Samstag, 19. Oktober 2019

Milliardenschwere Rücklage Volkswagen begrenzt Gewinnrückgang

Volkswagens Elektroauto ID: Der Konzern investiert derzeit massiv in die Elektromobilität, das neue Elektroauto soll ab Herbst vom Band rollen

Volkswagen ist trotz der schwächeren Autonachfrage ohne allzu tiefe Kratzer durch das erste Quartal gekommen. Der Betriebsgewinn sank zu Jahresbeginn zwar um sieben Prozent auf 3,9 Milliarden Euro, wie der Konzern am Donnerstag mitteilte. Damit schnitten die Wolfsburger aber besser ab als manche Konkurrenten. Bei Daimler Börsen-Chart zeigen etwa hatte zu Jahresbeginn ein Gewinnrückgang von 16 Prozent zu Buche geschlagen. Den Umsatz steigerte Volkswagen überraschend um gut drei Prozent auf 60 Milliarden Euro.

Die Aktionäre von Volkswagen haben die Zahlen für das erste Quartal am Donnerstag positiv aufgenommen: Die Titel des Autobauers Börsen-Chart zeigen legten am Morgen um knapp 5 Prozent auf 162,10 Euro zu.

Negative Sondereinflüsse aus Rechtsrisiken in Höhe von einer Milliarde Euro hätten sich belastend ausgewirkt, teilte VW weiter mit. Darin seien Kosten für Rechtsanwälte, Vergleiche und für noch ausstehende Verfahren enthalten, sagte Volkswagen-Finanzvorstand Frank Witter am Donnerstag in einer Telefonkonferenz. Damit seien die derzeit absehbaren Kosten abgedeckt. Weitere seien aber auch nicht ausgeschlossen, sagte Witter. Mit der weiteren Milliarde haben die Kosten für den Dieselskandal die Marke von 30 Milliarden Euro erreicht. Den Großteil des für den Skandal aufgewendeten Geldes hat VW bis dato für Vergleiche in Nordamerika verbucht.

Derzeit laufen in Deutschland mehr als 60.000 Einzelverfahren gegen Volkswagen oder Konzerngesellschaften, die meisten davon sind auf Schadenersatz oder Rückabwicklung gerichtet. Zudem klagen Aktionäre vor dem Oberlandesgericht Braunschweig, weil sie sich vom Konzern zu spät über das finanzielle Ausmaß der Dieselaffäre informiert fühlen.

Vor Sondereinflüssen legte das operative Ergebnis um 0,6 Milliarden Euro auf 4,8 Milliarden Euro zu. Dabei kam dem Konzern die Neubewertung von Finanzgeschäften in Höhe von 0,4 Milliarden Euro zugute. Finanzvorstand Witter zeigte sich erfreut über das Abschneiden im ersten Quartal. Er machte aber auch deutlich, dass der Konzern die Kosten weiter senken müsse. "Insgesamt müssen wir weiter unser Tempo bei der Transformation erhöhen. Die steigenden weltweiten Konjunkturrisiken stellen uns ebenfalls vor Herausforderungen."

VW bestätigt Ausblick für 2019

Trotz der Delle zum Jahresauftakt bekräftigte Volkswagen den Ausblick für 2019. Der Vorstand um Konzernchef Herbert Diess hat sich ein leichtes Absatzplus vorgenommen, der Umsatz soll um bis zu fünf Prozent steigen und bei der operativen Rendite vor Sondereffekten peilt der Konzern unverändert einen Wert zwischen 6,5 und 7,5 Prozent an.

Der Absatzrückgang in den ersten drei Monaten hielt sich mit 2,8 Prozent dank anziehender Geschäfte in Südamerika und robuster Auslieferungen in Europa in Grenzen. Der Rückgang um sechs Prozent in China, dem größtem Markt der Wolfsburger, schmerzt das Unternehmen allerdings. Die Hoffnungen richten sich dort darauf, dass die Geschäfte wegen der Anfang April gesenkten Mehrwertsteuer wieder anziehen. Für das zweite Halbjahr hatte sich der Konzern zuletzt zuversichtlich gezeigt, auch weil der Vergleichszeitraum im Vorjahr wegen der Turbulenzen um die schärferen Abgasmessregeln WLTP schwächer ausgefallen war.

Im Gesamtjahr geht Volkswagen trotz der schwachen Märkte davon aus, dass die Auslieferungen an die Kunden den Wert des Vorjahres leicht übertreffen werden. 2018 hatte der Konzern mit 10,83 Millionen Fahrzeugen mehr Autos ausgeliefert als jemals zuvor.

Sondereinflüsse belasten Kernmarke VW

Die Kernmarke VW Pkw steigerte ihre Erlöse im ersten Quartal um 7,1 Prozent auf 21,5 Milliarden Euro. Allerdings belasteten negative Sondereinflüsse von 400 Millionen Euro für den Dieselskandal die Marke. Abzüglich dieser Sondereinflüsse kommt die Kernmarke auf eine Umsatzrendite von 2 Prozent. Vor Sondereinflüssen verbesserte sich das operative Ergebnis von 879 Millionen Euro auf 921 Millionen Euro. Dafür waren der Schwenk zu teureren Autos wie auch Kostensenkungen verantwortlich, hieß es.

Die kriselnde Nobeltochter Audi verbuchte ein operatives Ergebnis von 1,1 (Vorjahreszeitraum: 1,3) Milliarden Euro. Volkswagen begründete dies unter anderem mit dem An- und Auslaufen von Modellen sowie den Schwierigkeiten mit dem neuen Abgas- und Verbrauchsprüfstandard WLTP. Der Umsatz sank von 15,3 Milliarden Euro auf 13,8 Milliarden Euro - allerdings seien Mehrmarken-Vertriebsgesellschaften aus der Marke Audi herausgelöst worden.

Bei Porsche ging das Ergebnis im Automobilgeschäft um knapp 12 Prozent auf 829 Millionen Euro zurück. Bei dem Sportwagenbauer lag der Rückgang den Angaben zufolge vor allem an weniger Verkäufen zu Jahresbeginn. Auch die Stuttgarter haben mit WLTP Probleme. Die Sparte der Volkswagen-Finanzdienstleistungen legte operativ im ersten Quartal auf 638 Millionen Euro zu - nach 608 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Druck auf VW-Chef Diess nimmt zu

In diesem Jahr ist für Volkswagen entscheidend, dass die Einnahmen nicht wegbrechen, um den Umstieg in die Elektromobilität finanzieren zu können. Da kommt die weltweite Konjunkturabschwächung zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Volkswagen investiert derzeit massiv in die Elektromobilität, um die schärferen Umweltvorgaben zu erfüllen. Bis 2023 fließen 44 Milliarden Euro in die Elektromobilität, selbstfahrende Autos, Mobilitätsdienste, die Digitalisierung und den Umbau der Werke. Den Anfang macht der neue E-Wagen ID, der ab Herbst in Zwickau vom Band rollen soll. Dem folgt eine ganze Familie batteriegetriebener Fahrzeuge. Binnen zehn Jahren will der weltgrößte Autobauer rund 22 Millionen E-Autos bauen, fast 70 neue Modelle kommen auf den Markt.

Im Video: Kannibalisiert sich Volkswagen mit seinem neuen Fahrdienst Moia?

Video abspielen
Bild: manager-magazin.de

Dadurch fallen in den Unternehmen viele Arbeitsplätze weg, weil beim Bau von Elektroautos weniger Arbeitsschritte nötig sind als bei herkömmlichen Verbrennern. Zugleich will Konzernchef Herbert Diess die Kosten noch schneller senken und die Produktivität steigern. Das bringt den Betriebsrat auf die Barrikaden, der dem Management vorwirft, ungeplant und chaotisch vorzugehen.


Lesen Sie auch: Letzte Warnung für VW-Chef Herbert Diess


Inzwischen nimmt der Druck auf Diess aus allen Richtungen zu. Der einstige BMW-Manager muss sich nicht nur der Kritik des Betriebsrats, geschädigten Diesel-Kunden und der Politik erwehren. Inzwischen ist Insidern zufolge auch sein Führungsstil auf Seiten der Familien Porsche und Piech nicht mehr unumstritten, die ihn erst vor gut einem Jahr aufs Schild gehoben haben.

mg/rtr, dpa

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung