Chipmangel bei Volkswagen "2022 werden wir nicht alle Autos bauen können, die wir verkaufen könnten"

330.000 Autos konnte Volkswagen im vergangenen Jahr in Wolfsburg nicht bauen, weil Halbleiterchips fehlten. Die Engpässe bleiben auch im laufenden Jahr, so Konzernchef Diess auf einer Betriebsversammlung. Er will deshalb die Kapazitäten anpassen.
Herbert Diess (hier auf einem Balkon über dem Firmengelände) sieht Handlungsbedarf am VW-Stammwerk in Wolfsburg

Herbert Diess (hier auf einem Balkon über dem Firmengelände) sieht Handlungsbedarf am VW-Stammwerk in Wolfsburg

Foto: Carsten Koall / dpa

Volkswagen-Chef Herbert Diess (63) sieht die schwach ausgelastete Wolfsburger Autofabrik wegen des Halbleitermangels in einer kritischen Lage. Während der Konzern insgesamt weitgehend rund laufe und über volle Auftragsbücher verfüge, sei das Stammwerk besonders hart von fehlenden Bauteilen betroffen. "Deshalb sind Kapazitätsanpassungen erforderlich, auch mittelfristig", kündigte Diess am Mittwoch bei einer digitalen Betriebsversammlung an.

Nach Angaben des Betriebsrats sind in dem Werk im vergangenen Jahr 330.000 Autos weniger von den Bändern gelaufen als ursprünglich geplant - vor allem beim Golf und Tiguan. Wegen der dramatisch schwachen Auslastung hatte Volkswagen erst Anfang Februar angekündigt, ab Ostern fast alle Nachtschichten in seinem Stammwerk zu streichen. Die Beschäftigten könnten nichts für Versäumnisse in der Halbleiterbeschaffung, sagte Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo (46). Sie hätten daher Anspruch auf einen Ausgleich für wegfallende Nachtzuschläge.

Diess sagte, die Versorgung mit Chips werde zwar besser, "aber auch 2022 werden wir nicht alle Autos bauen können, die wir verkaufen könnten." Die Halbleiter seien die einzig große Herausforderung und auch für Wolfsburg die größte Sorge. Die Task-Force arbeite rund um die Uhr, damit Volkswagen so viele Halbleiter wie möglich bekomme. Parallel hätten die Entwickler zahlreiche technische Alternativen in die Autos gebracht, um fehlende Chips zu ersetzen. Für die zweite Jahreshälfte sehe er Chancen für weitere Produktionssteigerungen.

Angaben zur Geschäftsentwicklung machte Diess nicht. Der Aufsichtsrat soll Insidern zufolge Anfang März über die Bilanz des vergangenen Jahres beraten. Im Anschluss werden erfahrungsgemäß die Kernzahlen veröffentlicht.

Werk in Zwickau voll ausgelastet

Diess betonte, dass der Schwenk zur Elektromobilität Früchte trage. Die Kapazitäten im ersten auf den Bau von E-Autos umgestellten Werk in Zwickau seien voll ausgelastet. Auch in China komme VW voran. Dort habe Volkswagen im November und Dezember jeweils 15.000 E-Autos verkauft, genauso viele wie die chinesischen Start-ups. Die amerikanische Klimapolitik gebe dem Konzern noch mehr Rückenwind. Noch nie sei ein neues Auto in den USA so schnell verkauft worden wie der vollelektrische ID.4.

Auch die Premium-Gruppe mit Audi, Bentley und Lamborghini laufe auf Hochtouren. Die Modelle der Premiummarken seien für das ganze Jahr 2022 ausverkauft. "Porsche eilt von Erfolg zu Erfolg und auch die Trucks bei MAN, Scania und jetzt auch bei Navistar haben gut gefüllte Auftragsbücher", sagte Diess.

Der Betriebsrat richtet seine Hoffnung auf das "Trinity"-Projekt in Wolfsburg, mit dem VW den US-Elektroautobauer Tesla einholen will. "Wir kämpfen für die Trinity-Produktion direkt hier in Wolfsburg, das heißt, entweder auf dem Werksgelände oder in direkter Nähe zum Stammwerk", sagte Cavallo. Der Anspruch Wolfsburgs als Leitwerk im Konzern stehe und falle mit einer engen Verzahnung der künftigen Produktentwicklung im "Campus Sandkamp", den Synergien des bestehenden Werks und einer direkt damit verbundenen Trinity-Fabrik. Mit einer Entscheidung über deren Standort sei noch im ersten Quartal zu rechnen.

"Wir brauchen das Projekt vor allem für die Transformation am Hauptsitz, also um die Beschäftigten, die wir jetzt hier an Bord haben, weiterhin mit Arbeit zu versorgen", sagte Cavallo der Deutschen Presse-Agentur (DPA). VW-Personalvorstand Gunnar Kilian (47) stellte im DPA-Interview klar: "Ausschlaggebend wird bei der Wahl des Standortes das Kriterium der Wirtschaftlichkeit sein." Es gebe aber mehrere Punkte, die für eine Ansiedlung an der Zentrale sprächen. "Der große Vorteil dieser Lösung liegt in der Effizienz. So belasten wir nicht die Produktionsanläufe neuer Autos im Stammwerk durch umfangreiche Umbauarbeiten und können es gleichzeitig nach dem Vorbild der neuen Fabrik umrüsten."

rei/Reuters/DPA