Heiner Thorborg

Volkswagen muss Konsequenzen ziehen Diess gehört gefeuert. Und Pötsch sowieso.

Heiner Thorborg
Von Heiner Thorborg
VW-Chef Herbert Diess und AR-Chef Hans Dieter Pötsch: Das Verfahren gegen die beiden VW-Spitzen wegen des Verdachts auf Marktmanipulation wurde eingestellt

VW-Chef Herbert Diess und AR-Chef Hans Dieter Pötsch: Das Verfahren gegen die beiden VW-Spitzen wegen des Verdachts auf Marktmanipulation wurde eingestellt

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Volkswagen braucht einen neuen Chef. Einen Unternehmensfremden mit dem ganz großen Besen, der sich auf die Unternehmenskultur im Konzern konzentriert. Wir dachten schon, wir hätten alles gesehen an krimineller Energie im Management: Betrug, Bilanzfälschung, Bestechung, Bespitzelung, Insider Trading, Preisabsprachen, geheime Boni-Systeme... - und dann kam Volkswagen. Dieser Konzern ist wahrhaft degoutant.

Heiner Thorborg
Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Das ist übrigens keine persönliche Auffassung, sondern die vieler Compliance-Experten. Als langjähriges Mitglied der Corporate Governance Kommission war beispielsweise Christian Strenger damit betraut, über gute Unternehmensführung in Deutschland zu wachen. Sein mehrfach wiederholtes Urteil über VW: Die Versprechungen, die Kontrollstrukturen zu verbessern, verlaufen regelmäßig im Sand.

Dieselgate ist dabei nur der letzte Akt in einem Kasperletheater aus López-Affäre, Lustreisen-Skandal, Getingel mit Prostituierten, Piëch gegen Wiedeking und Piëch gegen Winterkorn. Fast fünf Jahre später werden die VW-Chefs nun wegen der Abgasmanipulation nicht weiter verfolgt, stattdessen muss der Konzern neun Millionen Euro Strafe zahlen, und das Verfahren gegen VW-Chef Herbert Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wegen des Verdachts auf Marktmanipulation wird eingestellt - trotz eindeutiger Hinweise auf zu späte Kapitalmarktkommunikation, wie Strenger betont.

Keinerlei Anstand

Dass sich die Wolfsburger nahezu zeitgleich für ein rassistisches Werbevideo entschuldigen müssen, in dem eine große weiße Hand einen schwarzen Mann von einem Auto weg in einen Hauseingang schnippt, passt ins Bild: Diese Leute haben keinerlei Anstand.

Und auch kein Schamgefühl: Diess findet, er habe in dem Dieselprozess einen Reputationsschaden erlitten. Dieser Makel gefährde seine spätere Karriere als Aufsichtsrat und daher sei eine Gegenleistung des Konzerns angebracht. Zum Beispiel die Verlängerung seines bis 2023 laufenden Vertrags als Vorstandsvorsitzender um zwei weitere Jahre bis 2025. Das fanden sogar die sonst im Tiefschlaf der Gerechten liegenden Vertreter der Familie, Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, so abartig, dass sie sich gegen Diess wandten: Die Vertragsverlängerung wird es nicht geben.

Derweil schreibt der Betriebsrat einen Brief an den Vorstand mit 13 Punkten. Tenor: Auch ein Rekordergebnis von 19,3 Milliarden Euro könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Diess die Kontrolle zu entgleiten drohe - von Seat über MAN bis hin zu Audi.

Unabhängige Aufsichtsräte und Richter

Was jetzt? Volkwagen braucht neue Aufsichtsräte auf der Kapitalseite. Die Familien Porsche und Piëch haben gemeinsam mit dem Land Niedersachsen die Mehrheit der Stimmrechte, ein unabhängiges Gegengewicht fehlt. Gefragt wären daher Leute, die nicht in einem Interessenskonflikt feststecken wie die Familienmitglieder, deren Wohlstand von VW garantiert wird, oder niedersächsische Politiker, die vor allem Arbeitsplätze erhalten und das Wahlvolk glücklich machen wollen. Ohne unabhängige Kontrolleure wird es in Wolfsburg nie eine verlässliche Corporate Governance geben.

Außerdem sollte bei künftigen Konflikten der Gerichtsort aus Niedersachsen in ein anderes Bundesland verlegt werden, hat es doch den Anschein, dass niedersächsische Richter grundsätzlich zugunsten von Volkswagen entscheiden. Zumindest scheinen die VW-Granden dieses Gefühl zu nähren und sich entsprechend entspannt zu verhalten.

Ein neuer Chef gegen die Lügenkultur

Und nicht zuletzt benötigt das Unternehmen einen neuen CEO. Eine Persönlichkeit mit dem großen Besen. Am besten eine, die nicht aus der Autoindustrie kommt, aber das persönliche Standing hat, sich mit exzellenten Autoleuten zu umgeben, dem fachkompetenten Team zu vertrauen und die Ingenieure machen zu lassen. Sie selbst muss sich nämlich dringend auf die Unternehmenskultur konzentrieren.

Eine Unternehmenskultur, in der nicht jahrelang Millionen Lügenautos verkauft werden können von einem Management, das die Unregelmäßigkeiten entweder nicht mitbekommt, sie bewusst ignoriert oder gar aktiv fördert. Dazu müsste der neue CEO endlich Strukturen der Verantwortlichkeit schaffen und ein Bonussystem, das Fehlverhalten bestraft.

Künftig muss gelten: Wer bei Volkswagen die Regeln guter Führung und Kontrolle verletzt, muss gehen. Sonst wird der Konzern weder das Vertrauen der internationalen Investoren zurückgewinnen, noch das Vertrauen der Mitarbeiter, dass "die da oben" in Wolfsburg wissen, was sie tun. Nur wenn diese Stakeholder zurück an Bord kommen und der Konzern die intern schwärenden Wunden heilt, wird VW in der sich dramatisch wandelnden Autoindustrie eine gute Zukunft haben. Es wäre schön, wenn das auch die Politiker und Richter in Niedersachsen begreifen würden.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.