Donnerstag, 12. Dezember 2019

VW startet Reservierungen für Elektroauto ID.3 Der Volks-Elektrowagen - ein Mann und sein Elektro-Marschbefehl

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Bild: Volkswagen

Jürgen Stackmann hat diesen Moment minutiös vorbereitet. Im offenen weißen Hemd und grauen Anzug steht er auf der für VW-Verhältnisse eher kleinen Bühne des Berliner Drive-VW-Group-Forums, dieser hippen Mischung aus Ausstellungsraum, Tagungsort und Hauptstadt-Repräsentanz. Hinter ihm, in einem Glaskubus, steht die mit psychedelischen Tarnmustern bemalte Zukunftshoffnung des Volkswagen-Konzerns: Das Elektroauto-Modell ID.3, mit dem die Marke Volkswagen zum führenden E-Auto-Anbieter aufsteigen soll.

Vor dem Glaskubus muss VW-Vertriebsvorstand Stackmann nun die Zukunft verkörpern an diesem Tag, an dem die Wolfsburger die so genannten "Vorreservierungen" für den ID.3 starten. Und das tut Stackmann ziemlich gekonnt: In makellosem Englisch, mit sparsamen Gesten und großen Rückgriffen auf die VW-Historie läutet er den Wandel der Wolfsburger Kernmarke zum ökologisch vorbildlichen Autobauer ein.

"Nicht-Können ist ein Ding der Vergangenheit", preist er die Reichweite von VWs erstem Elektroauto für die Massen. "Wir wollen diesen Wandel in den nächsten Jahren anführen", erklärt er VWs Vorwärts-Strategie bei der Elektromobilität. "Wir werden eine viel größere Bandbreite an E-Autos als jeder andere Hersteller anbieten", wirbt er. Und mit dem ID.3 öffne man nun das "dritte Kapitel" der VW-Historie nach dem Käfer und dem Golf.

Es ist eine selbstbewusst-deutsche Kampfansage an einen neuen Gegner: VW will nun - nach jahrelangem Zögern - dem Elektroauto-Startup Tesla Börsen-Chart zeigen im Eiltempo die Rücklichter zeigen: Mit einem Fahrzeug, das in Basisversion zum Kampfpreis von unter 30.000 Euro (vor etwaigen Förderungen) auf den Markt kommen soll.

Jürgen Stackmann: Nichts dem Zufall überlassen

Tesla im Eiltempo die Rücklichter zeigen

Denn zum Start der Reservierungen, für die Kunden 1000 Euro anzahlen müssen, legt Stackmann auch ein paar handfeste Zahlen auf den Tisch: Die Basisversion des I.D. wird mit einer Akkuladung rund 320 Kilometer weit kommen (nach WLTP-Zyklus), also ein bisschen weniger weit als Teslas Model 3 Standard Range mit 350 Kilometern Reichweite.

Volkswagen ID.3

Dafür ist der Wagen aber um einige Tausender billiger - wenn auch wie bei Teslas Model 3-Start nicht sofort erhältlich: Denn reservieren lässt sich bei VW erstmal nur die ID.3 First Edition mit 58 kWh großem Akku (anders als Tesla gibt VW ausschließlich die vollständig nutzbare Akkukapazität an). 420 Kilometer weit soll der Erstling kommen, auf 30.000 Stück ist die First Edition limitiert - und soll unter 40.000 Euro kosten, kündigt Stackmann auf der Bühne an.

Auf ein direktes Beliebtheitsmatch mit dem Model 3 lässt sich VW aber wohlweislich nicht ein: Tesla kam mit seinem Model 3 innerhalb weniger Tage auf 300.000 Vorreservierungen. VW geht einem solchen Vergleich aus dem Weg, indem es seine First Edition des ID.3 auf 30.000 Stück limitiert. "Wir wollen unseren Kunden lange Schlangen vor den Geschäften ersparen", stichelt Stackmann auf Nachfrage gegen seinen US-Konkurrenten.

Der erste Volks-Elektrowagen aus dem Hause VW

Doch die Zahl der ID-Vorbestellungen wird wohl als ein Gradmesser dafür dienen, wie gut der erste Volks-Elektrowagen aus dem Hause VW auf dem Markt ankommt. Und sie wird zeigen, wie weit VWs Strategie trägt, sich innerhalb weniger Jahre zum führenden Elektroauto-Hersteller der Welt zu wandeln. Ein erfolgreicher Start der ID-Vorreservierungen ist deshalb nicht nur für den VW-Vertriebschef Stackmann wichtig - sondern auch für Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess selbst.

Im Video: Mit diesem Auto will VW zur Elektroweltmacht werden

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Bild: Volkswagen

Scheitern der ID und seine geplanten Brüder vom Elektrobus bis hin zum Luxuswagen, dürfte auch Diess' Stuhl gehörig wackeln. Denn eine Bauchlandung des Bannerträgers für die neue VW-Elektroautoplattform dürften Diess die VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piech nicht verzeihen.

Auch deshalb überlässt VW beim ID-Marktstart nichts dem Zufall: Selbst die Umrüstung der einstigen VW-Phaeton-Manufaktur im sächsischen Zwickau zum reinen Elektroautowerk setzt VW seit Monaten gekonnt in Szene - mit Interviews der Verantwortlichen, Werksbesichtigungen für Journalisten und allem, was das PR-Handwerk an Möglichkeiten hergibt.

Prototypen des IDs stehen seit mehreren Jahren auf fast jeder Automesse. Regelmäßig gewähren die VW-Manager ziemlich konkrete Einblicke, welche Derivate sie auf Basis der ID-Plattform MEB planen. VW investiert bereits Milliarden Euro in die Umrüstung seiner Fabriken auf das Elektroauto-Zeitalter. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat sich VW nun auch langfristige Lieferkontrakte für Batteriezellen und Rohstoffe gesichert. Der ID ist also zum Erfolg verdammt.

Ein Netz an neuen Angeboten - bis hin zu Schnelladesäulen

Und damit die Eroberung der neuen Elektroauto-Welt auch planmäßig klappt, werfen die Wolfsburger rund um den ID.3 gleich ein ganzes Netz an neuen Angeboten aus: Sie versprechen einfaches Laden samt Abrechnung an öffentlichen Ladesäulen mit dem Dienst We Charge. Sie bauen - gemeinsam mit anderen Autoherstellern - ein Schnellladesäulen-Netz entlang von Autobahnen auf: Ionity, so heißt das Konsortium, will bis Ende 2020 400 Ladestandorte entlang von europäischen Autobahnen betreiben, an denen sich Elektroauto-Akkus mit Hochgeschwindigkeit füllen lassen. Der ID.3 soll Ladeleistungen von bis zu 125 kW schaffen - damit lassen sich bei einem halbstündigen Ladestopp mindestens 260 Kilometer Reichweite nachtanken, verspricht Volkswagen.

Eine eigene VW-Tochter namens Elli soll Hausbesitzern die Installation von Ladestationen zu Hause erleichtern - und zwar mit Ökostrom. Und die Produktion des ID.3 und seiner geplanten Brüder - denn die neue VW-Elektromarke soll eine "Familie innerhalb der Familie werden", so Stackmann - soll komplett CO2-neutral laufen. Selbst die Zulieferer will VW auf CO2-arme Produktion trimmen. Und was sich nicht vermeiden lässt, wird durch den Kauf von CO2-Zertifikaten kompensiert, kündigt Stackmann an.

Stackmann will nach 2020 mindestens 100.000 ID-Fahrzeuge verkaufen

Es ist ein ordentliches Change-Programm, das Stackmann und seine Kollegen damit ihrer Marke und dem ganzen Konzern auferlegen. 9 Milliarden Euro investiere alleine die Marke VW bis 2023 in die Elektromobilität, erklärt Stackmann in seiner Rede. Und vom für den ID.3 und seine geplanten Brüder entwickelten Elektro-Baukasten MEB sollen bald auch die anderen Konzernmarken ihre E-Modelle bauen - und möglicherweise auch andere Autohersteller.

Kein Wunder also, dass die Ziele alles andere als bescheiden sind: Nach 2020 will Stackmann bereits jährlich mindestens 100.000 ID-Fahrzeuge verkaufen - und in China möglichst schnell mit der ID-Produktion loslegen. Ein Magermodell darf der ID aber auf keinen Fall werden, schließlich will VW damit auch die Fahrspaß-Fraktion bedienen: Mit wahlweise 170 oder 204 PS samt Heckantrieb knackt der ID die 100 km/h-Marke je nach Motorisierung in 5 bis 8 Sekunden.

Geschwindigkeit auf 180 km beschränkt

Einziger Wermutstropfen für die Raser-Fraktion: Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 160 bis 180 km/h beschränkt. Denn hohe Geschwindigkeiten fressen viel Strom und damit Reichweite. Für die meisten europäischen Länder mit ihren Autobahn-Tempolimits reichen diese Geschwindigkeiten aber locker aus. Bloß deutsche Vollgas-Freunde werden wohl noch etwas warten müssen: Auf eine Art GTI-Version des ID, die Volkswagen wohl vermutlich nachreichen wird.

Mit 4,25 Metern Außenlänge, einem dennoch üppigen Platzangebot im Inneren, und einem Kampfpreis von unter 30.000 Euro soll der ID also nun auf Tesla-Jagd gehen. Gegen die amerikanische Konkurrenz will VW mit deutscher Fertigungsqualität punkten - und den hauseigenen, verlässlichen Assistenzsystemen. Auf die Batterie gibt VW die marktüblichen 8 Jahre oder 160.000 Kilometer Garantie - und traut sich durchaus etwas beim Marktstart.

Denn die Basis des ID, der Modulare Elektronikbaukasten (MEB), soll nicht nur die Basis für eine ganze Modellfamilie aus SUVs, Kombis und Limousinen für sämtliche Volkswagen-Konzernmarken werden. Ab 2025 sollen die MEB-Fahrzeuge höhere Profite pro Wagen einfahren als jene mit konventionellem Antrieb.

Erstmal sollen die Verbrenner-Modelle aber die Profit-Basis für die Umstellung auf E-Antriebe liefern. Und genau da wird es schwierig. Denn mit dem Marktstart des ID im kommenden Jahr fährt der Elektro-Wagen direkt gegen das Brot-und-Butter-Modell der Wolfsburger an: Denn 2019 kommt auch die neue achte - und möglicherweise letzte - Generation des VW Golf auf den Markt. Das Match E-Volkswagen gegen Golf-Neuauflage könnte VW-Vertriebschef Stackmann also durchaus noch Probleme bereiten. Doch das thematisierte er beim seinem großen Auftritt zum Start der ID.3-Vorreservierungen wohlweislich nicht.

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