Video zum Roboterauto-Unfall wirft Fragen auf Wie die Autobranche auf den tödlichen Uber-Crash reagiert

Dieser Uber-Testwagen, ein umgebauter Volvo XC90, verursachte im autonomen Fahrmodus einen tödlichen Unfall in Tempe, Arizona

Dieser Uber-Testwagen, ein umgebauter Volvo XC90, verursachte im autonomen Fahrmodus einen tödlichen Unfall in Tempe, Arizona

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Selbstfahrende Autos: Wie weit die Hersteller beim autonomen Fahren sind

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Die Sequenzen dauert nur wenige Sekunden, doch die sind ebenso schockierend wie verstörend: Drei Tage nach dem tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto hat die Polizei Videoaufnahmen der letzten Sekunden vor dem Zusammenstoß veröffentlicht.

Die beiden wenige Sekunden langen Sequenzen zeigen zuerst Aufnahmen einer Kamera auf dem Armaturenbrett des Roboterautos - einem mit Sensoren und Selbstfahr-Software aufgerüsteten Volvo XC90 des Fahrdienst Uber. Dabei ist zu sehen, wie die bei dem Unfall tödlich verletzte Fußgängerin ihr Fahrrad auf die unbeleuchtete Straße schiebt. Scheinbar aus dem Nichts tauchen zuerst ihre Füße im Bild auf, anderthalb Sekunden später wird sie von dem Auto in voller Fahrt getroffen. Die 49-Jährige erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Die zweite kurze Sequenz mit einer Aufnahme aus dem Inneren des Autos scheint zu belegen, dass sich die Fahrerin auf die Automatikfunktion ihres Wagens verlassen hatte. Sekundenlang blickt sie nach unten, erst kurz vor dem Zusammenprall schaut sie auf und schnappt entsetzt nach Luft.

Video zum Unfallhergang - Achtung, explizites Bildmaterial:

Tempe Police Department

Experten zweifeln an Technik - und an Fahrer-Kontrolle

In einer ersten Stellungnahme äußerte die Polizei zwar Zweifel an der Schuld von Uber. Der Unfall wäre auch für einen menschlichen Fahrer unvermeidbar gewesen, hieß es Anfang der Woche. Doch das nun gezeigte Video wirft unangenehme Fragen für die Verlässlichkeit der eingesetzten Technik und die Rolle der Kontrollfahrerin auf.

Die Aufnahmen der Armaturenbrett-Kamera legen nahe, dass die Frau wenige Sekunden vor dem Zusammenstoß die Fahrbahn betreten hatte und sich von links nach rechts bewegte. Das hätten die Lidar-Sensoren des Fahrzeugs, die von optischen Lichtverhältnissen unabhängig arbeiten, eigentlich registrieren müssen.

Experten zeigten sich nun überrascht davon, dass der Wagen trotz seiner vielen Sensoren nicht reagiert zu haben scheint. "Das Video zeigt eindeutig, dass die Passantin nicht erkannt wurde, nicht mal, als sie bereits vor dem Auto stand. Alles deutet auf Versagen der Uber-Sensorik und -Programmierung hin", sagte Raúl Rojas, Leiter des Dahlem Center for Intelligent Systems an der Freien Universität Berlin, dem Science Media Center. "Herkommliche Notstop-Systeme hätten bei modernen Autos in dieser Situation wohl eingegriffen."

Auch der Leiter des Instituts für Mess- und Regelungstechnik am Karlsruher Institut für Technologie, Christoph Stiller, betonte, die Laser- und Radarsensoren arbeiteten "unabhängig vom Tageslicht und hätten die Fußgängerin mit ihrem geschobenen Rad selbst noch bis in 100 Metern Entfernung detektieren müssen". Die erste Einschätzung der Polizei, dass er Unfall unvermeidbar erschien, werde von dem Video in Frage gestellt.

Zudem sollten Kontrollfahrer an Bord jederzeit die Hände auf dem Lenkrad haben und das Verkehrsgeschehen überwachen. Die Aufnahmen aus dem Inneren vermitteln jedoch ein anderes Bild.

Uber und Toyota verhängen vorübergehenden Roboterauto-Teststopp

Der tödliche Unfall fachte weltweit eine Debatte über die Sicherheit des autonomen Fahrens an - in den USA, aber auch bei europäischen Autoherstellern. Dabei gibt es große Unterschiede bei der Herangehensweise, wie eine Studie von Roland Berger zeigt: US-Unternehmen wie Google und Uber, aber auch der Autohersteller General Motors, wollen so schnell wie möglich komplett selbstfahrende Fahrzeuge auf den Markt bringen. Diese sollen ohne Zutun eines menschlichen Fahrers mit möglichst jeder Straßensituation auf öffentlichen Straßen zurechtkommen.

