Hauptversammlung VW-Chef Diess rechnet mit weiterer Entspannung der Versorgungslage

Volkswagen-Chef Herbert Diess erwartet trotz des andauernden Ukraine-Krieges keine neuen Probleme bei der Teileversorgung. Die Produktion in China und Südamerika konnte die Ausfälle in Europa bislang ausgleichen. Autos könnten aber dennoch teurer werden.
Vorstandschef-Chef Herbert Diess am Donnerstag bei der Online-Hauptversammlung zum neuen Hoffnungsträger von VW, dem ID.Buzz

Vorstandschef-Chef Herbert Diess am Donnerstag bei der Online-Hauptversammlung zum neuen Hoffnungsträger von VW, dem ID.Buzz

Foto: IMAGO/Sepp Spiegl / IMAGO/sepp spiegl

Die durch den Ukraine-Krieg eingeschränkte Versorgung mit Teilen entspannt sich für Europas größten Autokonzern Volkswagen. "Wir gehen davon aus, dass sich die Versorgungssituation auch bei einem länger anhaltenden Krieg normalisieren wird", sagte Vorstandschef-Chef Herbert Diess (63) am Donnerstag bei der Online-Hauptversammlung. Doch die bisher gegen Russland verhängten wirtschaftlichen Strafmaßnahmen zeigten noch nicht die geplante Wirkung: "Die Hoffnung, den Krieg mit harten Sanktionen schnell zu beenden, hat sich nicht erfüllt."

Der Vorstandschef warnte unabhängig davon vor einer dauerhaften Abschottung der Russischen Föderation oder anderer Regionen. "Der frühzeitige Abgesang auf das Modell "Wandel durch Handel" greift zu kurz. Blockbildung kann nicht unsere Antwort sein." Globale Probleme wie die "Klimakatastrophe" ließen sich nur gemeinsam lösen.

Fertigung in China und Südamerika erweitert

Neben den Engpässen in der Belieferung mit dringend benötigten Mikrochips trafen seit Kriegsbeginn die Konsequenzen weiterer gerissener Lieferketten die Branche. Dazu zählten vor allem fehlende Kabelbäume, die Zulieferer in der Ukraine herstellen. "Die Produktionsausfälle in Europa konnten wir weitgehend ausgleichen", sagte Diess. Volkswagen erweiterte dafür unter anderem die Fertigung in Südamerika und China – das ist aber keine Langfrist-Lösung.

Autos könnten noch teurer werden

Die Preissprünge bei Energie, Rohstoffen und vielen anderen Gütern könnten nach Erwartung des Volkswagen-Konzerns auch Autos noch weiter verteuern. "Wir haben Preismaßnahmen in unterschiedlichen Märkten gestartet", sagte Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann (55). Auf die Frage eines Aktionärs, ob die VW-Gruppe ihre gestiegenen Beschaffungskosten ab einem gewissen Niveau womöglich nicht mehr an die Kunden weitergeben könnte, meinte die Managerin: "Es ist derzeit nicht auszuschließen, dass weitere Preisschritte nötig werden."

Darüber hinaus versuche man nach wie vor, die rasante Inflation vor allem bei Energie- und Grundressourcen über Rohstoff-Sicherungsgeschäfte abzufedern. Die jüngste Preisentwicklung verschärft die schon vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs eingetretene Verteuerung von Autos.

Wegen der Probleme in der Chipversorgung sowie damit verbundener Effekte verknappte sich die Gesamtmenge der auslieferbaren Neufahrzeuge. Viele Verbraucher und Betriebe wichen daher auf Gebrauchtwagen aus – was auf diesem Markt ebenfalls Preisschübe auslöste. Das Geschäft mit teuren Oberklasseautos läuft derweil auch im VW-Konzern gut, vorhandene Halbleiterreserven leitete die Führung über weite Strecken des Jahres 2021 außerdem oft in E-Autos um.

Kritiker werfen VW immer wieder vor, zu lange an Verbrennungsmotoren festzuhalten und trotz hoher Investitionen in neue E-Modelle und emissionsärmere Fabriken bisher nicht genug für die CO2-Reduktion zu tun. Diess verwies auf die gute Nachfrage nach Elektrofahrzeugen. Aktivisten von Greenpeace demonstrierten vor dem Sendestudio von VW. Sie wollten damit auch auf einen Prozess einstimmen, den ein Landwirt und eine Klimaschützerin demnächst am Landgericht Detmold führen wollen.

Lockdowns in China machen Konzern Sorgen

Das Angebot an vollelektrischen Autos und die Umrüstung weiterer Standorte wie Emden, Hannover oder Chattanooga (USA), will VW weiter ausbauen. Über die Pläne eines zweiten Werks in Chattanooga hatte manager magazin Ende April berichtet . Das verlaufe "nach Plan", sagte Diess. Die Wagen könnten bald vergleichbar profitabel sein wie Verbrenner. Mehrere Aktionäre forderten aber, nach Kompaktmodellen, SUVs und Limousinen schneller auch kleinere Modelle wie einen ID.1 oder ID.2 anzugehen. Letzterer soll Polo-Größe haben und wird schon für den Markt Europa entwickelt.

Sorgen macht der Autobranche die Situation in China, wo neue Corona-Lockdowns Metropolen wie Shanghai und den Schiffsverkehr treffen, mit erheblichen Folgen für den Welthandel. Der bisherige VW-Kernmarken-Chef Ralf Brandstätter (53), der im Sommer als Vorstand für den Gesamtkonzern in die Volksrepublik wechselt, hält die Schwäche der Wolfsburger dort inzwischen für überwunden. Unter anderem hatten Kunden bestimmte Software-Features vermisst. Er betonte: "Wir sind weiter Marktführer dort." Im Jahresverlauf werde man auch den Produktionsrückstand in China voraussichtlich aufholen können. China galt als Volkswagens Problemmarkt, eine mögliche Übernahme einer Huawei-Tochter soll helfen. 

Dieselskandal kostet VW jetzt mehr als 33 Milliarden Euro

Ganz los ließ die Anteilseigner auch diesmal das Erbe der Dieselkrise nicht. Irritationen gibt es bei einigen nach wie vor darüber, dass mit Ex-Konzernchef Martin Winterkorn (74) und weiteren hohen Ex-Managern 2021 ein interner, teils als intransparent empfundener Vergleich über Schadensersatz geschlossen wurde. Die Gesamtkosten von "Dieselgate" liegen seit dem Bekanntwerden des Skandals im September 2015 jetzt bei über 33 Milliarden Euro. Ein Sonderausschuss des Aufsichtsrats wurde Ende 2021 aufgelöst. Nach Angaben von Rechtsvorstand Manfred Döss gibt es weltweit rund 60.000 einzelne Diesel-Zivilverfahren.

Die Aktionäre mussten am späten Nachmittag noch über die abstimmungspflichtigen Punkte auf der Tagesordnung entscheiden – etwa die Gehälter der Top-Führungskräfte, die Dividende der Stamm- und Vorzugspapiere sowie eine Personalie im Aufsichtsrat. Das Golf-Emirat Katar – drittwichtigster Eigner der VW-Gruppe – schlug den Chef seines Staatsfonds (QIA), Mansur bin Ibrahim Al-Mahmud, für das Gremium vor. Die Arbeitnehmer hatten bereits im April drei neue Vertreter benannt.

dri/dpa-afxp