"Historische Chance" Volkswagen will mit neuer US-Marke ins Pick-up-Geschäft einsteigen

Es ist ein Angriff auf Teslas Cybertruck, Rivian und Ford. Mit der neuen Marke Scout will Volkswagen künftig elektrische Pick-up-Trucks in den USA verkaufen. Sogar ein Börsengang scheint möglich.
Auf ins Gelände: VW-Chef Herbert Diess hat in den USA Expansionspläne auch abseits der Straßen

Auf ins Gelände: VW-Chef Herbert Diess hat in den USA Expansionspläne auch abseits der Straßen

Foto: BIEL ALINO / EPA

Volkswagen will in den USA mit einer neuen Marke in das hochlukrative Geschäft mit elektrischen Pick-ups einsteigen. Der Aufsichtsrat des deutschen Autokonzerns gab am Mittwoch grünes Licht für die Pläne des Vorstands, dafür die amerikanische Traditionsmarke Scout wiederzubeleben. Noch in diesem Jahr soll dafür in den USA ein separates Unternehmen für Design, Entwicklung und Produktion gegründet werden. Die elektrifizierte Marke Scout werde auf ein neues technisches Plattformkonzept setzen, teilte Volkswagen mit. Erste Prototypen sollten im nächsten Jahr gezeigt werden. Die Serienproduktion solle 2026 anlaufen. Finanzielle Details nannte der Autokonzern nicht.

Mit Scout steigt Volkswagen in das von General Motors und Ford dominierte Segment für große Geländefahrzeuge ein, das hohe Renditen abwirft. "Die Elektrifizierung bietet eine historische Chance, jetzt als Konzern in das hochattraktive Pick-up- und R-SUV-Segment einzusteigen", erklärte Volkswagenchef Herbert Diess (63). "Damit unterstreichen wir unsere Ambitionen, ein wichtiger Akteur auf dem US-Markt zu werden." Der Turnaround in den USA sei geschafft, nun nutze man die Chance, die eigene Position "in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte für Elektrofahrzeuge weiter auszubauen".

Der Markt definiert sich gerade neu. Im vergangenen Jahr sorgte Newcomer Rivian mit seinen elektrischen SUVs und Pick-ups für einen Hype an der Börse; kurzzeitig war die Firma mehr als 150 Milliarden Dollar wert. General Motors hat eine Elektroversion des Hummer angekündigt, Tesla will den lange versprochenen Cybertruck 2023 auf den Markt bringen. Und schon Ende April startete Ford-Chef Jim Farley (59) die Produktion des F-150 Lightning; damit gibt es das seit vier Jahrzehnten ununterbrochen meistverkaufte US-Auto auch in einer E-Variante.

VW plant zweite Fabrik in den USA

Volkswagen-Chef Diess will das US-Geschäft nach dem Einbruch infolge des Dieselskandals ohnehin stärken. Das manager magazin hatte vor zwei Wochen exklusiv von Plänen berichtet, eine zweite Fabrik in den USA zu errichten, womöglich in der Nähe des bestehenden Werks in Chattanooga. Strategisch soll so die Abhängigkeit von einzelnen globalen Märkten besser ausbalanciert werden; aktuell hängt der Konzern sehr stark am China-Geschäft. Bis 2030 soll der US-Anteil 10 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen.

Zwar hat Volkswagen mit dem Amorak seit Jahren auch einen Pick-up im Programm, der sich bislang rund 830.000 Mal verkaufte – aber nicht in den USA. In Folge des Zollstreits zwischen den USA und der EU waren die Importzölle so hoch, dass die Deutschen das Fahrzeug nicht einführen konnten. Nun soll ein Neustart über die alte Marke Scout gelingen.

Der Name geht auf ein Modell des ehemaligen US-Herstellers International Harvester zurück. Dessen Lkw-Sparte wurde später unter dem Namen Navistar weitergeführt, die heute Teil der Volkswagen-Lkw-Tochter Traton ist. Die Markenrechte an Scout gingen bei der Übernahme 2020 ebenfalls an die Deutschen über. Die einst von Harvester hergestellten Modelle Scout und Travelall waren Vorläufer beliebter SUVs der großen drei Detroiter Autohersteller wie dem Ford Bronco oder dem Chevrolet Suburban von General Motors. Harvester stellte 1980 nach den Ölpreisschocks Mitte der 1970er-Jahre den Bau der Fahrzeuge ein.

Scout soll nun als eigenständige Firma neu entstehen. "Dies entspricht dem neuen Managementmodell des Konzerns: kleine Einheiten, die agil sind und dabei Zugriff auf unsere Plattformen haben, um Synergien zu heben", erklärte Volkswagens Finanzchef Arno Antlitz (52). Aus Unternehmenskreisen heißt es, der Aufsichtsrat habe 100 Millionen Euro freigeben, um die Marke aufzubauen. Später sollten weitere Mittel folgen, für deren Finanzierung auch externe Investoren gewonnen werden sollten. Sogar ein späterer Börsengang dieser Aktivitäten sei nicht ausgeschlossen.

lhy/Reuters, dpa