Russland-Sanktionen Volkswagen sorgt sich um Energieversorgung

Volkswagen sorgt sich wegen des Ukraine-Krieges um die Energieversorgung, bekräftigt aber seine Renditeprognose. Die E-Autoproduktion in den USA will der Konzern ausbauen und weitere Milliarden in die Software-Schmiede Cariad stecken.
In Volkswagens Kraftwerk in Wolfsburg will der Konzern vorerst Kohle verheizen. Die Umstellung auf Gas verzögert sich wegen der Russland-Sanktionen auf unbestimmte Zeit

In Volkswagens Kraftwerk in Wolfsburg will der Konzern vorerst Kohle verheizen. Die Umstellung auf Gas verzögert sich wegen der Russland-Sanktionen auf unbestimmte Zeit

Foto: imago images / Schöning

Der Volkswagen-Konzern will die geplante Expansion in den USA vorwiegend mit der Ausweitung der Produktion für Elektroautos untermauern. Zunächst solle die Produktion im bestehenden US-Werk in Chattanooga in etwa verdoppelt werden, sagte VW-Chef Herbert Diess (63) am Mittwoch. Die Wolfsburger fahren die Fabrik in dem US-Bundesstaat Tennessee bislang mit geringer Last bei 150.000 bis 200.000 Autos Kapazität jährlich, sozusagen als "halbe Fabrik", wie Diess es in einer Pressekonferenz formulierte. Für das Hochfahren des Werks sei eine Erweiterung der Lackieranlage und etwa im Karosseriebau nötig.

"Klar reicht der Ausbau der Kapazität in Chattanooga allein nicht, um dem Ziel von 10 Prozent Marktanteil auch nur nahezukommen", sagte der Manager. "Daher denken wir sicherlich auch über zusätzliche Kapazitäten nach, aber das ist noch nicht entschieden, ob das in den Vereinigten Staaten oder in Mexiko sein wird - höchstwahrscheinlich in den USA."

Nach Informationen von manager magazin plant Volkswagen in den USA den Bau eines zweiten Werks. Es könnte unmittelbar neben der aktuellen Fabrik in Chattanooga entstehen. Die Kapazität in den USA könne damit auf bis zu 600.000 Fahrzeuge im Jahr erweitert werden. Zusätzlich werde auch der Bau eines Batteriezellenwerks erwogen, wahrscheinlich in der Nähe des Werks in Chattanooga.

"Der Fokus wird klar auf Elektroautos liegen - das sehen wir als historische Chance, um Marktanteile in den Vereinigten Staaten zu gewinnen", sagte Diess weiter. Der VW-Chef hat sich bereits länger zum Ziel gesetzt, nach dem Dieseldebakel mit den illegal geschönten Abgaswerten in dem wichtigen nordamerikanischen Absatzmarkt wieder anzugreifen. Zuletzt gelang vor allem mit mittelgroßen Stadtgeländewagen (SUV) wie dem Atlas und dem Tiguan in den USA die Rückkehr in operativ schwarzen Zahlen. In diesem Jahr startet vor Ort die Produktion des vollelektrischen ID.4.

VW fährt in den USA Japans Massenherstellern weiter hinterher

VW fährt trotz jüngster Erfolge den auf dem US-Markt seit vielen Jahren erfolgreichen japanischen Massenherstellern wie Toyota, Honda und Nissan sowie den großen US-Konzernen weiter hinterher. Die Kernmarke VW Pkw verkaufte im vergangenen Jahr 375 030 Autos in den USA, das waren gut 15 Prozent mehr als im stark von Corona-Folgen belasteten Vorjahr 2020. Der gesamte US-Automarkt lag im vergangenen Jahr bei gut 14,9 Millionen Pkw und leichten Nutzfahrzeugen - die Marke VW allein kam also auf rund 2,5 Prozent Marktanteil.

Russland-Sanktionen - VW verlängert Kohleeinsatz in Kraftwerk Wolfsburg

Das von der EU geplante Ölembargo indes besorgt auch Konzernchef Diess. "Wir sind wegen der Bedrohungen besorgt", sagte er während der Telefonkonferenz zur Präsentation der Quartalsbilanz. Volkswagen unternehme alles, um möglichst unbeschadet durch die Unsicherheit in der Energieversorgung zu kommen.

Volkswagen befinde sich inmitten der Umstellung seines Kraftwerks in Wolfsburg von Kohle auf Gas. Das Unternehmen habe nun entschieden, den Kohleeinsatz zu verlängern und wolle je nach Versorgungslage in der Lage sein, zwischen den beiden Energieträgern zu wechseln. "Wir tun alles, um möglichst robust zu sein." Ein Stopp der Gasversorgung aus Russland würde die deutsche Wirtschaft hart treffen, fügte Diess hinzu.

