"Strategie 2025" Die Eckpfeiler der neuen VW-Strategie

Höher, schneller, weiter, Weltspitze: Das gilt bei Volkswagen nicht mehr. VW-Konzernchef Matthias Müller stellt am Donnerstag seine Strategie bis 2025 vor - und die wird emissionsärmer und bescheidener als bisher. Welche Schwerpunkte Müller setzen wird, wo er mit Traditionen bricht.
Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller: Mit seiner "Strategie 2025" soll der Konzern fit für eine unsichere Zukunft werden

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller: Mit seiner "Strategie 2025" soll der Konzern fit für eine unsichere Zukunft werden

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Leistungsvergleich der Autohersteller: So rutscht VW im Zahlen-Check ab

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Es soll der Befreiungsschlag für Europas größten Autohersteller werden: Am morgigen Donnerstag, dem 16. Juni erklärt Konzernchef Matthias Müller ab 12 Uhr von Wolfsburg aus der Welt, wie er den Autoriesen fit für die kommende Dekade machen will.

"Strategie 2025" nennt Müller den Plan nüchtern. Mit dem Marschplan für die Zukunft will Müller endlich das bedrohliche Thema Diesel-Skandal in den Hintergrund drängen. Die neuen Vorgaben lösen die bislang gültige "Strategie 2018" ab. Sie war von Müllers Vorgänger Martin Winterkorn ausgerufen worden und sah unter anderem vor, den Zwölf-Marken-Konzern zum größten Autohersteller der Welt zu machen.

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Volkswagen: Dirty Diesel - die Chronik der Ereignisse im VW-Abgasskandal

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Müllers Masterplan wird mit einigen Grundsätzen brechen, die bisher bei Volkswagen als ehern galten. Der 62-jährige will dem bisher so zentralistisch geführten Konzern flachere Hierarchien verpassen. Manager sollen mehr Eigenverantwortung bekommen.

Umkrempeln will Müller auch das VW-Geschäftsmodell, um der gerade entstehenden Auto-Konkurrenz durch Apple, Google und Co. etwas entgegensetzen zu können. Volkswagen soll im gerade entstehenden Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen vorne mitmischen, viel mehr Modelle mit alternativen Antrieben anbieten. Und die Wolfsburger wollen auch gute Antworten parat haben auf die Umwälzungen, die durch die wachsende Bedeutung von Software, Smartphones und Internet auf die Autohersteller zurollen.

Die VW-Reform ist das große Projekt für Müller, der seit seinem Amtsantritt im Herbst als Krisenmanager unterwegs ist. In der Praxis tüftelt der Konzernchef aber keineswegs allein am Plan vom "allumfassenden Mobilitätsdienstleister". "Insgesamt arbeiten seit Jahresbeginn über 250 Kolleginnen und Kollegen an der neuen 2025", sagte Müller kürzlich.

Das sind die wichtigsten Strategie-Themen für Konzernchef Müller:

Neue Liebe zum Elektro-Auto

VW Golf mit Elektroantrieb: Bisher ist das Fahrzeug ein Ladenhüter - und doch ein Vorbote einer E-Auto-Offensive

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Subvention für Batteriefahrzeuge: Diese Elektroautos macht die Kaufprämie am billigsten

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Volkswagen und die Elektromobilität - das war bisher nicht gerade Zuneigung auf den ersten Blick. Zwar hat die Kernmarke VW mit dem E-Up und dem E-Golf zwei rein batterieelektrische Modelle im Programm, bei Audi, VW und Porsche gibt es eine Handvoll Plug-In-Hybridversionen im Angebot. Doch diese insgesamt neun verschiedenen Modelle wurden eher entworfen, um Gesetzesgeber in Europa, den USA und China ruhigzustellen. Als Verkaufsschlager mit einem überzeugenden Preis-Leistungsverhältnis konzipiert ist keines der aktuellen E-Modelle im VW-Konzern.

Das soll sich ändern, bei Elektromobilen erhöht Volkswagen nun die Schlagzahl deutlich. In den kommenden vier Jahren will Volkswagen fast zwei Dutzend zusätzlicher Elektroauto- und Plug-In-Hybridmodelle will Volkswagen vorstellen. Schon 2018 soll VW Marktführer bei Elektroautos sein, 2025 wollen die Wolfsburger jährlich eine Million Elektroautos verkaufen. Den Kampf mit Tesla soll Audi aufnehmen, mit einem Elektro-SUV, der von 2018 an in Brüssel gefertigt wird.

Mit der Entwicklung eines eigenen Elektro-Baukastens hatten die Wolfsburger schon unter Müllers Vorgänger Martin Winterkorn begonnen. Müller intensiviert und beschleunigt die Arbeiten jetzt, zieht zudem die Fertigung von Batterien für E-Fahrzeuge in Erwägung.

500 Kilometer Reichweite als Ziel - auch bei Kompaktautos

Medien haben berichtet, der VW-Vorstand plane sogar ein gewaltiges Batteriewerk im Raum Salzgitter. Bereits auf der Jahrespressekonferenz Ende April hatte Müller auf Nachfrage bestätigt, dass der Konzern über den Bau eigener Batteriefabriken nachdenke.

Entschieden ist aber nach Informationen von manager magazin indes noch nichts. Bislang analysieren die Konzernstrategendie Szenarien für die unterschiedlichen Optionen: Will man wirklich Batteriezellen fertigen; will man sich auf das Packaging der Batterien beschränken; in welcher Batteriegeneration will man einsteigen? Oder, auch das ist weiter eine realistische Variante, lässt man sich die Batterien weiter zuliefern und verzichtet auf die eigene Fertigung.

