Dienstag, 21. Mai 2019

Börsenprospekt offenbart Risiken Problem-Prospekt - das sind Ubers Schwachstellen

Proteste gegen Uber
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Proteste gegen Uber

Es soll einer der größten Börsengänge überhaupt werden: Zehn Milliarden US-Dollar will Uber in die eigenen Kassen spülen. Die Unternehmensbewertung soll fantastische 100 Milliarden Dollar betragen. Jetzt aber zeigt sich, wie es um das Mobilitätsunternehmen aus San Francisco tatsächlich steht. Die Probleme offenbart der rund 400-seitige IPO-Prospekt, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Das Dokument zeichnet Ubers Wachstum der Superlative nach. 2009 gründen Travis Kalanick (42) und Garrett Camp (40) den Limousinenservice für wohlhabende Kunden. Vier Jahre später kommt der Durchbruch mit UberX, einem günstigen Taxidienst von Privatfahrern, der in Deutschland später verboten wird. Heute ist Uber in mehr als 60 Ländern und 700 Städten verfügbar, erst gestern kündigte das Unternehmen seinen Start in Köln an. 15 Millionen Fahrten werden täglich gebucht. Der Umsatz sprang von 495 Millionen im Jahr 2014 auf 11,3 Milliarden US-Dollar 2018.

Der Prospekt wirft allerdings auch Zweifel auf: Kann Uber die wahnsinnige Wachstumsstory in Zukunft halten? Während das Start-up den Umsatz von 2016 auf 2017 verdoppeln konnte, stieg die Zahl in den zwölf Monaten darauf noch um 42 Prozent.

Außerdem brachte das Raketen-Wachstum schwerwiegende Probleme, die Uber heute noch belasten. Das Jahr 2017 war von Skandalen geprägt, es ging unter anderem um Sexismus, vertuschte Datenlecks und Diskriminierung. CEO Kalanick überstand den Tumult nicht: Er musste seinen Posten räumen. Uber kosteten die Enthüllungen den Ruf und hunderttausende Nutzer. Im Prospekt heißt es, das Nutzerwachstum könne auch künftig erheblich sinken, unter anderem, da die Unternehmenskultur weiter als "vergiftet" angesehen werde. Das US-Justizministerium untersucht verschiedene Geschäftspraktiken.

Bedrohlich: Die schlechte Beziehung zu den eigenen Fahrern

Das Wachstum bleibt teuer. Die Verluste (gemessen am Betriebsergebnis) summierten sich zwischen 2016 und 2018 auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar - exklusive der Einnahmen, die durch Verkäufe mehrerer Ländergesellschaften erzielt wurden. Drei Milliarden Dollar operativer Verlust entfallen auf vergangenes Jahr. Leisten konnte es sich das Unternehmen: Von Investoren wie dem japanischen Technologieriesen Softbank und dem Risikokapitalgeber Benchmark flossen 20 Milliarden Dollar Eigen- und Fremdkapital an Uber - deutlich mehr als jedes andere Start-up in den USA bisher erhalten hat.

Gewinne scheinen aber weit entfernt. Uber räumt im Prospekt das Risiko ein, womöglich nie profitabel werden zu können.

Womöglich das bedrohlichste Problem ist Ubers Beziehung zu den eigenen Fahrern, denn das Start-up spart auf ihre Kosten. Uber holt Privatleute auf seine Plattform, die als Selbstständige Taxifahrten mit ihrem eigenen Auto anbieten. Als eigenständige Subunternehmer bekommen sie zum Beispiel keinen Zugang zu einer Krankenversicherung, erhalten keinen Mindestlohn und werden in Essens- und Ruhezeiten nicht bezahlt. Um profitabel zu werden, muss Uber den Lohn der Fahrer weiter drücken.

Aber die wehren sich zunehmend gegen Uber, immer wieder gibt es Proteste - und Klagen. Sollte das Unternehmen gesetzlich dazu gezwungen werden, die freien Fahrer anzustellen, wäre das Geschäftsmodell in Gefahr. Änderungen wären notwendig, "die sich nachteilig auf unsere Geschäfts- und Finanzlage auswirken würden", heißt es im Prospekt. Mehr als 60.000 Fahrer wollen vor Schiedsgerichte ziehen oder haben demnach bereits Beschwerden eingereicht, da sie sich ausgenutzt fühlen.


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Uber hat 2018 Marktanteile in den meisten wichtigen Regionen verloren. Der Wettbewerb durch Konkurrenten wie Lyft oder Ola wird härter - mit Rabatten kämpfen die Firmen um Kunden. Vor zwei Jahren lag der Marktanteil in den USA laut der Zeitung "Wall Street Journal" bei 78 Prozent, heute nur noch bei 67 Prozent.

Wie verletzlich Uber ist, offenbart ein weiterer Punkt: Der Taxidienst ist stark von nur fünf Metropolen abhängig. In Los Angeles, New York, San Francisco, London und São Paulo werden ein Viertel aller Buchungen getätigt. Sollte sich die Regulierung dort zu Ubers Ungunsten wenden, könnte das die Einnahmen einbrechen lassen.

Ein Treiber immerhin ist der Essenslieferservice Uber Eats. Dessen Umsätze stiegen von 103 Millionen US-Dollar (2016) auf 1,5 Milliarden Dollar (2018). Das sind bereits 13 Prozent des gesamten Umsatzes.

Autonomes Fahren bleibt ein wunder Punkt

Daneben investiert Uber in Mobilitätsangebote wie Scooter, Leihräder und den Logistikdienst Uber Freight. Die Umsätze sind hier mit 373 Millionen US-Dollar noch überschaubar, das meiste Wachstum geht auf Uber Freight zurück. Wie viel die Felder künftig wirklich beitragen können, ist offen.

Eine Menge Geld steckt das Unternehmen außerdem in die Entwicklung autonom fahrender Autos. Zwischen 2016 und 2018 waren es rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Die Division ist ein weiteres Risiko für Uber: Im März 2018 hatte eine Uber-Testfahrerin mit ihrem Wagen eine Fußgängerin überfahren; die Frau starb. Die Kritik bleibt deswegen groß: Zuletzt wurde bekannt, dass ein scheidender Uber-Manager noch vor dem tödlichen Unfall vor Problemen mit der autonomen Software gewarnt hatte. Weitere Zwischenfälle darf Uber sich nicht leisten.

Kosten und Ausgaben steigen kontinuierlich. Vergangenes Jahr lagen sie 19 Prozent über dem Vorjahr bei mehr als 14 Milliarden US-Dollar. Uber-Chef Dara Khosrowshahi (49) schrieb am Donnerstag, langfristige Chancen nicht hinter kurzfristigen finanziellen Zielen zurückzustellen zu wollen. Den Beweis, dass seine Strategie das Überleben des Unternehmens sichern kann, wird er erst noch erbringen müssen.

Wie erfolgreich Ubers Börsengang sein wird, hängt nun davon ab, wie gut sich das Start-up in den nächsten Wochen vor Investoren präsentieren kann. Skepsis dürfte Uber allein schon wegen der schwächelnden Performance des Wettbewerbers Lyft entgegenschlagen. Der ging vor zwei Wochen mit großem Erfolg an die Börse, verzeichnet seitdem aber sinkende Kurse. Ubers Problem-Prospekt könnte sein Übriges tun.

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