Europäische und japanische Autohersteller wollen Selbstfahr-Technik Schritt für Schritt als erweiterte Assistenzsysteme anbieten. Den Marktstart komplett autonom fahrender Fahrzeuge verorten sie deshalb später in der Zukunft als ihre US-Konkurrenten.

Toyota besorgt über "emotionale Auswirkungen" auf Testfahrer

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Der US-Fahrdienstvermittler Uber äußerte sich bereits am Montag tief betroffen und stoppte vorübergehend den Betrieb seiner selbstfahrenden Autos für Tests oder Kundenfahrten in Tempe, Pittsburgh, Toronto und San Francisco. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, "vollständig mit den örtlichen Behörden" zu kooperieren, um den Unfall aufzuklären.

Der japanische Autohersteller Toyota kündigte an, öffentliche Straßentests seiner selbstfahrenden Testwagen in den USA vorübergehend auszusetzen. Man sei besorgt über den "emotionalen Auswirkungen" des Unfalls auf seine eigenen Kontrollfahrer, erklärte der Konzern. Es gebe noch keinen Zeitplan, wann die Tests wiederaufgenommen werden.

Vom IT-Konzern Google, der in den USA die größte Testflotte an Roboterautos betreibt, gibt es bislang noch keine Stellungnahme zu dem tödlichen Unfall. Das gleiche gilt für den Stuttgarter Autohersteller Daimler, der sich an vorderster Front bei der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge sieht.

Warum BMW, VW und PSA keinen Anlass für Änderungen sehen

BMW äußerte sich auf seiner Bilanzpressekonferenz am Mittwoch zu dem Vorfall. "Das ist ein sehr dramatisches und auch bedauerliches Ereignis", erklärte BMW-Technikchef Klaus Fröhlich. Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es "technisch keine Möglichkeit, autonomes Fahren unfallfrei einzusetzen", so Fröhlich. Deshalb sei autonomes Fahren bei BMW ein "sehr langfristiges Projekt". Man werde überwiegend selbstfahrende Fahrzeuge erst ab 2021 in Pilotprojekten einsetzen, aber "nur dann, wenn wir die notwendige Reife haben".

Dennoch will BMW seine Testflotte an autonomen Fahrzeugen in diesem Jahr auf 80 Fahrzeuge verdoppeln. In Kürze eröffnet der Hersteller einen Campus für autonomes Fahren bei München. Ob die aufgestockte Roboterauto-Flotte auch auf öffentlichen Straßen oder gar im Stadtverkehr getestet werden soll, verriet Fröhlich nicht.

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VWs Pläne mit autonomen Fahrzeugen: So stellt sich Volkswagen seine Roboterauto-Zukunft vor

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Auch Volkswagen bleibt bei seinen Plänen für die Einführung vollautonomer Fahrzeuge. "Wir werden uns nicht vom Kurs für unsere langfristige Strategie abbringen lassen auf der Basis eines tragischen Ereignisses", erklärte Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller gegenüber der Fachzeitschrift Automotive News. Man solle keine vorschnellen Schlüsse aus dem Ereignis ziehen. Es gebe jedenfalls Anzeichen, dass der Unfall unvermeidlich war. "Ich rate dringend dazu, die Untersuchungsergebnisse abzuwarten", so Müller.

VW-Chef: Branche sollte Sicherheitsanstrengungen verdoppeln

Volkswagen werde sich "mit Sorgfalt und Bedacht" an das vollautonome Fahren herantasten. Bis 2021 werde der Konzern das autonome Fahren nach Level 4, also mit gelegentlicher Kontrollübernahme durch menschliche Fahrer, "in umgrenzten Umgebungen" umsetzen können. Das allerdings unter "größtmöglicher Minimierung der Risiken". Man werde aber noch über viele Jahre ein Nebeneinander von autonom fahrenden und konventionell betriebenen Fahrzeugen sehen. Die Branche müsse ihre Anstrengungen verdoppeln, um sicherzustellen, dass die Selbstfahr-Technologie sicher und sozial akzeptiert sei, fügte er noch hinzu.

Auch PSA bleibt bei seinen bisherigen Plänen. Ein Sprecher des französischen Opel-Mutter PSA erklärte gegenüber Automotive News, dass PSA seine aktuellen Tests wegen des Unfalls nicht ändern werde. Sicherheit habe dabei höchste Priorität.

PSA testet seine Selbstfahr-Technologie seit 2015 auf französischen Straßen. Mitte vergangenen Jahr startete die Franzosen ein Projekt, bei dem normale Autofahrer in Selbstfahr-Prototypen des Konzerns fahren können. Dabei ist immer ein Ingenieur an Bord, der im Notfall eingreifen kann. Der Konzern will so ermitteln, wie Alltagsfahrer mit dem autonomen Fahren klarkommen - und wie sie sich verhalten, wenn sie der Wagen in kritischen Situationen zur Fahr-Übernahme auffordert.

mit Material von dpa, Reuters