellfabrik entsteht, erhält rund 800 Millionen Euro - in Batterietechnologien fließen dort nach Unternehmensangaben rund eine Milliarde Euro.

ak/reuters/dpa-afx