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Volkswagen auf der CES: Mit diesem Elektro-"Bulli" fährt VW in eine abgasfreie Zukunft

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Damit die E-Auto-Offensive auch in hohe Verkaufszahlen mündet, muss der Konzern die Batterie-Power kräftig erhöhen. Denn die geringe Reichweite zum hohen Preis ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Kunden kaum Elektroautos kaufen. Die aktuellen Stromer aus Wolfsburg kommen mit einer Akkuladung rund 150 Kilometer weit.

Künftig, so haben VW-Topmanager mehrfach erklärt, sollen Reichweiten von mehr als 500 Kilometern möglich sein, auch für Kompaktwagen .

Neue Führungskultur

Volkswagen-Werk in Wolfsburg: Die Zentrale soll künftig nicht mehr ganz so wichtig sein

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Ranking: Die weltgrößten Autohersteller 2015

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Der Diesel-Skandal hat die Manager-Ränge des Konzerns kräftig durchgewirbelt: Marken wie Skoda oder Seat haben neue Chefs, in den USA sind neue Manager am Ruder. Doch Müller hat auch ein paar komplett neue, weit oben angesiedelte Posten geschaffen.

Neben dem neuen Vorstandsressort "Integrität und Recht" gibt es erstmals bei Volkswagen einen dezidierten Leiter für die Konzernstrategie. Bislang war dies Sache des Konzernvorstands. Nun ist der Ex-Opel-Chef und einstige Unternehmensberater Thomas Sedran (51) dafür zuständig und berichtet direkt an Müller.

Mit Johann Jungwirth (42), dem früheren Chef von Daimlers Forschungslabor im Silicon Valley und kurzfristigen Apple-Manager, hat Müller den neu geschaffenen Fachbereich Digitalisierungsstrategie besetzt. Das Thema ist Chefsache, denn auch Jungwirth berichtet direkt an Müller.

Wichtigste Vorstandspersonalie derzeit: Kann sich VW-Markenchef Herbert Diess noch halten. Warum dies immer unwahrscheinlicher wird, lesen Sie in der jüngsten Ausgabe des manager magazins.

Neue Liebe für neue Services

Screenshot der Taxi-Fahrdienst-App Gett: 300 Millionen Dollar hat VW für den Einstieg bei dem Mobilitäts-Startup hingelegt

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Studie zu innovationsstärksten Automarken: Diese Neuerungen der Autohersteller sind richtig gut

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Mit einem wichtigen Zukunftsthema hat sich Europas größter Autohersteller bisher nur sehr zögerlich beschäftigt: Die Zahl der Menschen, die Autos nicht mehr besitzen, sondern lieber bei Bedarf nutzen wollen, nimmt besonders in Städten deutlich zu. Der Volkswagen-Konzern hat, anders als Daimler und BMW; in diesem Bereich bisher fast nichts zu bieten. Das hauseigene Carsharing-Programm Quicar, das die Wolfsburger in der nahegelegenen Stadt Hannover testeten, wurde Anfang des Jahres eingestellt.

Erster Schritt ist ein Millionen-Investment - in eine App

Nun haben die Wolfsburger einen ersten echten Schritt gewagt: Vor wenigen Tagen stieg Volkswagen mit 300 Millionen Dollar bei dem israelischen Fahrdienst-Anbieter Gett ein.

Dieser vermittelt städtische Taxifahrten per App, großteils für Unternehmenskunden. In der Branche ist ein regelrechter Wettkampf um diese neuen Fahrdienste entbrannt. Volkswagen will bis 2025 einen "substanziellen" Teil seines Umsatzes mit solchen neuen Mobilitätsdienstleistungen erwirtschaften.

Total digital - aber wie?

VWs Chef-Digitalisierer Johann Jungwirth will bei Volkswagen künftig ein "digitales Kundenerlebnis" bieten

VWs Chef-Digitalisierer Johann Jungwirth will bei Volkswagen künftig ein "digitales Kundenerlebnis" bieten

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VW will sich - wie eigentlich jeder Industrie-Konzern - digitalisieren, befindet sich dabei aber noch in der Frühphase. Verantwortlich dafür ist Johann Jungwirth. In drei neu gegründeten "Zukunftszentren" in Peking, Potsdam und dem Silicon Valley werden VW-Designer und Experten für die neue Online-Welt gemeinsam neue Fahrzeuge entwickeln und konzipieren.

Bisher fand der überwiegende Teil der Fahrzeugentwicklung in Wolfsburg statt, nun sollen die Zentren offenbar gleichberechtigt mitplanen. Ein paar Digital-Labore hat Volkswagen bereits, die laut Müller bereits als "Impulsgeber" und "Berater für IT-Zukunftsfragen" fungieren. Die dürften künftig wohl eine stärkere Bedeutung im Konzern bekommen.

Für die neuen Mobilitätsangebote verspricht Jungwirth günstige Preise - mit Kilometerpreisen auf dem Niveau, dass beim Besitz eines privaten Fahrzeugs anfällt. Im Gegensatz zur weltweit versammelten Konkurrenz muss Volkswagen aber eine besondere Bürde tragen: Die Aufarbeitung der Diesel-Manipulationen wird Milliarden verschlingen, das Geld fehlt dem Konzern bei dringend benötigten Investitionen. "Der Weg in die neue Autowelt wird sehr viel Geld kosten. Finanziert werden muss er mit den Einnahmen aus der alten Welt", betonte Müller. Das Geld für die Investitionen muss im klassischen Kerngeschäft verdient werden.

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