Auftritt von Travis Kalanick in München Ubers neue Masche für Europa: nett sein

Bislang war Uber mit Wonne der bad guy. Nun hat der Fahrdienstbetreiber seine Kommunikations-Strategie geändert. Er geriert sich als Heilsbringer, der die Umwelt rettet und gleichzeitig Tausende von Jobs schaffen will. Unter Umständen.
Von Mirjam Hecking und Andrea Rungg
Auf Beruhigungstour: Uber-Chef Travis Kalanick am Sonntag in München bei der Eröffnung der DLD (Digital-Life-Design) Konferenz.

Auf Beruhigungstour: Uber-Chef Travis Kalanick am Sonntag in München bei der Eröffnung der DLD (Digital-Life-Design) Konferenz.

Foto: Tobias Hase/ dpa

München - So schüchtern hatten die meisten Uber-Chef Travis Kalanick wohl noch nie erlebt. Mit fast schon zaghaften Schritten betrat er die Bühne bei der DLD-Konferenz in München. Verleger Hubert Burda hatte zum elften Mal zu seiner jährlichen Digital-Konferenz eingeladen. Facebooks Mark Zuckerberg war schon mal da, Google-Chairman Eric Schmidt oder Yahoo-Chefin Marissa Mayer, damals noch in Diensten Googles, ebenfalls. Wer in Amerika groß wurde, der schaute auch meistens hier vorbei - mit einer freundlichen Botschaft im Gepäck.

Da stand er nun, der Travis Kalanick. In der Hand die gelb-schwarze Fernbedienung für die Leinwandpräsentation, die er während seines Vortrags vor der angereisten Technologie-Elite immer wieder fest umklammerte. Kein glänzender Anzug, keine großspurigen Gesten. Travis Kalanick gab sich nervös und bescheiden, eine Eigenschaft, die man bei dem Mann bislang nicht beobachten konnte.

Bisher kannte man Kalanick so: Er setzte sich in einen Sessel, als habe er ihn gerade spielend erobert. Auf seinem Gesicht ein Siegerlächeln. Das Gespräch beherrschte er. Egal welche Frage der Moderator für ihn parat hatte, er meisterte sie auf seine Art und Weise. Ungehobelt, frech, arrogant. Ein ihm angebotenes Gespräch mit Politikern bezeichnete er mal als "a waste of time", also reine Zeitverschwendung. Und für das Taxi-Gewerbe, deren Geschäft er übernehmen will, hatte er nur Schimpfwörter wie "Arschloch" übrig. Und das nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern in schöner Regelmäßigkeit auf den Bühnen der digitalen Welt.

Kalanick will mit seinem Unternehmen das Betriebssystem für Transport werden. Erst Menschen, dann immer mehr: Möbel, vielleicht auch Lebensmittel, die man nicht mehr tragen kann. Und das alles über eine App, die Fahrer und Fahrgast oder Auftraggeber miteinander verbindet. Mehr als 3,2 Milliarden Dollar hat er dafür von Investoren erhalten. Er benötigt das Geld für Anwälte, die für ihn weltweit vor Gerichten kämpfen und Ubers Regelverstöße verteidigen. Er braucht es für Berater und die vielen Subventionen für seine Kunden, mit denen er viele Gewohnheiten ändern muss, die der Fahrer und die der Fahrgäste.

Euphemismusfeuerwerk und eine klare Drohung

In München zeigte sich Kalanick, das Enfant Terrible der Startup-Szene, jetzt wie ausgewechselt: Er war als Heilbringer angereist, einer der Europa Umweltschutz bringen will, eine bessere CO2-Bilanz und Tausende von Jobs. Seine Worte waren wohl gewählt. Höflich sollte er rüberkommen. Geschulte Beobachter wie der Medien-Professor Jeff Jarvis konstatierten via Twitter: "Es war faszinierend zu beobachten, wie der neue, Medien trainierte @travisk (Anmerkung der Redaktion: Twittername von Travis Kalanick) versuchte, auf dem #DLD15 für Europäer kuschelig herüberzukommen."

Während es vor einem Jahr noch für ihn Zeitverschwendung war, mit Politikern zu reden, will er 2015 nun für eine Charmeoffensive nutzen, mit Städten und deren Verwaltungen Partnerschaften bilden, damit Uber endlich richtig durchstarten kann.

Doch um dieses "Circulus Virtuosus" - wie er es nennt - starten zu können, soll Europa bitte endlich seine Gesetze ändern und endlich eine "fortschrittliche Regulierung" schaffen. Damit die bösen Wettbewerber, "die rechtliche Mittel nutzen, um den Fortschritt zu verlangsamen", endlich in ihre Grenzen gewiesen werden und Uber die "bestehenden Optionen ergänzen" kann. Wenn man neue Technologien habe, dann hätten die Gesetze der Vergangenheit einfach keinen Sinn mehr. "Neue Technologie braucht neue Regeln", sagte Kalanick.

Nur so, sagte Kalanick bei seinem Euphemismusfeuerwerk, könne Uber, den weltweit Tausenden Arbeitslosen oder Unterbeschäftigten "wirtschaftliche Möglichkeiten bieten, mit denen sie gleichzeitig ihre Städte besser machen können".

Fotostrecke

Fahrdienst im Größenwahn: Wie Uber zum meistgehassten Startup wurde

Foto: Tobias Hase/ dpa

Dass Amerikaner, und an dieser Stelle Travis Kalanick, unter "Jobs schaffen" etwas anderes verstehen als viele Europäer, das thematisiert er nicht oder es ist ihm nicht einmal bewusst. In Europa versteht man unter Jobs in der Regel sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Kalanick will lauter selbstständige Taxifahrer produzieren, die schlicht nur ihren Lebensunterhalt erwerben müssen. Dass manche Uber-Fahrer, wie die Moderatorin anmerkte, mit Uber viel zu wenig Geld verdienten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, das ist für Travis Kalanick eher ein temporäres Problem.

Breitseite gegen Autoindustrie

Und man habe dazugelernt, gelernt aus Fehlern. Bei "that Hebdo", er meinte den Terror-Anschlag auf die französische Satire-Zeitung "Charlie Hebdo", habe Uber auf die ansonsten üblichen Verteuerungen des Dienstes bei steigender Nachfrage verzichtet. Bei dem Anschlag auf ein Café in Sydney trieb der automatische Algorithmus die Kosten noch nach oben, weil die Nachfrage plötzlich viel höher war.

Gegen Ende seines Vortrags kam allerdings kurz wieder der überhebliche Kalanick durch. 50 000 neue Jobs wolle Uber 2015 in Europa schaffen, 400 000 Autos von der Straße holen. Damit dürfte sich Uber neben der Taxiindustrie noch einen neuen Gegner gemacht habe. Die Autoindustrie.

Für Kalanick dürfte das aber kein Problem sein, denn die Uber-Statistiken zeigten ohnehin, dass Autos zu 96 Prozent nicht genutzt und nur herumstehen würden. Er wolle das Fahren mit Uber so billig machen, dass sich ein eigenes Auto bald nicht mehr lohnen würde. Das hört die europäische Autoindustrie sicherlich nicht gerne.

Fotostrecke

Fahrdienst im Größenwahn: Wie Uber zum meistgehassten Startup wurde

Foto: Tobias Hase/ dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel