Mittwoch, 19. Juni 2019

Elektroautos, Fußball-Sponsor, Ford-Kooperation Wie Volkswagen die Amerikaner wieder von sich überzeugen will

VW-Werk in Chattanooga, Tennessee, USA: Ab 2022 soll von hier mit dem Stadtgeländewagen ID Crozz das erste vollelektrische Modell vom Band rollen

Mit Hochdruck arbeitet der Volkswagen-Konzern daran, nach dem Dieselskandal und angesichts drohender Importzölle seine Position auf dem US-Markt zu festigen. Auf der Automesse NAIAS in Detroit teilte VW nun mit, rund 700 Millionen Euro in das bestehende Pkw-Werk in Chattanooga im US-Staat Tennessee investieren zu wollen, um von dort aus Elektroautos für die USA zu produzieren.

Ab 2022 soll dort mit dem Stadtgeländewagen ID Crozz das erste vollelektrische Modell auf Basis des VW-Elektrobaukastens vom Band rollen, wie Konzernchef Herbert Diess erklärte. Zu den bereits existierenden 3500 Arbeitsplätzen dort sollen 1000 hinzukommen. "Die Entscheidung, unsere US-Fertigung für Elektrofahrzeuge in Chattanooga anzusiedeln, ist ein wesentlicher Bestandteil der Wachstumsstrategie von Volkswagen in Nordamerika", sagte Diess. "Wir kämpfen um Marktanteile in den USA."

Lange hatte das Unternehmen offengelassen, ob es das Werk in Tennessee auf Elektrofahrzeuge umrüstet. Chattanooga gilt als vergleichsweise gering ausgelastet. Auch der E-Bulli ID Buzz soll künftig in den USA angeboten werden.

Diess will Trump mit der Investition besänftigen

Volkswagen Börsen-Chart zeigen betrachtet die Entscheidung zum Bau eines Elektroautos in den USA auch als Beitrag, um US-Präsident Donald Trump von seinen angedrohten Importzöllen abzubringen. "Wir hoffen, dass wir mit der Investition in Chattanooga einen Beitrag zur Vermeidung von Zöllen zwischen Europa und den USA leisten können, und wir werden weiter daran arbeiten", sagte Diess weiter. Volkswagen sei nach wie vor der Meinung, dass Zölle der falsche Weg seien, bekräftigte Diess. Die Autobauer seien von der US-Regierung "nachdrücklich ermutigt" worden, mehr in den USA zu investieren, und täten dies auch.

Die Pläne sind Teil der massiven Investitionen von Volkswagen in Elektroautos. Die Wolfsburger hatten kürzlich beschlossen, bis 2023 knapp 44 Milliarden Euro in die Elektromobilität, das autonome Fahren, Mobilitätsdienste und die Digitalisierung zu stecken - zehn Milliarden Euro mehr als VW für den letzten Planungszeitraum bis 2022 angesetzt hatte.

VW wird Sponsor des US-Fußballverbands

VW arbeitet auch auf anderen Ebenen daran, das Vertrauen der US-amerikanischen Kunden nach dem Dieselskandal wieder zu gewinnen. So hat VW am Dienstag bekannt gegeben, einen weitreichenden Vertrag mit dem US-Fußball-Verband abgeschlossen zu haben. Die Vertrag zwischen Volkswagen of America und US Soccer läuft bis 2022, das finanzielle Volumen bewegt sich angeblich im zweistelligen Millionen-Bereich.

Volkswagen wird mit seinem Logo auf der Trainingskleidung aller US-Nationalmannschaften vertreten sein. Hauptziel der Vereinbarung ist nach Angaben von US Soccer aber die Finanzierung von Programmen, mit denen die Ausbildung von Trainerinnen vorangetrieben werden soll.

VW und Ford sagen Pressekonferenz ab

Eine weitere Strategie, um die Position von Volkswagen auf dem US-Markt wieder zu stärken, ist eine strategische Zusammenarbeit mit Ford. Dazu wollten die beiden Autobauer eigentlich am Dienstag eine Pressekonferenz in Detroit abhalten, um weitere Informationen über ihre künftige Allianz zu verkünden. Diese wurde nun jedoch kurzfristig abgesagt. Es gebe noch nicht ausreichend "Details", um vor die Presse zu treten, sagte ein Ford-Sprecher. Stattdessen wollen VW und Ford Börsen-Chart zeigen am Dienstag eine Telefonkonferenz abhalten.

Schon länger ist bekannt, dass die beiden Autobauer über Transporter und Pick-ups hinaus auch bei selbstfahrenden Autos und der Elektromobilität zusammenarbeiten wollen. Da über diese Projekte aber noch verhandelt wird, verzichten die beiden Konzerne nun auf einen gemeinsamen Auftritt vor großem Publikum. Ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit demonstrierten Diess und Hackett stattdessen durch einen gemeinsamen Rundgang auf der Detroiter Automesse.

"Wir haben entschieden, unsere Kräfte dort zu bündeln", sagte Diess dabei mit Blick auf Transporter und Kleinlaster. Zusammen werde man auf diesem Gebiet sehr viel wettbewerbsfähiger sein. Volkswagen und Ford kommen zusammen auf rund 1,1 Millionen leichte Nutzfahrzeuge und wären größter Anbieter in diesem Bereich. Treiber der Kooperation ist die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugplattformen, um die Kosten zu senken. So soll etwa der Nachfolger des wenig erfolgreichen VW-Pick-up Amarok die Architektur des Ford Ranger nutzen.

VW will von Ford in den USA profitieren, Ford von VW in Europa

Die Kooperation soll damit den Boden bereiten, um auch auf anderen Feldern voranzukommen und so die enormen Ausgaben beim Wandel von reinen Autobauern zu Mobilitätsanbietern zu teilen. Ford ist als zweitgrößter US-Hersteller stark auf seinem Heimatmarkt, während Volkswagen in Europa und China die Nase vorn hat. Die Amerikaner haben gerade angekündigt, ihr defizitäres Europageschäft zu sanieren und wollen Tausende Stellen streichen. Auch über Werksschließungen wird nachgedacht. Denkbar ist laut Diess, dass Volkswagen Kapazitäten von Ford in den USA nutzt und die Amerikaner umgekehrt von der Stärke von VW in Europa profitieren.

Noch nicht soweit sind die Verhandlungen dagegen bei Roboterautos und der Elektromobilität. Hier wird weiter nachgedacht. So prüft Volkswagen Insidern zufolge eine Investition in die Ford-Sparte für autonomes Fahren. Umgekehrt ziehe der US-Konzern eine Lizenzierung des Elektrobaukastens MEB von Volkswagen in Betracht. Diess bekräftigte die Bereitschaft von VW, die Elektroplattform mit anderen zu teilen, um Größenvorteile zu erhalten. Je mehr batteriebetriebene Fahrzeuge auf einer Plattform stehen, desto günstiger werden sie. Um E-Mobile zu massentauglichen Preisen unter 20.000 Euro auf den Markt zu bringen, sind hohe Stückzahlen nötig.

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Ford-Verwaltungsratspräsident Bill Ford versicherte am Montag in Detroit, die Gespräche mit VW würden "sehr gut" laufen. Zum Ende der Woche hin werde mehr bekanntgegeben. Ford betonte, die Autoindustrie investiere derzeit sowohl in klassische Autos als auch in Zukunftstechnologien. Das koste nicht nur viel Geld, sondern nehme auch viel "Talent und Zeit" in Anspruch. Deswegen sei es für Ford sinnvoll, sich Partner zu suchen.

mg/dpa-afx, AFP, rtr

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