Volkswagen-Chef Herbert Diess "Wir verdienen so viel Geld wie nie"

Halbleitermangel, gestörte Lieferketten - all das kann Volkswagen offenbar nur wenig anhaben. Auch das Verbrenner-Verbot ab 2035 müsse VW nicht fürchten, sagt Konzern-Chef Herbert Diess - und schwört die Belegschaft auf die Tesla-Jagd ein.
"Diese Chance müssen wir nutzen und schnell aufholen": Tesla schwächelt gerade, sagt Volkswagen-Chef Herbert Diess

"Diese Chance müssen wir nutzen und schnell aufholen": Tesla schwächelt gerade, sagt Volkswagen-Chef Herbert Diess

Foto: IMAGO/Michael Indra / IMAGO/SEPA.Media

Bei Volkswagen sprudelt der Gewinn. "Wir verdienen so viel wie nie – trotz Halbleiter-Mangel und stockenden Lieferketten", sagte Konzernchef Herbert Diess (63) am Dienstag auf einer Belegschaftsversammlung in Wolfsburg. Der seit vielen Monaten anhaltende Engpass an elektronischen Bauteilen entspanne sich endlich. "Wir fahren unsere Volumen hoch, nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in China." Angesichts der Unsicherheit durch den Ukraine-Krieg und den Sorgen vor einer Wirtschaftskrise werde der Konzern die Produktion aber vorsichtig wieder steigern, "nicht blind auf 100 Prozent Auslastung gehen".

Diess hält Europas größte Autogruppe im Kern auch schon jetzt für ein Verbrenner-Verbot gerüstet. Ein solcher Schritt, der sich auf Neuzulassungen ab 2035 beziehen könnte und zurzeit in der Bundesregierung für Streit sorgt, müsse Volkswagen "keine Angst machen", sagte der Manager weiter. "Es kann kommen – wir sind am besten vorbereitet", meinte Diess. Er verwies auf die bereits angebotenen und noch geplanten Elektromodelle sowie die Strategien des Konzerns für eigene Batteriezellfertigung und Software.

Die Wolfsburger haben nach dem Dieselskandal vor bald sieben Jahren als einer der ersten traditionellen Autobauer mit dem Schwenk in die Elektromobilität begonnen und investieren dafür viele Milliarden Euro. Ziel ist ein Konzern, der neben dem Verkauf von Autos in einigen Jahren sein Geld vor allem mit Mobilitätsdienstleistungen verdient.

Die EU-Umweltminister wollten über die Zukunft von Verbrennerautos abstimmen, nachdem das Europaparlament sich mehrheitlich für ein Ende von Benziner- und Dieselverkäufen ab Mitte des kommenden Jahrzehnts ausgesprochen hatte. Während die deutsche Ressortchefin Steffi Lemke (54, Grüne) das unterstützt, kommt aus der FDP Kritik. Die Liberalen wollen, dass Neuwagen mit Verbrennungsmotor später noch zugelassen werden können, wenn sie nachweisbar nur mit klimaneutralen synthetischen Kraftstoffen betankbar sind.

"Tesla schwächelt. Diese Chance müssen wir nutzen"

VW-Chef Diess glaubt, den US-Erzrivalen Tesla bald einholen zu können. Die Firma von Elon Musk (51) bleibe größter Konkurrent – doch man sehe etwa an der Komplexität der neuen Fabriken in Grünheide bei Berlin oder in Austin (USA), dass auch dort nicht alles von selbst laufe.

"Tesla schwächelt", sagte der Vorstandsvorsitzende. "Elon muss gleichzeitig zwei hochkomplexe Fabriken hochfahren in Austin und Grünheide – sowie die Produktion in Shanghai ausbauen. Das wird ihn Kraft kosten", sagte Diess. Tesla-Chef Elon Musk selbst spreche davon, dass diese Fabriken aktuell Geld verbrannten. "Diese Chance müssen wir nutzen und schnell aufholen – 2025 können wir in Führung gehen", gab sich Diess kämpferisch.

Noch im laufenden Jahr könne der Abstand geringer werden, VW dürfe ihn zumindest "nicht noch größer werden lassen". Bald folgen weitere E-Modelle: Ab 2023 kommt der ID.3 auch nach Wolfsburg, 2026 soll der Trinity auf einer neuen Plattform mit hausgemachter Software starten.

Nach abermals heftigen Verstimmungen mit der Belegschaftsvertretung wegen möglicher Sparpläne für die VW-Zentrale sieht Diess nun mehr Einigkeit: "Es freut mich besonders, dass Daniela Cavallo  (47) und der Betriebsrat diese Transformation in so einem engen Schulterschluss wettbewerbsorientiert mit vorantreiben. Sie ist notwendig, um Wolfsburg zukunftssicher zu machen und langfristig Jobs zu sichern. Wolfsburg kann im Wettbewerb gegen Grünheide bestehen."

Cavallo zeigte sich ob des von Diess verbreiteten Optimismus zurückhaltender. Auch sie verwies zwar auf den historisch hohen Stand an Bestellungen. "Die Auftragsbücher platzen förmlich aus allen Nähten. Und: Wir verdienen richtig gut Geld, auch wenn das Volumen niedrig ist", sagte sie laut ihrem Redemanuskript. Die Erträge daraus seien "unglaublich". Cavallo warnte angesichts der wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine jedoch vor einer Wirtschaftskrise: "Es ist nicht auszuschließen, dass wir mit dem Schwung Hunderttausender Bestellungen im Rücken voll gegen die Wand einer weltweiten Rezession fahren."

Schwierig bleibt das Thema Software.  Beim Ausbau der konzerninternen IT-Tochter Cariad soll es größere Verzögerungen geben – unter der Regie der Einzelmarken Audi und VW soll die Entwicklung für bestimmte Assistenzsysteme daher nun doch einige Jahre noch parallel laufen. Diess warb erneut für Verständnis. Es gehe um ein Langzeitprojekt: "Keiner sonst traut es sich zu, alle Software-Fähigkeiten zu bündeln. Dass es dabei zu einigen Herausforderungen kommt, war von vornherein allen klar. Das heißt aber nicht, dass die Cariad gescheitert ist."

sio, rei/Reuters, dpa
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