Dienstag, 28. Januar 2020

VW-Chef über Zulieferer, Abgasskandal und die Post "Mich ärgert das maßlos"

"Wir haben die ganze Welt am Hals": Volkswagen-Konzern-Chef Matthias Müller
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"Wir haben die ganze Welt am Hals": Volkswagen-Konzern-Chef Matthias Müller

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller will den Umbau des Konzerns zu einem Mobilitätsdienstleister ohne Entlassungen schaffen, sagt er vor Journalisten. Er spricht über den Abgasskandal, Zulieferverträge und zeigt sich über eine Sache besonders verärgert.

Als Konsequenz aus dem Zulieferstreik überprüft Teile seines Einkaufs. "Wir werden uns mal genauer unsere Einkaufsverträge anschauen, mit allen Lieferanten, und dann versuchen, das Ganze zu optimieren", kündigte Vorstandschef Matthias Müller am Montagabend im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten an.

Dabei werde VW auch überprüfen, in welchen Fällen es sinnvoll sei, Bauteile nur von einem Zulieferer zu beziehen. "Wir werden uns mit den Fragestellungen Multi-Sourcing und Single-Sourcing nochmal auseinandersetzen", sagte Müller. Die Abhängigkeit von einem Lieferanten von Sitzbezügen und Getriebegehäusen hatte VW erpressbar gemacht.

Zwei Töchter der Prevent-Gruppe hatten ihre Lieferungen an VW eingestellt und damit die Produktion in mehreren Werken lahmgelegt. Vergangene Woche legten Volkswagen und die Prevent-Gruppe aus Bosnien ihren Streit nach einem Verhandlungsmarathon bei und vereinbarten eine langjährige Partnerschaft.

Nach dem Streit war in der Branche spekuliert worden, andere Lieferanten könnten das Vorgehen von Prevent zum Vorbild nehmen. Müller geht davon aus, dass bei den Zulieferern, die dem VDA angehören, keine solchen Probleme zu erwarten sind. Diese hielten sich an die im Verband der Automobilindustrie vereinbarten Regeln. Prevent gehöre dem VDA nicht an.

Umbau ohne Massenentlassungen

Müller bekräftigte, dass VW den Umbau zu einem Mobilitätsdienstleister ohne Entlassungen stemmen wolle. "Wir werden sicherlich niemanden rausschmeißen oder betriebsbedingt kündigen. Aber wir werden uns die demografische Entwicklungen zunutze machen."

VW-Markenchef Herbert Diess appellierte unterdessen an die Bereitschaft der Belegschaft zu Veränderungen. "Es wird viel Wandel geben", erklärte er in einem gemeinsamen Schreiben mit Betriebsratschef Bernd Osterloh. Osterloh sagte: "Es geht bei dem Zukunftspakt nicht um Tarifverträge, sondern um die Zukunft unserer Arbeit." Betriebsrat und Management verhandeln über die Neuausrichtung der Marke VW und ihrer Werke. Eine Vereinbarung wird bis Herbst erwartet.

Unklar, ob die auf 18 Milliarden Euro erhöhten Rückstellungen ausreichen

Mit Blick auf die in den USA laufenden Verhandlungen im Abgasskandal über die Umrüstung von Dieselautos mit 3,0-Liter Motor sagte Müller, er rechne in einigen Wochen mit einem Ergebnis. Das US-Bezirkgericht in San Francisco hatte Verhandlungen mit dem Justizministerium über einen Vergleich bei diesen Wagen angeordnet.

Ob die wegen des Dieselskandals unlängst auf knapp 18 Milliarden Euro aufgestockten Rückstellungen ausreichen, mochte Müller nicht beantworten. "Wir haben die ganze Welt am Hals." Da wolle er nicht spekulieren.

Über eine Sache zeigte sich der Volkswagen-Chef besonders verärgert - nämlich auf die Pläne der Deutschen Post, auf eigene Rechnung einen Elektro-Transporter zu bauen. "Mich ärgert das maßlos", sagte Müller in Hamburg.

Er frage sich, warum die Post so etwas nicht mit VW auf die Beine stelle. Er habe deshalb den Chef der eigenen Nutzfahrzeugsparte, Eckhard Scholz, gebeten, Kontakt zu Post-Vorstand Jürgen Gerdes aufzunehmen. "Wir werden sehen, ob wir da noch einen Fuß in die Tür kriegen."

rei/Reuters

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