Montag, 21. Oktober 2019

Vorstand versprüht Optimismus vor Aktionären, aber: Volkswagen hat eine neue Großbaustelle

Herbert Diess, auf der Hauptversammlung von VW in Berlin
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Herbert Diess, auf der Hauptversammlung von VW in Berlin

Vorstandschef Herbert Diess hat eine Botschaft an die Aktionäre: Volkswagen ist zurück in der Spur, der Dieselskandal so gut wie abgehakt und der Konzern auf dem Weg zu einem besseren und bald auch wertvolleren Unternehmen. Klingt ermutigend - wäre da nur nicht die neue Großbaustelle im Konzern.

Canossagänge und gesenkte Häupter wegen der Dieselkrise waren gestern, nun ist der Weg frei für den ganz großen Aufbruch ins Zeitalter der Elektromobile und voll vernetzten Fahrzeuge: Mit dieser Botschaft versuchte Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess vor seinen Aktionären, die leidige "Dieselthematik" endlich hinter sich zu lassen.

Anders als in den Vorjahren gaben sich Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch in ihren Reden richtig kämpferisch: "Mutige Entscheidungen" habe VW im vergangenen Jahr getroffen, um die Weichen zu stellen für Elektroautos, meinte Pötsch. Vor "gewaltigen Herausforderungen" stehe die Branche, um den Systemwechsel zur Elektromobilität zu vollziehen und gleichzeitig auch die Digitalisierung der Autos zu meistern.

Auch Diess sparte nicht an großen Worten: "Entschlossener als unsere Wettbewerber gestalten wir den Wandel und treiben ihn voran", pries er seinen Konzern vor den Aktionären an. Als eines der wenigen Auto-Unternehmen habe man im vergangenen Jahr die Jahresprognosen erfüllt, wies er auf die nach wie vor gute Finanzlage des Volkswagen-Konzerns hin.

"Viel Potenzial für einen höheren Unternehmenswert"

"Unser Geschäft hat sich robust und widerstandsfähig gezeigt", erklärte er - trotz schärferer regulatorischer Vorgaben und zunehmender geopolitischer Unsicherheiten etwa in China oder in Großbritannien. Dennoch sei der weltgrößte Autohersteller mit zuletzt 10,8 Millionen verkaufter Neuwagen unterbewertet an der Börse. Die Führungsmannschaft sehe "viel Potenzial für einen höheren Unternehmenswert, den wir Schritt für Schritt heben werden", versprach er.

Diess' Botschaft an seine Aktionäre ist klar: Die alte Selbstsicherheit ist zurück, der Dieselskandal ist hoffentlich bald Geschichte - und rückblickend der Auslöser für eine "grundlegende Neuausrichtung unseres Konzerns", wie er an einer Stelle seiner Rede sagte. Rund 30 Milliarden Euro hat VW bisher für die Folgen der Manipulationen an seinen Dieselmotoren aufgewendet. Doch unter seiner Führung, so suggerierte es Diess, wandle sich der Konzern zum stärkeren, innovativeren, umweltbewussteren, schlicht besseren Unternehmen.

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Bild: Volkswagen

Mit Audi hat Volkswagen eine neue Großbaustelle

Allerdings, und das wurde in Diess Rede auch klar, hat der Konzern eine neue Großbaustelle. Das alte Sorgenkind, die spanische Tochter Seat, ist offenbar saniert: Im vergangenen Jahr lieferten die Spanier eine Kapitalrendite von mehr als 13 Prozent ab und damit ein "akzeptables Renditenniveau". Zur Rendite der Kernmarke VW äußerte sich Diess nicht näher, doch die Marke habe zumindest neue Bestwerte bei Absatz und Umsatz erzielt.

Bloß bei der Luxusmarke Audi, lange Zeit die große Gewinnmaschine des Konzerns, fand Diess eher vorsichtige Worte. Das vergangene Jahr sei für die Marke "herausfordernd" gewesen. "Teilweise stark eingeschränkt" sei der Absatz gewesen durch die Umstellung auf neue Prüfzyklen. Die operative Umsatzrendite habe bei 8 Prozent gelegen, führte Diess ohne weitere Zuschreibung aus.

Ein bisschen Trost spendete der Vorstandschef der Ingolstädter Tochter aber auch. Der Elektro-SUV Audi E-Tron sei ein "Highlight", dass Audis Markenversprechen "Vorsprung durch Technik" erneut einlöse, drückte es Diess aus. Und überhaupt könne Audi "zuversichtlich nach vorne schauen" dank einer gut gefüllten Produkt-Pipeline und einem neuen Design.


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Doch richtig zufrieden kann Diess mit der Performance der Vier-Ringe-Marke nicht sein, das klang in seiner Rede ziemlich klar durch. Der neue Audi-Chef Bram Schot, der die Marke intern schon als Sanierungsfall dargestellt haben soll, hat also ein ziemlich herausforderndes Jahr vor sich.

Denn um den Umbau des Konzerns im vom Diess gewünschten Tempo hinzubekommen, muss Audi wieder möglichst schnell hohe Gewinne abliefern. "An unseren Schwachstellen arbeiten wir konsequent", versprach Diess am Ende seiner Rede. Bei Audi wird sich schnell zeigen müssen, dass diese Worte mehr als eine Phrase sind.

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