Montag, 18. November 2019

Volkswagen vertagt Beschluss für neue Fabrik wegen Syrien-Invasion VW legt Plan für neue Milliarden-Fabrik in der Türkei vorerst auf Eis

"Mit großer Sorge" beobachte Volkswagen die neue kriegerische Entwicklung in Syrien, für die der türkische Präsident Erdogan verantwortlich zeichnet

Es war alles besiegelt, die Verhandlungen über den Fabrikneubau in der Türkei soll Volkswagen-Chef Herbert Diess zeitweilig sogar direkt mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan geführt haben. Bis zu einer Milliarde Euro wollte und will VW in den Bau einer neuen Fabrik in Manisa nahe Izmir investieren. Bis zu 300.000 Autos könnten hier jährlich ab 2022 vom Band laufen.

Doch mit der Invasion in Syrien gefährdet die Türkei jetzt das Milliardenprojekt. Nach verschiedenen Medienberichten überdenkt VW den Bau der Fabrik in der Türkei, will seine Unterschrift vorerst nicht unter das fertige Vertragswerk setzen.

Man befinde sich in der "finalen Phase" der Planung, beobachte die Entwicklung in Nordsyrien aber "ganz genau und mit großer Sorge", sagte ein VW-Sprecher dem "Spiegel". Genauer äußerte er sich zu einem vorangegangenen Bericht der "FAZ" (€) zunächst nicht. Am Dienstagvormittag dann erklärte ein Konzern-Sprecher : "Die Entscheidung für das neue Werk wurde vom Vorstand der Volkswagen AG vertagt."

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der für den Großaktionär Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat sitzt, erklärte: "Die Bilder, die wir aus Nordsyrien sehen, sind entsetzlich." Die Militäroffensive sei ein offensichtlicher Bruch des Völkerrechts. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Volkswagen unter diesen Bedingungen in der Türkei eine Milliardeninvestition vornimmt", sagte Weil.

Nach bisherigen Planungen soll in der Fabrik nahe Izmir der VW Passat und der baugleiche Skoda Superb vom Band laufen - bestimmt vor allem für den Export nach Osteuropa. Gut ein Zehntel der Fahrzeuge soll an Kunden in die Türkei gehen. 4000 Menschen würde die Fabrik beschäftigen.

Ende 2020 soll mit dem Bau begonnen werden, der Produktionsstart ist für 2022 vorgesehen. Auch Bosch hat hier bereits eine Fabrik, genauso wie der Heizungsspezialist Zehnder-Gruppe und PepsiCo. Die in einer Rezession befindliche türkische Wirtschaft braucht die Investitionen und das Kapital aus dem Ausland dringend.

VW-Entscheidung schon im Vorfeld umstritten

Die Entscheidung für die Türkei war allerdings schon im Vorfeld kritisiert worden. Schließlich beschneidet der türkische Autokrat Erdogan die freie Meinungsäußerung und die Demonstrationsfreiheit, lässt oppositionelle Politiker inhaftieren und duldet erst Recht keinen Widerspruch an der jüngsten Militärinvasion in Syrien.

Volkswagen hielt den Kritikern bislang entgegen, dass das Land am Bosporus seit Jahren als Kandidat für einen EU-Beitritt gilt. Die Türkei sei zudem eine entwickelte Marktwirtschaft. "Wir gehen davon aus, dass die türkische Wirtschaft wieder wachsen kann", hieß es noch Ende September rechtfertigend aus Wolfsburg.

Im einem Umfeld, in dem die USA Sanktionen gegen die Türkei verhängen, Deutschland und andere EU-Staaten keine Waffen mehr an den Nato-Partner liefern wollen und die Türkei mit der Invasion eindeutig völkerrechtswidrig agiert, scheint man in Wolfsburg wohl Skrupel zu haben, die Pläne unbeirrt fortzuführen.

Image von Volkswagen könnte Schaden nehmen

Dem Image von Volkswagen zumindest könnte es aktuell empfindlich schaden, in ein Land zu investieren, das es mit Menschenrechten wenig genau nimmt, das hauptverantwortlich ist für neue kriegerische Auseinandersetzungen in Syrien ist und Bilder von Flüchtlingsströmen genau das täglich immer wieder in Erinnerung rufen.

Laut "Handelsblatt" wolle VW grundsätzlich an seinen Plänen festhalten und den Verlauf der militärischen Eskalation abwarten. Auch VW-Aufseher Weil gab zu verstehen, dass es der Stab über die geplante Autofabrik noch nicht endgültig gebrochen sei. Es gehe aktuell um einen Aufschub der Pläne und noch nicht um eine komplette Absage.

Kämen Zivilisten zu Tode, könne es kein Votum für die Türkei geben, heißt es aus Konzernkreisen weiter. Tatsächlich sind Zivilisten bei türkischen Angriffen bereits ums Leben gekommen und wurden kurdische Politiker von türkischfreundlichen Milizen in Syrien auf offener Straße ermordet.

Trotz erster Sanktionen wird Präsident Erdogan von seinen Ziel, die Kurden in Nordsyrien zu entmachten und zu vertreiben, wohl nicht so schnell Abstand nehmen. Der Konflikt in der Region dürfte damit noch länger andauern - ob Volkswagen dann noch an seinem milliardenschweren Investitionsplan festhält, wird sich zeigen.

rei

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