VW will Fixkosten bei 19 Milliarden Euro halten

VW-Finanzvorstand Arno Antlitz (52) erwartet indes wegen der rasant gestiegenen Preise bei Energie und Rohstoffen in diesem Jahr weitere zusätzliche Kosten für den Konzern. "Wie hoch diese Belastung ausfallen wird, können wir derzeit aber noch nicht genauer quantifizieren", sagte er am Mittwoch zu den aktuellen Einschätzungen für den Rohstoffeinkauf. Der Konzern sehe sich aber in der Lage, die Mehrkosten unter anderem durch die gleichzeitig weiterlaufenden Sparprogramme aufzufangen. Außerdem setze VW nach wie vor auf Absicherungsgeschäfte gegen allzu starke Preisschwankungen.

Im vergangenen Jahr habe der Konzern laut Antlitz seine Fixkosten von gut 23 auf 19 Milliarden Euro gedrückt. "Ziel ist es, das Niveau dieses Jahr zu halten", erklärte der Finanzchef weiter. Bei der Kernmarke VW Pkw ist geplant, die festen Kosten bis 2023 um 5 Prozent im Rahmen bestehender Programme zu senken.

Milliarden-Investition für Software-Sparte Cariad angekündigt

Unabhängig von den Unsicherheiten wegen des Kriegs in der Ukraine und neuen Corona-Lockdowns in China will VW auch bei seiner Software-Sparte Cariad mehr investieren. "In diesem Jahr planen wir rund drei Milliarden Euro für Cariad ein, das kann auch nächstes Jahr noch einmal etwas ansteigen", sagte Antlitz. Im ersten Quartal erhöhten sich die Verluste um weitere 222 Millionen Euro auf 416 Millionen Euro – das liege aber vor allem an den nötigen Anschubfinanzierungen. Cariad gilt mittlerweile als der größte Sorgenfall im Konzern.  Denn die Softwareprobleme bei Cariad sind schwerwiegend und bedrohen den Zeitplan für die Artemis- und Trinity-Modelle des Autobauers, wie manager magazin in seiner jüngsten Ausgabe berichtet .

"Cariad verdient sein Geld dann später damit, dass die Marken Lizenzgebühren zahlen", erklärte der Finanzchef weiter. "Aktuell müssen wir für die Entwicklung unserer drei großen Softwarepakete noch die Vorleistungen bringen, im Schnitt sind das weiter rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr." Wenn die Plattformen, die beispielsweise auch für Audi entwickelt werden, einmal fertig sind, werde es entsprechende Rückflüsse geben. Konzernchef Diess erwartet, dass Cariad wahrscheinlich um das Jahr 2026 herum profitabel wirtschaften wird.

Volkswagen hält trotz steigender Kosten an Prognose fest

Wie der Volkswagen bereit am Morgen mitteilte, hält der Konzern trotz steigender Rohstoff- und Energiekosten sowie anhaltender Lieferengpässe an seiner Gewinnprognose für das laufende Jahr fest. Europas größter Autokonzern bekräftigte am Mittwoch bei der Vorlage der endgültigen Quartalsbilanz seine Prognose, wonach der Umsatz 2022 um acht bis 13 Prozent steigen und die operative Rendite in einer Spanne zwischen 7 und 8,5 Prozent liegen soll. Allerdings schränkte das Management ein, dass sich die Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen im Ukraine-Krieg und den Einschränkungen bei der Pandemie-Bekämpfung in China auf das Geschäft noch nicht abschließend beurteilen ließen.

"Unser Konzern hat im ersten Quartal trotz der beispiellosen Herausforderungen, denen sich die Welt durch den schrecklichen Krieg in der Ukraine und die anhaltende Pandemie mit ihren Auswirkungen auf die Lieferketten gegenübersieht, erneut große Widerstandsfähigkeit bewiesen", erklärte Dies.

Wie Volkswagen bereits Mitte April mitgeteilt hatte, hat das gute Geschäft vor allem mit besonders profitablen Oberklasse-Marken den Konzern im ersten Quartal durch die angeschlagene Autokonjunktur getragen. Die Wolfsburger verdienten im ersten Quartal trotz eines insgesamt erheblichen Verkaufsrückgangs fast doppelt so viel wie Anfang 2021. Das Ergebnis nach Steuern stieg zwischen Januar und März im Jahresvergleich von 3,4 auf 6,7 Milliarden Euro. Vor Zinsen und Steuern sowie Sondereinflüssen aus der Dieselaffäre legte der Betriebsgewinn von 4,8 auf 8,5 Milliarden Euro zu. Verantwortlich dafür waren vor allem Absicherungsgeschäfte, deren Wert angesichts anziehender Rohmaterial- und Energiepreise bilanziell anzog. Aber auch im eigentlichen Geschäft lief es dank höherer Verkaufspreise der teureren Marken gut.

Obwohl die VW-Gruppe aufgrund der Halbleiterkrise gut ein Fünftel weniger Fahrzeuge auslieferte und knapp 12 Prozent weniger Autos fertigte, erhöhte sich der Umsatz leicht um 0,6 Prozent auf 62,7 Milliarden Euro. Eine Rolle spielte dabei allerdings auch die Übernahme des US-Lkw-Herstellers Navistar, der nun in den Zahlen enthalten ist. Die Jahresprognosen bestätigte das Management.

rei/dpa-afx/Reuters