Samstag, 20. Juli 2019

Deutsche Batterieindustrie Blei im Blut

Johnson Controls: Nahaufnahme eines Batteriegiganten
Johnson Controls

Ob in Rasenmähern, Yachten oder Autos: Weltweit gewinnt der Einsatz von Batterien an Bedeutung. Der Industriestandort Deutschland profitiert davon bisher wenig. Stattdessen gibt es viel zu verlieren.

In Oliver Merkles Fabrik sind Gummihandschuhe, Atemschutzmaske und Sicherheitskittel Pflicht. Die Maschinen dröhnen im Batteriewerk von Johnson Controls in Hannover, nur wenige Menschen verlieren sich in den Hallen.

Auf den ersten Blick ist die Gefahr nicht zu erkennen. Doch feinste Bleipartikel schwirren hier herum - und die sind hoch giftig. "Wir haben die Sache im Griff", sagt Merkle. Bei keinem Mitarbeiter erreiche der Bleiwert im Blut auch nur die Hälfte des Grenzwertes. Darauf ist Merkle stolz.

Stolz ist er auch darauf, dass das Geschäft mit den Blei-Säure-Autobatterien läuft, und läuft und läuft. Hier am ehemaligen Varta-Standort leben 1300 Leute von der Herstellung der Speicher. Das Batteriegeschäft ist keineswegs eine asiatische Angelegenheit. Volkswagen Börsen-Chart zeigen und die anderen Autohersteller in Mitteleuropa bestellen reichlich in Hannover, wo die Blöcke seit den 30-er Jahren vom Band rollen.

Gewaltiges Risiko für die gesamte Zulieferindustrie

Neue Technologien wie Start-Stopp-Automatik und Energierückgewinnung beim Bremsen setzen leistungsfähige Speicher voraus und verschaffen der Technik eine Renaissance. "Inzwischen glaube ich, dass die Batterien hier noch vom Band laufen, wenn ich in Rente gehe", sagt Merkle, ein drahtiger Typ um die 40, die braunen Haare steil nach oben geföhnt.

Aus Sicht der Branche ist das Werk in Hannover ein schlagkräftiger Beleg dafür, dass die deutsche Autoindustrie für eine Zukunft gerüstet ist, in der Batterien eine wachsende Rolle spielen. Immer mehr elektronische Geräte im Auto wollen zuverlässig mit Strom gespeist werden. In Hybrid- und Elektroautos speichert sie sogar die Energie fürs Fahren.

Genau dort steckt allerdings auch gewaltiges Risiko für die deutsche Autozulieferbranche, und dabei geht es nicht nur um die Batterieindustrie selbst. Denn auf dem Gebiet konkurriert die alte Autowelt mit einer neuen, noch weitgehenden unbekannten Autowelt.

Die alte, gleichwohl äußerst vitale Welt ist in Hannover zu besichtigen. Hier haben die Arbeiter sprichwörtlich Blei im Blut. Tonnenweise wird das Schwermetall hier per Zug und Lastwagen angeliefert, gegossen, aufgerollt, zu kleinen Gittern gestanzt wie Maler sie verwenden und schließlich in die typischen schwarzen oder weißen Plastikkästen eingesetzt.

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