Sonntag, 22. September 2019

Volkswagen-Chef warnt und fordert mehr Tempo beim Umbau "Großen Ballast können wir uns auf Dauer nicht leisten"

Herbert Diess bei der Hauptversammlung in Berlin

Volkswagen-Chef Herbert Diess schwört die Belegschaft auf mehr Tempo beim Konzernumbau ein und schließt auch Teilverkäufe nicht aus. Die Reaktion des mächtigen Konzernbetriebsrats lässt nicht lange auf sich warten.

Volkswagen-Chef Herbert Diess drückt beim Umbau des Wolfsburger Riesenkonzerns aufs Tempo. Das Unternehmen kämpfe an einigen Stellen noch mit schwerfälligen Strukturen, komplexen Prozessen und hohen Kosten, sagte Diess am Dienstag auf der Hauptversammlung in Berlin.

"Hier gibt es viel zu tun. Großen Ballast können wir uns auf Dauer nicht leisten." Deshalb mache er persönlich Tempo bei der Transformationen des Unternehmens in einen Anbieter von Elektromobilität, autonom fahrenden Autos und neuen Mobilitätsdiensten. Dabei geht der Vorstand die nach Ansicht von Analysten lange hinausgezögerte Überprüfung von Randbereichen an. "Wir überprüfen, ob wir noch der beste Eigentümer für die unterschiedlichen Geschäfte sind", sagte Diess laut Redetext.

Der VW-Betriebsrat stellt für den anstrebten Konzernumbau allerdings Bedingungen. Nachteile für die Arbeitnehmer seien zu verhindern, schrieb Betriebsratschef Bernd Osterloh in einem am Dienstag bekannt gewordenen Brief an die Belegschaft. "Für mögliche Verkäufe haben wir klare Leitplanken vorgegeben", schrieb Osterloh. "Zu diesen verlässlichen Perspektiven zählen gute Arbeit und sichere Beschäftigungsverhältnisse", zitiert die Nachrichtenagentur dpa-afx aus dem Brief.

Betriebsrat stellt Bedingungen für Umbau und Gesprächsbereitschaft

Der Konzern will der Konzern nach eigenen Angaben vom Montagabend prüfen, wie es mit dem Anlagenbauer Renk und dem Großmotoren- und Turbinenbauer MAN Energy Solutions weitergeht. Dabei stehen auch Partnerschaften, Gemeinschaftsunternehmen und Verkäufe zur Diskussion. "Nur falls Verschlechterungen für die Belegschaft ausgeschlossen werden und die industrielle Logik auch langfristig stimmt, sind wir gesprächsbereit", schreibt dazu der Betriebsrat. Endgültige Entscheidungen stünden im Aufsichtsrat noch unter Zustimmungsvorbehalt.

Volkswagen will die Kosten bis 2023 um weitere knapp sechs Milliarden Euro drücken, um die Rendite zu steigern und die enormen Investitionen in die Elektromobilität zu stemmen. In der Verwaltung sollen bis zu 7000 Stellen durch Altersteilzeit wegfallen. Gleichzeitig soll die Produktivität der Werke weiter gesteigert werden.

Zugleich wollen die Wolfsburger ihre Lkw-Sparte mit den beiden Herstellern MAN und Scania möglichst noch vor der Sommerpause an die Börse schicken. Ferner kündigte Volkswagen an, eine eigene Batteriezellfertigung am Standort Salzgitter aufzubauen. Für knapp eine Milliarde Euro soll dort eine Fabrik entstehen, die anfangs rund 700 Mitarbeiter beschäftigt.

Als weiteres Großprojekt beschloss der Aufsichtsrat am Vorabend der Hauptversammlung den Einstieg in konkrete Verhandlungen über den Standort für ein Mehrmarken-Werk in Europa. Insidern zufolge kommen dafür Bulgarien und die Türkei in Frage.

Gegen ein neues Werk hatte sich der Betriebsrat gesperrt, solange Audi in Ingolstadt und VW in Wolfsburg nicht ausgelastet sind. Deshalb wird die Zusage für eine Batteriezellfertigung in Niedersachen von Experten als Zugeständnis an die Arbeitnehmervertretung und die IG Metall gewertet. Auch Niedersachsen hatte sich als zweitgrößter VW-Eigner für eine Batteriezellfertigung in dem Bundesland eingesetzt. Land und Arbeitnehmer hoffen, dass dadurch der Stellenabbau bei Verbrennern abgefedert werden kann.

rei/Reuters/dpa

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